Sie stellen für ihr Umfeld eine Herausforderung dar, Kinder und Jugendliche, die sich nur schlecht in ein soziales Gefüge einbinden lassen. Ganz besonders die Schulen können ein Lied davon singen. Der Umgang mit Schülerinnen und Schülern, die durch ihr Verhalten den Unterricht stören, stellt für die integrative Schule einen Knackpunkt dar. In etlichen Fällen genügen nämlich die Zusatzlektionen innerhalb der speziellen Förderung nicht. Welches sind die Hintergründe für das Phänomen? Was versteht man überhaupt unter Verhaltensauffälligkeiten? Und: Wie können Schulen und Lehrpersonen darauf reagieren? Wir haben dazu Barbara Wendel befragt, die Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Solothurner Spitäler AG (soH).

Gibt es immer mehr verhaltensauffällige Kinder?

Barbara Wendel: Wir gehen davon aus, dass 10 bis 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen Verhaltensauffälligkeiten aufweisen, die behandelt werden sollten. Das sind pro Klasse zwei bis drei Kinder. Sie brauchen den Beizug von Fachleuten aus dem sozio-psycho-pädagogischen Bereich. Dabei kann es sich um Heilpädagogen im Rahmen der speziellen Förderung handeln, Schulsozialarbeiter oder auch Schulpsychologen. Und: Bei schweren Fällen, wenn die Verhaltensauffälligkeit durch eine psychische Störung verursacht wird, braucht es eine Therapie im Rahmen der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Zwei bis drei Kinder pro Klasse – beobachten Sie eine steigende Tendenz?

Es kommt sehr darauf an, wie die Politik und die Gesellschaft Verhaltensauffälligkeiten definiert. Ich behaupte, dass sich der Prozentsatz in den letzten 10 Jahren nicht verändert hat. Wir haben heute einfach nur viel differenziertere Möglichkeiten, auf die Betroffenen einzugehen. Gerade in der Schweiz sind wir in diesem Bereich sehr sensibel und stellen auch für Fachstellen viele Ressourcen zur Verfügung.

Machen wir zu viel?

Nein, ich denke nicht. Wir haben die Möglichkeiten und das Glück, in einem Staat zu wohnen, wo man solchen Problemen begegnen kann. Wir sollten in unsere Zukunft investieren und den betroffenen Kindern mit einer geeigneten Förderung gerecht werden. Die Kinder müssen dabei so gefördert werden, dass sie auch gefordert werden. Wenn man nichts macht, könnten sich über die Zeit bei etlichen verhaltensauffälligen Kindern psychische Störungen entwickeln. Zudem dürfte bei vielen der Übergang in die Berufswelt schwierig werden.

Innerhalb der Schule werden vor allem jene Schüler als Problem wahrgenommen, die mit ihrem Verhalten den Unterricht stören ...

Dabei handelt es sich um die externalisierenden Verhaltensauffälligkeiten. Es sind dabei oft Buben, die stören, die aggressiv sind und die man nicht einbinden kann. Sie sind mit ihrem Verhalten eine grosse Herausforderung für ihr Umfeld. Daneben gibt es aber auch noch die internalisierenden Verhaltensauffälligkeiten, die oft bei Mädchen auftreten. Diese Kinder und Jugendlichen machen sich klein und unsichtbar. Sie wirken manchmal sogar besonders pflegeleicht.

Von diesen internalisierenden Verhaltensauffälligkeiten spricht man viel weniger ...

In diesem Bereich haben wir Handlungsbedarf. Wenn solche Verhaltensauffälligkeiten nicht behandelt werden, können sich Depressionen und Angststörungen entwickeln. Wir stellen fest, dass dieses Phänomen zunimmt. Dass es bereits depressive Kinder gibt, ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabu.

Wo sehen Sie Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten?

Es geht immer um einen ganzen Strauss von Faktoren, die sich in Verhaltensauffälligkeiten äussern können. Da gehören biologische Faktoren genauso dazu wie psychosoziale Faktoren. Aber auch das Umfeld, also die familiäre Situation oder die Schule, spielt eine zentrale Rolle. Oft liegt im Umfeld der Auslöser für ein auffälliges Verhalten: Bei einem Kind mit einer bestimmten Disposition kann zum Beispiel die Überforderung in der Schule zu Leistungsversagen führen und dann auch zu Verhaltensauffälligkeiten. Bei einer Behandlung muss man immer alle Faktoren anschauen.

