Olten
Kissi, der Exzessive: «Ich bin ein Fan davon, wenn es mal nur ums Jetzt geht»

Daniel Kissling feiert heute Donnerstag seinen 30. Geburtstag. Er ist nicht nur Barbetreiber, Autor und Verleger, sondern seit diesem Sommer auch als Gemeindepolitiker aktiv. Wer steckt hinter der Lokalberühmtheit, die alle nur Kissi nennen?

Yann Schlegel
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«Es ist kein Geheimnis: Ich bin ein Linker», sagt Daniel Kissling in seiner Wohngemeinschaft, in der es ebenfalls eine kleine Bar gibt.

«Es ist kein Geheimnis: Ich bin ein Linker», sagt Daniel Kissling in seiner Wohngemeinschaft, in der es ebenfalls eine kleine Bar gibt.

Yann Schlegel

«Dass du ein Porträt über mich schreiben möchtest, schmeichelt mir», sagt Daniel Kissling Ende November am Telefon.

«Du darfst wählen, wo wir uns zum Gespräch treffen.»

«Im ‹Coq d’Or› oder gerne auch bei mir zu Hause in der WG. Rauchen kann ich an beiden Orten.»

Sechs Tage später steht Kissi an jenem Ort, der ihm dazu verhalf, eine Oltner Lokalberühmtheit zu werden. Hinter dem Tresen seiner Coq-d’Or-Bar zapft er am frühen Feierabend die ersten Biere. Sein lockiger Haarbusch gehört zur Kulisse. Er leuchtet im orangefarbenen Licht, als er fragt, wann genau unser Treffen anberaumt sei.

Eine Viertelstunde später zündet Daniel Kissling die erste Zigarette an. Im Hintergrund hallt die SBB-Stimme durch die Lautsprecher.

«Viele Bands, die im Coq ein Gastspiel geben, erwarten, dass ich in der Bar bin, wenn sie kommen», sagt Daniel Kissling, als er den Gleisen Richtung Süden folgt. Die Bürde, als Gesicht einer Bar hinhalten zu müssen, nimmt er auf sich. Denn: «Was wäre, wenn es das Coq nicht mehr gäbe?», fragt er sich hin und wieder. Seine «Homebase» oder sein «Hauptquartier», wie er das Kulturlokal Coq d’Or selbst nennt, gibt ihm viel. Von hier aus entfaltet er seit rund sieben Jahren seine Wirkung auf die Kleinstadt Olten.

Seit seiner Jugend hat ihn die Aarestadt nicht mehr losgelassen. Im Online-Magazin «Vice» verfasste Daniel Kissling unter dem Titel «Aufwachsen in Olten» einen Artikel. Darin schreibt er: «In meinen ersten Totalabsturz glitt ich in der SBB-Plattenbau-Siedlung Meierhof, das erste Mal mit Zunge küsste ich ein Mädchen auf dem Schützi-Vorplatz am legendären Stromgitarren Festival Mad Santa und mein Taschengeld verwandelte ich im Outsider-Shop in Metal-Platten.»

Er zieht an seiner Zigarette.

Es ist im Jahr 2010. Per Zufall trifft der Philosophie- und Literatur-Student Kissi in Zürich die Oltnerin Nathalie Papatzikakis an einem Konzert. «In der romantisierten Vorstellung dachte ich immer, Barkeeper zu sein, wäre toll», erzählt er heute. Nathalie Papatzikakis plant im «Coq d’Or» eine Bar zu eröffnen und Kissi will Teil des Projekts sein. «Ich nannte sie die ganze Nacht ‹Chefin›.» Es sei eine exzessive Eskapade gewesen, erinnert sich Kissi. Tags darauf schreibt er ihr verkatert in einer Nachricht, er habe es ernst gemeint. «Dann wurde das Coq immer mehr für mich.»

Den Schlüssel zu seiner neuen Heimat bekommt er erst später. Als Nathalie Papatzikakis nach drei intensiven Coq-Jahren die Bar praktisch von einem auf den anderen Tag aufgibt, übernimmt Daniel Kissling den Laden als Geschäftsführer. Die Flügelrad AG von Pedro Lenz, Alex Capus und Werner De Schepper stützt die GmbH finanziell. Sie überschreibt ihre Anteile von 11 000 Franken jedoch nach nur einem Jahr zu einem symbolischen Preis von einem Franken an Kissi.

«Zick, zick.» – Das Feuerzeug flammt auf. Mit seinen Lippen presst er die Zigarette, die aufglimmt.

