Olten

«So etwas vergisst du nie mehr»: Als der Rathskellerbrand haarscharf am Desaster vorbei schrammte

Vor 20 Jahren brannte der Oltner Rathskeller; das Traditionsrestaurant der Stadt schlechthin. Augenzeugen erinnern sich; auch ans Mittagsmenü am Unglückstag.

Wie doch ganz normale Dinge plötzlich im historischen Licht erscheinen und eine dramaturgische Note setzen: Als sich der damalige Stadtbibliothekar Christoph Rast in den Oltner Neujahrsblättern 2000 des Brandes im Oltner Rathskeller erinnert, erwähnte er zu Beginn seines Aufsatzes: «Neben der Eingangstür eine Speisekarte vom Freitag, 15. Januar 1999: Seezunge grilliert mit Zitronenbutter.» Das Mittagsmenu im Restaurant Rathskeller an jenem Schicksalstag, als «der Chübel brannte», wie Rast in seinem Essay titelte. Eine Lokalität übrigens, die im Bewusstsein der Oltnerinnen und Oltner unmöglich brennen konnte, wie der heutige Alt-Stadtbibliothekar ebenfalls festhielt.

Totes Telefon

20 Jahre ist das jetzt her. «Nein, an das Mittagsmenü damals erinnere ich mich nicht mehr», sagt Wirt Roger Lang (56) heute. Ganz anderes ist ihm im Gedächtnis geblieben. Etwa der Moment, als er telefonisch die Feuerwehr avisierte, so gegen halb vier Uhr nachmittags. Und daran, dass die Telefonleitung nur wenig später, als er einen weiteren Anruf tätigen wollte, tot war. «Nach dem Brand haben wir ein Handy angeschafft», sagt er trocken. Wie er den Brand

überhaupt bemerkte? Die Brandmeldeanlage habe unaufhörlich Alarm gegeben, sagt er in der Rückblende. Als er im Hause nachgesehen habe, sei droben im 2. Stock schon ein kleines Inferno im Gange gewesen. «Ich weiss noch, dass ich mit einem Feuerlöscher versuchte, das Feuer einzudämmen», so Lang. Dann winkt er ab. Vergebliche Liebesmüh’. Und was er auch noch weiss von der Räumung des Hauses: «Im ersten Stock waren drei Herren so sehr in ein Gespräch vertieft, dass ich sie mehrmals zum Verlassen des Hauses auffordern musste.» Und schliesslich war da noch ein Koch in der Küche, der ziemlich ungerührt Kartoffeln spitzte. «Den musste ich schier rauswerfen», sagt Lang heute lächelnd.

Brandursache: Kabeldefekt

Ein defektes Kabel eines Kühlschranks im 2. Stock des historischen Gebäudes entpuppte sich schliesslich als Brandursache. Von dort aus entwickelte sich innert Kürze ein ausgewachsener Hausbrand, der sich Richtung Dachstock emporfrass.

Kreideweiss im Gesicht sei er gewesen damals, der Rathskellerwirt, schreibt Christoph Rast in seinem Essay. «Du stehts da wie ein Ölgötze und musst einsehen, dass du überhaupt nichts machen kannst», sagt Roger Lang heute. Und: «So etwas vergisst du einfach nie mehr.»
Rast hatte alles quasi hautnah miterlebt, befindet sich doch die Stadtbibliothek in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathskeller. «Ich weiss noch, dass ich unten bei der Ausleihe war und eine Mitarbeiterin vom obersten Stockwerk durchgab: Dr Chöbu brönnt! Erst dachte ich, sie meine einen Papierkorb. Aber dann kam die Meldung: Nein, das Restaurant nebenan.»