Längst nicht alle Kinder aber werden unter erschwerten Verhältnissen verhaltensauffällig?

Zentral ist die Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit. Das heisst, wie ein Kind imprägniert ist gegen schwierige Situationen. Kinder und Jugendliche sind nicht einfach Opfer. Eine gewisse Resilienz ist dabei angeboren, man kann sie aber auch fördern. Innerhalb einer Behandlung, aber auch in der Schule. Je kleiner und jünger ein Kind ist, desto mehr ist es darauf angewiesen, dass sein Bezugsumfeld seine Möglichkeiten richtig erkennt und seine Bedürfnisse erfüllt. Je grösser ein Kind ist, desto mehr wird es mitbeteiligt am Erfüllen seiner Grundbedürfnisse.

Wo ordnen Sie das Phänomen ADHS ein?

Dabei handelt es sich nicht um eine sogenannt normale Verhaltensauffälligkeit, sondern um eine psychische Entwicklungsstörung. Die angeborene Disposition spielt hier eine besonders grosse Rolle. Wenn jemand in der Familie bereits ADHS hat, sind die Nachkommen häufig auch davon betroffen.

Sie haben zuvor als einen der Faktoren das Umfeld angesprochen. Können Sie das konkretisieren?

Migrantenkinder zum Beispiel, die traumatisiert sind und mit schwierigen Erlebnissen zu kämpfen haben, reagieren öfter mit einem auffälligen Verhalten. Zudem: Viele Kinder stehen heute aufgrund der Erwartungen und Anforderungen ihres Umfeldes unter einen hohen Leistungsdruck. Wenn sie dadurch kognitiv überfordert sind, können sie verhaltensauffällig werden. Und das andere ist: Wir haben immer mehr Kinder, die emotional nicht ihrem Alter entsprechend entwickelt sind. Sie haben nicht die entsprechende Reife, Selbstständigkeit und Belastbarkeit.

Wo sehen Sie den Grund für die fehlende Reife?

Einer der Gründe ist zunehmend, weil die Kinder bis weit ins Schulalter hinein überbehütet sind, weil sie nicht die Möglichkeit hatten, eine gewisse Selbstständigkeit zu entwickeln, der Schulweg zum Beispiel ist so ein Thema. Alles wird für die Kinder gemacht, alles aus dem Weg geräumt, damit sie möglichst die Leistungen erbringen können. Sie werden früh kognitiv gefördert, aber sie bleiben emotional Kleinkinder. Und dann sind sie überfordert, wenn sie in der Schule plötzlich allein dastehen.

Damit nehmen Sie konkret die Eltern in die Pflicht?

Es scheint mir ganz zentral, dass Kinder zu selbstständigen Persönlichkeiten erzogen werden. Den wesentlichen Entwicklungsbedürfnissen unserer Kinder in einer Gesellschaft gerecht zu werden, wo alles möglich erscheint, ist sehr anspruchsvoll. Als Eltern dabei den roten Faden des «genügend gute Eltern zu sein» zu verfolgen, ist schwierig.

Welches Zeugnis stellen Sie den Schulen aus?

Die Schule hat sich schweizweit in den letzten Jahren entwickelt. Und zwar auf allen Ebenen. Bereits die Lehrpersonen sind für den Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern gut ausgebildet, erst recht die schulischen Heilpädagogen, die Schulsozialarbeiter und die Schulpsychologen. Eine wichtige Funktion haben auch die geleiteten Schulen. Dadurch kann niederschwellig und sehr bedarfsgerecht reagiert werden.

Solothurn führt derzeit ein besonders differenziertes System ein. Von der Speziellen Förderung über die Regionalen Kleinklassen bis zu sonderpädagogischen Massnahmen ...

Besonders die Regionalen Kleinklassen sind ein neues Modell. Ich sehe darin eine Chance. Die Kinder werden dort speziell und individualisiert gefördert und kehren nach einer bestimmten Zeit wieder in ihre Klassen zurück. Gerade wenn die Reintegration gelingt, ist das eine gute Sache. Es ist beeindruckend, welche Ideen entstehen, um diesen Kindern zu helfen. Gerade die Schulen im Kanton Solothurn bieten ein breit gefächertes Repertoire an. Auf diese Weise wird viel unternommen, um zu verhindern, dass aus kleineren Problemen grosse Probleme werden. Es lässt sich so zudem auch der Tendenz entgegenwirken, dass es zu immer mehr IV-Renten bei jungen Erwachsenen kommt.