Pockenimpfung im 19./20. Jahrhundert
Verweigerern drohten Bussen und Gefängnisstrafen: Als es im Kanton Solothurn eine Impfpflicht gab

Vorbehalte gegen Impfungen sind nichts Neues – auch nicht in der Region. Solothurn erklärte die Pockenimpfung einst als einer der ersten Kantone für obligatorisch. Warum schon sie erbittert bekämpft wurde. Und wie sich die Argumente von damals und heute ähneln.

Peter Heim*
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Seit nunmehr fast zwei Jahren hält uns das Covid-19-Virus mit seinen stets neuen Varianten in Atem. Dabei handelt es sich um das jüngste Kapitel in einer langen Reihe von Pandemien, welche die Welt seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert alle paar Jahre heimsuchen. Viele mögen dabei vor allem an die sogenannte spanische Grippe denken, die vor rund hundert Jahren Abermillionen von Opfern forderte.

Obschon diese wegen der damit einhergehenden Komplikationen bedeutend gefährlicher war als Corona, scheinen die Menschen durch die aktuelle Pandemie mehr in Panik zu geraten als damals. Dies ist auch deshalb erstaunlich, weil wir es heute durchaus in der Hand hätten, der Pandemie Herr zu werden. Innert eines Jahres hat die Pharmaindustrie wirksame Impfstoffe und neuerdings sogar Medikamente entwickelt. Doch eine lautstarke Minderheit von Impfgegnern oder -skeptikern sträubt sich gegen die Durchimpfung der Bevölkerung. Diese Reaktion ist nicht neu, wie ein Blick auf die Geschichte der Pockenimpfung zeigt – auch im Kanton Solothurn.

Den Piks gab's landauf und landab: Pockenimpfaktion in einer Schule im Jahr 1962.

Den Piks gab's landauf und landab: Pockenimpfaktion in einer Schule im Jahr 1962.

RDB/Ullstein Bild

Die heute weitgehend ausgerottete Pocken-Krankheit zählte einst zu den gefährlichsten Seuchen überhaupt, hatte sie doch im Lauf der Jahrhunderte mehrere Dutzend Millionen Menschen getötet. Der Durchbruch im Kampf gegen diese Geissel der Menschheit gelang 1796 einem englischen Arzt, der einen Buben mit Kuhpocken infizierte und ihn damit gegen Menschenpocken immunisierte.

Sogleich erhob sich in der Bevölkerung energischer Widerstand gegen dieses Wundermittel. Dieser trieb gelegentlich groteske Blüten, die mit gewissen Fake News in den sozialen Medien unserer Tage durchaus vergleichbar sind. Viele befürchteten, dass Menschen durch die Impfung teilweise in Kühe verwandelt werden könnten.

Flecken, Eiterbläschen und Pusteln am ganzen Körper: Ein mit Pocken infizierter Mann (um 1960).

Flecken, Eiterbläschen und Pusteln am ganzen Körper: Ein mit Pocken infizierter Mann (um 1960).

Courtesy Everett Collection/Imago

Trotz europaweiten Impfkampagnen traten Pocken immer wieder auf. Im Kanton Solothurn wurde deshalb bereits 1804 eine freiwillige Impfung eingeführt. Und 1834 erklärte Solothurn als einer der ersten Kantone die unentgeltliche Schutzimpfung zur gesetzlichen Pflicht. Impfverweigerern wurden Bussen und im Wiederholungsfall Gefängnisstrafen angedroht. Die Wohnungen von Betroffenen wurden abgesperrt und mit Formalin desinfiziert.

Solothurner Regierung hielt am Obligatorium fest

In Olten erliess die Polizeikommission 1876 Vorschriften über das Verhalten bei ansteckenden Krankheiten wie Cholera, Pocken und Scharlach. In der lokalen Presse wurde über Nutzen und Schaden der Pockenschutzimpfung leidenschaftlich diskutiert.

Mit der Zeit begannen sich die Impfgegner und -skeptiker zu organisieren. Und die Wirkung blieb nicht aus. In einer Referendumsabstimmung wurde 1882 das erste schweizerische Impfgesetz mit überwältigender Mehrheit verworfen; besonders deutlich in der katholischen Innerschweiz, im Wallis und in der Ostschweiz. Auch in städtischen Regionen setzten sich Vertreter der aufkommenden Naturheilkunde gegen den Impfzwang ein.

Auf dem Signet der «Vereinigung schweizerischer Impfzwanggegner» aus dem Jahr 1924 wird die Impfung als Gift dargestellt, welches das Schweizer Volk bedroht.

Auf dem Signet der «Vereinigung schweizerischer Impfzwanggegner» aus dem Jahr 1924 wird die Impfung als Gift dargestellt, welches das Schweizer Volk bedroht.

zvg

Stattdessen empfahlen sie eine «vernünftige, naturgemässe Lebensart» mit frischer Luft, Bewegung und Reformkost. Viele Impfgegner lehnten die akademische Medizin überhaupt ab und warfen den Ärzten vor, von der Impfpflicht wirtschaftlich profitieren zu wollen. Auch im Kanton Solothurn war die Impfung alles andere als unbestritten. Dessen ungeachtet hielt die Regierung am Impfobligatorium fest.

Allmählich nahmen die Pockenfälle ab, vor allem in der Romandie, während andere Krankheiten wie Masern, Scharlach oder Diphtherie das Feld weiter beherrschten. In den Jahren 1918/19 forderte die spanische Grippe Abertausende von Todesopfern.

Noch aber war die Schlacht gegen die Pockenkrankheit nicht geschlagen. Zu Beginn der 1920er-Jahre kam es in zehn Gemeinden des Kantons Solothurn, besonders in Grenchen und anderen Industrieorten, letztmals zu einem Emporschnellen der Ansteckungsfälle. Als die Behörden deshalb den Druck auf die nicht Impfwilligen verschärften, flammte auch der Streit um die Pockenimpfung ein letztes Mal auf.

Ein Oltner Kantonsrat fuhr mit schwerem Geschütz auf

In der Sitzung des Solothurner Kantonsrats vom 24. November 1924 stellte der Oltner Arzt Robert Christen fest, dass fast alle Pockenfälle der letzten Jahre Ungeimpfte betroffen hätten. Auf der Gegenseite fuhr der Sozialdemokrat Hermann Hambrecht mit schwerem Geschütz auf: Das Impfen sei ein Verbrechen, die Statistiken der Impfbefürworter würden auf falschen Unterlagen beruhen, da sie nicht berücksichtigten, unter was für Verhältnissen die Krankheit entstanden sei. Diese sei in der Regel auf schlechte Ernährung und mangelnde Hygiene zurückzuführen.

Dennoch setzte sich die Pockenimpfung weiter durch. Im Oltner Verwaltungsbericht des Jahres 1924 ist zum letzten Mal von vier eingeschleppten Pockenfällen die Rede. Seit 1933 wurde in der Schweiz kein einziger Pockenfall mehr gemeldet. 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation die einst so gefürchtete Seuche für ausgerottet.

*Peter Heim ist Historiker und ehemaliger Stadtarchivar von Olten. Er hat das Firmenarchiv des Historischen Vereins des Kantons Solothurn aufgebaut, dessen Co-Leiter er heute ist. Heim wohnt in Starrkirch-Wil.

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