In seinen wie immer eng anliegenden, grauen Jeans zieht Daniel Kissling zwischen Fachhochschule und Eisenbahn weiter, vorbei an einer überdimensional grossen Werbetafel. Ein junges Paar wirbt darauf Pendlerinnen und Pendler an, sich am Knotenpunkt der Schweiz niederzulassen. «Olten ist so unglaublich zentral», sagt Daniel Kissling. «Ich habe das Gefühl, wir sind komplett verbunden mit der Welt.»

Es klingt, als ob der Lokalpolitiker durchdringen würde, welcher er seit diesem Sommer als Olten-jetzt!-Gemeindeparlamentarier ist. Und er sagt: «Während der Nullerjahre war klar: Fertig Gymnasium, ich gehe weg.» Das Gleis 7 sei dann unglaublich wichtig gewesen. Heute sei es völlig okay, ein Wochenende in Olten zu verbringen. Kissi spricht von einem neuen Selbstvertrauen, das sich in Olten entwickle. Kissi macht städtisches Feeling aus – kennt aber noch immer alle; und alle kennen ihn. Neid gibt es in der Oltner Kulturszene kaum. Kürzlich schrieb Barkeeper Kissi fürs Stadt- und Kulturmagazin «Kolt» ein Porträt über den «Galicia»-Barkeeper Che.

Doch manchmal ist Olten auch für den gebürtigen Hägendörfer einfach nur Olten. Dann überkommt ihn das Gefühl, welches er selbst als eine «Kleinstadt-Überdosis» zusammenfasst. Die vielen Musik-Bands, die im «Coq d’Or» halt machen, kommen und gehen, Kissi bleibt mit seinem Fernweh in Olten sitzen. Schon der französische Philosoph Denis Diderot habe gesagt: Laufe von Paris drei Stunden in die Provinz und du bist im tiefsten Mittelalter. Alle Ideen, die in Paris zentral waren, spielten dort keine Rolle. «Ich will nicht bloss ein Lokalpolitiker mit seinem Gewerbe bleiben», sagt Daniel Kissling.

So frustrierend Denis Diderots Erkenntnis für Kissi sein mag – es bleibt ihm die Hoffnung, dass es noch etwas anderes gibt. Doch in Wirklichkeit, sieht sich der Barkeeper immer wieder auf die Kleinstadt zurückgeworfen. «Du hast immer dein bestimmtes Wirkungsfeld», konstatiert Kissi. Den Nebenjob als Schreiber bei «Vice» gab er auf, weil ihm die Zeit dafür fehlte. Über den Oltner Tellerrand hinweg blickt er heute nur noch für das Literaturmagazin «Das Narr», dessen Verleger er als Co-Gründer ist.

Eingeklemmt zwischen Eisenbahn, zwei Tankstellen und der Aare öffnet sich Daniel Kisslings private Welt. Neben einer der gefühlt 50 Oltner Imbissbuden, die hinter der Ruedi-Rüssel-Tankstelle liegt, schliesst Kissi die Tür zu seiner Wohnung auf. Auf dem Tisch zur Rechten stapeln sich ungelesene Zeitungen. Schummriges Licht fällt auf die prallvollen Büchergestelle, welche die Wohnungswände säumen. Das riesige Badzimmer erinnert mit seinen hellgrünen Kacheln an die Haut eines Reptils. In Daniel Kisslings doppelstöckigem Schlafzimmer dient das Obergeschoss als Plattenarchiv, das in der Dunkelheit verschwindet. Auf dem Schreibtisch sticht ein wuchtiger, randvoll mit Kippen gefüllter Aschenbecher ins Auge.

Wenn Kissi schreibt, dann raucht er Zigaretten. Wenn er aus seinem Leben erzählt ebenso.

Die allermeisten Freunde trifft er in seiner zweiten Stube, dem «Coq d’Or», wo er wesentlich mehr Zeit verbringt als Daheim. Nach dem Umzug in die Wohngemeinschaft nahm sich Kissi nicht die Zeit, sein Zimmer einzurichten. Als sein Vater zu Besuch kam und das chaotische Zimmer sah, mahnte er seinen Sohn, es sei wichtig, das Zimmer aufzuräumen, um sich wohlzufühlen. Sein Vater habe Recht gehabt, sagt er heute.

Den Rückzug ins Private empfindet Kissi in der heutigen Gesellschaft als übertrieben. Draussen in der Welt, wie er sagt, sucht er die Unvermitteltheit. «Ich bin ein Fan davon, wenn es mal nur ums Jetzt geht», sagt er und erklärt somit seine Liebe für die Musik, den Rausch und den Exzess. Sie gehören für Kissi nicht nur zur Lebensphilosophie, sondern sind heute seine Lebensgrundlage.

