Olten
Slam Poet Kilian Ziegler schreibt Nonsens, der Laune macht

Der einheimische Slam Poet Kilian Ziegler präsentiert morgen an der Buchtaufe in der Schützi seinen Erstling. Der Oltner über seine Kolumnen und Spoken Word.

Isabel Hempen
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Kilian Ziegler signiert seine Kolumnensammlung «Vorübergehend stehen bleiben», die im Knapp-Verlag erscheint.

Kilian Ziegler signiert seine Kolumnensammlung «Vorübergehend stehen bleiben», die im Knapp-Verlag erscheint.

Zur Eröffnung des Schriftstellerwegs hatte sich Olten Tourismus vergangenen April nicht lumpen lassen: Im Konzertsaal des Stadttheaters war ein fürstliches Zmorgenbuffet aufgebaut, die gesamte Oltner Prominenz schien geladen zu sein.

Während sich die erlauchte Gesellschaft ein schweres Frühstück auf die Teller schaufelte, lümmelte Slam-Poet Kilian Ziegler etwas skeptisch im Raum herum, sich lediglich an einer Tasse Kaffee festhaltend. Er habe noch keinen Hunger, sagte er. «Aber ich hätte ein Tupperware mitbringen sollen», meinte er angesichts der aufgetürmten Köstlichkeiten lapidar.

Auf Nachfrage berichtete er von den Freuden seiner nicht existenten Plastikbehältersammlung und strich die Vorzüge der allgegenwärtigen Apéro-Mentalität heraus. Als Bühnenkünstler komme er ja ständig damit in Berührung. Vor, nach, ja sogar während seiner Auftritte.

Die Brunch-Szene im Stadttheater wäre in ihrer Belanglosigkeit kaum zu übertreffen gewesen; das Gespräch indes rutschte inhaltlich immer weiter ab. Irgendwie gelang es Ziegler, die Realität leichthin abzuschütteln und das Banale spontan ins Absurde zu steigern. Es war saulustig.

Es seien die kleinen Sachen, die dem Leben ihren Sinn verleihen. Etwas in dieser Art erzählt man sich. Ich weiss nicht, ob das im Umkehrschluss bedeutet, Grosses sei weniger wichtig. Wenn das stimmt, dürfte es viele depressive Basketballer geben. Aber eben, die Kleinigkeiten. Wahrscheinlich eine Weisheit des Herrn Binsen, aber trotzdem, es hat was. Ich dachte, der Glückshammer zerschlägt mich in Euphorieatome, als ich gestern, spätnachts, im Kühlschrank ein Gala-Frischkäsli entdeckte.

Lustig ist Ziegler auch auf der Bühne – das weiss, wer ihn da schon gesehen hat. Stets vorausgesetzt natürlich, man bringt das nötige Mass abgedrehten Humors mit. Seit acht Jahren schreibt er zudem monatliche Kolumnen mit Regionalbezug im Oltner Stadt- und Kulturmagazin «Kolt».

Eine Auswahl davon ist nun im Büchlein «Vorübergehend stehen bleiben» im Knapp-Verlag erschienen. Der Band aus der Perlen-Reihe ist so klein im Anspruch wie im Format, in die Ränge der Weltliteratur wird er sich wohl nicht aufschwingen. Das aber ist völlig unerheblich. Oft sind es gerade die kleinen Dinge, die entzücken.

Zieglers Kolumnen: Pseudophilosophische Nonsens-Texte, die irgendwo beginnen und irgendwo wieder aufhören. Aus freiem Assoziieren entstehen sinnfreie Texte, über Gala-Frischkäsli oder Nüsse zum Beispiel. Why the hell? Einfach so halt, Ziegler-Logik.

Kilian Ziegler an den Literaturtagen 2016 im Kofmehl

Kilian Ziegler an den Literaturtagen 2016 im Kofmehl

Absurd ist Ihr Motiv, würden Sie das so sagen?

Absolut. Ich habe eine Ausgangsidee und schreibe dann einfach drauflos. Da ich beim «Kolt» eine Carte blanche habe, sind das Texte, die ich sonst nie schreiben würde. Mein Anspruch ist, dass sie originell sein müssen und noch zumutbar. Ich habe natürlich den Erfahrungswert von der Bühne, da spekuliere ich dann drauf, dass die Idee auch auf dem Papier funktioniert. Wenn ich unsicher bin, lasse ich den Text von einem Slam-Kollegen gegenlesen, das ist ein guter Gradmesser. Die Kolumnen sind aber ein Mü schräger als die Bühnentexte.

Schreiben Sie Kolumnen anders als Bühnenmaterial?

Ich gehe ganz anders ans Schreiben ran, ja. Der Klang ist innerlich anders. Wenn ich einen Slam-Text mache, ist das Publikum sehr präsent. Ich überlege mir: Lachen die Leute an dieser Stelle? Die Pointe kommt beispielsweise immer aufs letzte Wort. Eine Kolumne hingegen kann eine Pointe haben oder auch nicht. Und es sind auch Nebensätze möglich. Die funktionieren bei Spoken-Word-Texten schlecht.

Das Kolumnen-Best-of funktioniert auch bestens als Psychogramm. Aus Titeln und Textstellen wie «The Spinner takes it all», «Skandal (im Buchbezirk)» und «Shelter from the storm» liest man zum Beispiel heraus: Ziegler mag Musik.

Mögen Sie Musik?

Ich bin ein leidenschaftlicher Plattensammler, ja. Meine Lieblingsband sind die Beatles, und Bob Dylan ist sowieso grossartig. Sonst höre ich aber eher Zeitgenössisches. Ich schreibe auch oft zu Musik, ausser wenn ich mich sehr konzentrieren muss.

Auch die Plattensammlung verwundert nicht. Manche Textstellen verraten es («Das Wählscheibentelefon in der Stube erfüllte seinen Zweck»): Ziegler, Jahrgang 1984, ist noch altmodisch analog.

Stimmt doch, oder?

Ich habe einen gesunden Hang zu Nostalgie, würde ich sagen. Ein wenig sentimental bin ich schon. Zum Beispiel sammle ich die Tickets all meiner Auftritte und tu sie in eine Box, fürs Haptische und so. Sonst bin ich aber schon auch digital unterwegs.

Neben Selbstironie und Anflügen von verhindertem Pathos – bevor er tatsächlich auf «echte Gefühle, Schmerzen, Verlust, Fern- und Heimweh, Leben, Tod, Trauer» zu sprechen kommt, driftet sein Gedankenstrang schon wieder zu depressiven Haustieren ab – zeichnet Zieglers Sprache noch etwas aus:

Sie haben einen liebevollen Blick auf die Welt.

Schön, dass Sie das herauslesen. Ich bin tatsächlich kein Zyniker, meine Grundhaltung ist eine optimistische. Ich mag Menschen, obwohl ich im direkten Umgang eher schüchtern bin. Aber auf der Bühne fühle ich mich extrem wohl.

Die obligate Frage zum Schluss:

Wird er denn kommen, der Roman?

Das wäre der Traum, aber in den nächsten ein bis zwei Jahren sicher nicht. Mir wird ja mit meinen Auftritten nicht langweilig. Und ein Roman ist schon ein anderes Level, im Moment würde ich mir das nicht zutrauen. Aber irgendwann vielleicht. Ich habe an meinem ersten Buch mega Freude. Als Bühnenkünstler ist so etwas ein schöner Kollateralnutzen.