Speedy kommt im Jahr 2011 in China zur Welt. Gleich nach der Geburt wird die Maus in eine Kiste gepackt und in die Schweiz verfrachtet. Das Ziel: Olten. Das Stadion Kleinholz ist von nun an die Heimat der Powermouse.

Speedy wird das erste offizielle Maskottchen im Schweizer Eishockey. Ein Knochenjob. Denn die Powermouse will nicht nur Kinder unterhalten und Mamas beglücken, indem sie sich mit dem Nachwuchs ablichten lässt. Nein. Speedy will auch für die Mannschaft da sein.

EHCO TV: Speedy wartet 2013 auf Saisonauftakt

Vom ersten Heimspiel an wünscht sich die Maus nichts sehnlicher, als Teil des Teams, Teil des EHC Olten zu sein. Wenn sie dazu beitragen kann, dass der EHC Olten gewinnt, ist die Maus glücklich. Speedy hasst es, zu verlieren.

4.4.18, 18.20 Uhr: Claudio Cannatà (36) verlässt 503er im Kleinholz und passiert die Sicherheitskontrolle des Eisstadions. Wenig später holt er aus dem Materialraum des EHCO ein graues Maus-Kostüm bestehend aus Kopf und Einteiler. Er trägt es in seine Umkleide, die gleichzeitig Medienzentrum ist.

Die Powermouse weigert sich, in die Schule zu gehen. Den Maskottchen-Kodex kennt sie nur vom Hörensagen. Demzufolge sollte sie während der Spiele schweigen. Doch Klappehalten, während die Helden auf dem Eis malochen, liegt für die Maus nicht drin. Zu strapaziert sind ihre Nerven.

Die Emotionen müssen raus. Speedy muss das Plexiglas mit ihren Fäusten bearbeiten, wenn die Schiris wieder einmal Tomaten auf den Augen haben. Sie muss die Gegner verfluchen, wenn einer von Speedys Oltner Freunden unfair vom Puck getrennt wurde. Und wie soll die Powermouse das Publikum animieren, wenn sie nicht selber laut ins Megafon schreien darf.

Speedy ist immer Hautnah am Spielgeschehen.

  

«Bungabunga» lautet Speedys Angriffsschrei. Für den Sieg bewegt sich Speedy am Rande des Fairplay und manchmal auch darüber hinaus. Psychospielchen stehen an der Tagesordnung. Der gegnerische Torwart wird zum Feindbild Nummer 1. Dort sieht die Maus ihre grösste Einflussmöglichkeit. Hypnose ist Speedys Waffe und nicht selten gelingt dem EHC Olten ein Tor, weil Speedy den gegnerischen Goalie verwirrt hat. Da ist sich die Maus zumindest sicher.

19 Uhr: Bevor er ins Plüsch steigt, erklärt Cannatà, warum der Oltner den Job im Maskottchen annahm: «Ich wollte nah bei der Mannschaft sein. Dazu gehören.» Doch die Spieler kennen Cannatà nur als Maus. Eine halbe Stunde später hat sich Cannatà in Speedy verwandelt. Ein Foto mit einem Einlaufkind und schon geht es ab aufs Eis. Dort klatscht er jeden Olten-Spieler ab. Cannatà linst meist mit beiden Augen durch das Netz unter Speedys Schneidezähnen oder durch die per Sackmesser geschnittenen Zusatzlöcher unter den Augen. Erste Schweissperlen bilden sich unter der Maske.

Speedy dirigiert nicht nur liebend gern das Publikum, auch der eigenen Mannschaft zeigt die Powermouse mit den Fingern am Rand der Plexiglasscheibe an, wie viele Gegner lauern oder wo gerade ein Mitspieler frei steht.

Speedy ist der siebte Mann auf dem Feld. Bei jedem Drittelsende zählt die Powermouse laut die Sekunden runter. Ihretwegen entwickelt sich das Kleinholz zur Festung. Oft legt sich die Maus mit dem Gegner an.

Einmal stürmt sie den Langenthaler Gästesektor, einmal kommt es zu einem Techtelmechtel mit den Fandelegierten von Rapperswil-Jona. Beim Maskottchen-Treff in Genf macht Speedy auch nicht vor den Cheerleadern halt und feuert die freizügigen Damen lautstark zum neuseeländischen Haka-Tanz an. Mit solchen Aktionen wird Speedy überregional bekannt.

20.30 Uhr: Drittelpause. Cannatà rutscht mit einem Einkaufswagen über das Eis und schiesst mit einer Pistole T-Shirts ins Publikum. Vor allem die jüngeren Fans winken begeistert. Wegen dem Shirt oder der Maus?

Speedy liebt das Rampenlicht. Die Maus lässt sich im Rahmen einer Youtube-Doku von morgens bis abends von Kameras begleiten, gibt Interviews und wünscht sich eigene Autogrammkarten. Wenn sie nach Siegen zur Jubeltraube aufs Eis geht, ist Speedy im siebten Himmel. Doch nicht jeder mag die Maus. Von den Gegnern gibt es immer wieder Beschwerden, weil sich die Maus nicht im Griff hat. Speedys teilweise vulgäre Wortwahl sei eines Maskottchens nicht würdig, heisst es.

Auch während den Pausen ist Speedy immer aktiv.

   

Das verstört immer öfter auch die eigenen Reihen. Dazu kommt, dass auch einem Teil der Oltner Fans die Maus ein Dorn im Auge ist. Traditionalisten wünschen sich die drei Tannen zurück ins Logo und Speedy den Tod. Deswegen meidet die Maus den Ultra-Sektor. Im Sommer 2017 zieht der EHC Olten die Reissleine. Speedy bekommt einen Maulkorb und ein neues Herz.

21.30 Uhr: Speedys Erschaffer Raphael Galliker steht neben der Maus am Plexiglas. Sechs Jahre war er der Mann im Maskottchen. Dann wird ihm seine Emotionalität zum Verhängnis. Galliker muss raus aus der Maus. Cannatà (36) übernimmt das Ehrenamt.

«Die Stimmung ist jetzt schlechter, der Heimvorteil weg. Aber wenn es das ist, was der Verein will, dann ist es so», sagt Speedy. Statt zu animieren, wird die Powermouse jetzt animiert. Daumen runter bei einer Strafe gegen die Grünweissen. Ein schüchternes Winken nach einem gelungenen Angriff. Kein Gehopse. Kein Geschrei. Die verrückte Powermouse ist ein ganz normales Maskottchen geworden.

22.15 Uhr: Während die Rapperswil-Fans noch den Sieg mit der Mannschaft feiern, ist Cannatà schon unter der Dusche. Anschliessend wird das Kostüm zum Trocknen aufgehängt. Der zweifache Familienvater macht sich auf den Weg zu seiner Familie nach Lostorf. War es der letzte Auftritt im Maskottchen? Cannatà liebäugelt mit dem Rücktritt als Speedy. Der Maskottchen-Job beansprucht zu viel Zeit.