In seinen ersten Promo-Texten für das «Coq d’Or» entwickelte er den Spruch: «Im Geiste des gemeinsamen Exzesses.» Heute verkauft sein Lokal «Kultur und Kater». Doch reich wird Kissi mit seiner Bar nicht. «Ich gehöre nicht zum Mittelstand», sagt er. Für sein 70-Prozent-Pensum auf dem Papier zahlt sich der Barbetreiber monatlich ein Einkommen von gut 3000 Franken aus. Mehr liegt nicht drin, da er pro Monat Lohnkosten von 15'000 Franken, Miete, hohen Getränkeeinkauf und ein grosses Minus des Kulturvereins decken muss. «Ich hatte immer die Einbildung, ich würde berühmt», sagt Kissi. «Aber ich habe nie die Idee gehabt, reich zu werden.»

«Zick, zick.» – Kissi zündet die nächste Zigarette an und nippt an seinem portugiesischen Bier.

«Anfang Woche käme ich nie auf die Idee, ein Bier zu trinken, wenn ich alleine bin», sagt er und schiebt nach: «Das Problem ist nur, dass ich verdammt viel unter Leuten draussen bin.» Manchmal hat er vier lange Nächte hinter sich, wenn ihm sein Vater am Sonntagmittag im Elternhaus beim gemeinsamen Mittagessen schon ein Glas Wein einschenkt. Er trinke sicher zu viel, gibt Kissi zu. «Aber ich liebe mein Leben. Rausch ist etwas, das nebenbei passiert.» Lieber geniessen als aufschieben.

Irgendwann werde sein Lebensstil Konsequenzen nach sich ziehen, gibt er sich fatalistisch. «Ich kann keinen Kilometer rennen.» Seine Figur hat ihm schon viele Türen geöffnet. Es kommt aber auch vor, dass Leute ihn seiner Erscheinung wegen abstempeln. Weil er etwas nuschle und ein bisschen krumm laufe, heisse es dann: «Schau, der Kissi ist wieder betrunken.»

Nach knapp vier Stunden hat das Aufnahmegerät seinen Dienst getan. Kissis Augen verengen sich, der Glimmstängel glüht als orangenfarbener Punkt auf. Das zweite Zigaretten-Päckchen des Tages leert sich allmählich.

Auch seine Eltern seien Kettenraucher, erzählt er drei Wochen später im «Coq d’Or». Kurz vor Weihnachten füllt sich die Bar bereits früh mit Fachhochschulstudenten. Mutter und Vater absolvierten beide eine Verkaufslehre, führen ein unaufgeregtes Leben. Ihrem Sohn gewährten sie in der Jugend alle Freiheiten, er war nie ein Rebell. «Meine Eltern machten mich zu einem grossen Polo-Hofer-Fan.» Der Rock ’n’ Roll war für Kissi ein Kontrapunkt zur strukturierten Bünzliwelt.

Daniel Kissling stammt aus einer «Dorffamilie», wie er sagt. Grossvater sei als SP-, Turnverein- und Schützenvereinsmitglied eine klassisch öffentliche Person gewesen. Sein Vater ist noch heute der Hägendörfer Samichlaus Nummer eins. Er nimmt sich für seine Leidenschaft jedes Jahr zwei Wochen Ferien. Seine Mutter sei ein Medienjunkie, genau wie er. Und Grossmutter sagte ihm neulich beim Besuch des Oltner Kulturadventskalenders 23 Sternschnuppen, er sehe besser aus, wenn er die Haare zusammengebunden trage.

Kissi nimmt noch einen Schluck des gezapften Lagerbiers, grüsst immer wieder Leute, die ins Lokal strömen.

Mit den Worten «Freunde, gute Freunde!», richtete sich Kissi gestern an seine 2302 Facebook-Kontakte: «Ich weiss nicht, ob ihr es wisst, aber ich werd morgen alt. Nicht so alt, wie ich ausschaue, aber trotzdem...» Wenn Daniel Kissling heute Abend seinen dreissigsten Geburtstag feiert, trägt er schon sein halbes Leben jenen Krauskopf, der im Coq Kulisse ist.

Ist Daniel Kissling, den alle Oltner kennen, wirklich jener, den er als Barkeeper und Politiker gibt? Auch er selbst habe sich schon mit dieser Frage konfrontiert, sagt er. «Kissi war damals schon Kissi», sagt seine Schwester Jennifer Kissling. Und ihr Bruder Kissi sagt dazu: «Jeder Mensch spielt Rollen. Authentizität ist eine romantische Vorstellung, dass es ein ehrliches Ich gibt.» Er selbst geniesse das Privileg, sich extrem wenig verstellen zu müssen. Das sei seine grosse Freiheit.