Stadtbummel
An Weihnachten muss man nicht immer Rotkohl essen

Judith Frei
Judith Frei
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Schweizer Rotkohl: Gekocht, ein beliebtes Gemüse auf dem Weihnachtsteller. (Symbolbild)

Schweizer Rotkohl: Gekocht, ein beliebtes Gemüse auf dem Weihnachtsteller. (Symbolbild)

Keystone

«‘S isch immer so gsi!», heisst das Solothurner Lied, das auch ein wenig das Motto in dieser Stadt ist: War schon immer so, wird auch immer so bleiben. Doch seit diesem Jahr ist fast nichts, wie es mal war. Alles wurde abgesagt, das Leben steht still – könnte man meinen.

«Dennoch Konzert», steht auf dem Kartonschild geschrieben, das beim Baseltor kulturelle Anlässe ankündigt. Der Name ist Programm: Trotz Einschränkungen spielen Musikerinnen und Musiker im Konzertsaal Klavier und Flöte für Liebhaber klassischer Musik.

Auch bei der Fasnacht geht was. Die Umzüge sind zwar abgesagt, die Stimmung bei vielen dadurch im Keller. Dennoch: Die Schnitzelbänkler, Guggen und die UNO haben die Flinte noch lange nicht ins Korn geworfen. Es wird studiert, Konzepte erarbeitet, um auf irgendeine Art Fasnacht nächstes Jahr doch noch feiern zu können. Dass es nicht das Gleiche wird, da macht sich aber niemand Illusionen.

Auch das Gewerbe ist in letzter Zeit nicht still gestanden. Trotz Maskenpflicht und Lockdown durfte ich seit diesem Sommer über unzählige Neueröffnungen berichten. In der Vorstadt gibt es beispielsweise einen neuen Blumenladen an der Berntorstrasse. Nebenan hat ein veganer Beck bis Ende Dezember eine Pop-up-Verkaufsstelle. Beim Rossmarkt werden seit diesem Herbst italienischen Spezialitäten verkauft. Das alles in der Vorstadt. Geht man über die Kreuzackerbrücke, gibt es seit kurzem am Ritterquai einen neuen Spezialitätenladen. Die Zeilen, um alles aufzuzählen, reichen nicht.

Auch die Gastronomen stehen nicht still. Unter prekärsten Umständen wird noch tapfer weiter gewirtet. Neue, originelle Konzepte sind entstanden. Nur ein Beispiel: Wenn man Richtung Feldbrunnen fährt und beim Pintli einkehren möchte, dann kann es gut sein, dass man im intimen Rahmen im Garten in einem Gewächshaus essen wird. Um die Anzahl Gäste zu erhöhen und trotzdem deren Sicherheit zu garantieren, hatte die Wirtin diese findige Idee.

Diese Dinge muntern mich in dieser trüben Zeit auf und zeigen mir, dass auch ich den Kopf nicht hängen lassen muss. Mein Familienrat hat soeben beschlossen, dass dieses Jahr Weihnachten ohne Oma, Tante und Onkel gefeiert wird. Doch statt Krokodilstränen zu vergiessen, hat mich Solothurn dazu inspiriert, eine Lösung zu suchen.

Wer sagt schon, dass Heiligabend immer gleich ablaufen muss? Muss man tatsächlich am 24. Dezember immer in der Verenaschlucht eine Kerze anzünden? Ein Lichtermeer bei sich zu Hause ist bestimmt auch schön.

Muss das Essen – wie das in unserer Familie der Fall ist – immer der wichtigste Teil an diesem Tag sein? Wenn Omas Rotkohl nicht auf dem Tisch steht, wird das Essen sowieso nur halb so gut schmecken. Vielleicht wird mein Weihnachten 2020 ein Waldspaziergang mit Glühwein und Sicherheitsabstand. Die Optionen sind vielfältig, und es gibt keinen Grund zum Trübsal blasen. Wenn dieses Jahr sogar Solothurn seinem Motto untreu geworden ist und so viel Neues ausprobiert hat, dann kann auch ich mal Weihnachten ohne Rotkohl feiern.