Totenstille im Haus

Rast begab sich ins Gasthaus: Totenstille, niemand zu sehen. Er machte kehrt und verliess den Rathskeller auf demselben Weg, wie er ihn betreten hatte. «Ich muss sagen: Die Szenerie hatte etwas Gespenstisches, weil ich mich in einem brennenden Haus wusste.» Im Parterre lag ein graublauer, leichter Nebel, ab und an splitterte eine Fensterscheibe und offenes Feuer schlug aus den Fenstern. Fortan betätigte sich Rast im obersten Stock der Bibliothek als Lotse für die Feuerwehr, gab an, wo etwa Rauch aus dem Dach drang, wie sich die Situation von oben gesehen entwickelte. «Es war erschütternd, mit anzusehen, wie sich das Feuer entlang der Wände nach oben durchfrass», erinnert er sich. Rund 160 Einsatzkräfte der Feuerwehren aus der Region standen im Einsatz.

Gegen 17 Uhr konnte der damalige Feuerwehrkommandant Charles Fehlmann zusammen mit Einsatzleiter Walter Stutz bekannt geben, dass die Nachbarhäuser vor einem Übergriff der Flammen bewahrt werden konnten und der Brand an sich unter Kontrolle sei. «Aber es wird noch Stunden dauern, bis der Feuerteufel, der langsam ins Dach hinaufklettert, endgültig besiegt sein wird», berichtet Rast in seinem Essay weiter. Noch tags darauf nämlich hatte die Feuerwehr wegen eines aufbrechenden Glutnestes einzugreifen.

Inzwischen hatte sich das Ereignis schweizweit rumgesprochen, selbst im Ausland wurde darüber berichtet. «Olten grossräumig umfahren!» So lautete der Rat der Verkehrsstrategen, den Roger Lang bei den Kapuzinern im Kloster zur Kenntnis nehmen konnte. «Bruder Paul Rotzetter hatte mich bei der Schulter gepackt und gesagt, ich hätte jetzt lange genug zugeschaut. Ich soll mich mal eine bisschen erholen im Refektorium. Im Kloster haben wir auch die TV-Bilder gesehen.»

Eine Nacht im Hotel Olten

Roger Lang verbrachte die nächste Nacht im Hotel Olten. «Ich hatte nur noch, was ich auf dem Leib trug», sagt er. Dann schweigt er eine Weile, bevor er wieder anhebt. «Nach dem Brand gehst du gedanklich durch die Räume und versuchst zu erheben, was alles zerstört wurde.» Versicherungsarbeit eben. «Und dann geht der Betrieb wieder auf, und plötzlich merkst du, was du früher gehabt hast, jetzt nicht mehr hast und was du der Versicherung nicht angeben konntest, weil du bei der gedanklichen Inventur einfach nicht an alles denken konntest.»

Dass er weiterwirten würde, war für Roger Lang schnell klar. «Wäre das Haus bis auf die Grundmauern niedergebrannt, dann hätte ich mir ein Ende vielleicht vorstellen können», meint er. Es hätte einem Desaster geglichen. SAber so. «Meine Eltern hatten ziemlich viel in die Renovation des Hauses gesteckt. Es war schon hart genug zu sehen, wie vieles ein Raub der Flammen wurde.» Die Schadenssumme lag bei 4,5 Mio Franken. Tief in Langs Gedächtnis hat sich auch die Ergriffenheit vieler Zaungäste ins Gedächtnis eingeprägt. «Es gab Leute, die hatten beim Betrachten des beschädigten Hauses Tränen in den Augen. Das war das eine. Und das andere waren die Menschen, die mir Mut zugesprochen haben.»

Dann kam der 27. Mai 1999; ein Donnerstag, ein Freudentag. Wiedereröffnung des Chöbu, wie man in Olten sagt. Warum eigentlich? Dieses Geheimnis liesse sich bei dieser Gelegenheit doch lüften. «Das weiss ich selbst nicht», sagt Lang. Aber eine Vermutung hat er schon. «Vielleicht liegts daran, dass jeder Stammgast bei meinen Vorfahren quasi seinen eigenen Chübel serviert bekam.» Chübel nennt man in der deutschsprachige Schweiz westlich von Zürich den halben Liter Bier. Kann sein, ist letztlich aber egal. Hauptsache, Olten hatte seinen Chöbu wieder.

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