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Ensemble besichtigt erstmals den Spielort für die Landesstreik-Inszenierung

Seit diesem September proben über hundert Mitwirkende des Ensembles in Olten an der Landesstreik-Inszenierung.

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Regisseurin Liliana Heimberg (Bildmitte vorne) mit dem Ensemble in der Alten Hauptwerkstätte in Olten.

Regisseurin Liliana Heimberg (Bildmitte vorne) mit dem Ensemble in der Alten Hauptwerkstätte in Olten.

ZVG/Eve Lagger

Sofas fehlen in der Turnhalle Säli. Das rund hundertköpfige Ensemble hat an diesem Samstagmittag im Dezember, nach dem gemeinsamen Essen, organisiert durch Christa Hirschi und Jörg Utz, am Boden Platz genommen. Das Ensemble lauscht den Ausführungen der Regisseurin Liliana Heimberg zum Aufbau der ersten Textfassung des Theaterstücks zum Landesstreik. Die Spieler und Sänger zwischen 10 und 80 Jahren kennen bereits weite Teile daraus. Seit September 2017 haben sie sich mit Bewegungsimprovisationen und Übungen zum Text auf die Suche nach Handlungen, Figuren und Situationen gemacht. Nebst Regisseurin Heimberg wirken auch Choreografin Gisa Frank und Chorleiterin Sandra Rupp Fischer bei der Inszenierung mit.

Nahe an den Zeitdokumenten und in enger Verbindung zur aktuellen Forschung rückt Liliana Heimbergs Inszenierung die Stimmen aus der Bevölkerung in den Fokus. Für einmal sind es nicht die Prominenten – der Bundesrat und General Ulrich Wille einerseits, das Oltener Aktionskomitee und Nationalrat Robert Grimm andererseits –, um die sich die Auseinandersetzung mit dem Landesstreik dreht. Es sind vielmehr die Stimmen der Jugend, der Frauen, der hungernden Kinder, die den Theaterabend massgeblich bestimmen werden. Und auch jene der einfachen Soldaten, die nach Kriegsende die Arbeit auf den Bauernhöfen gleich wieder liegen lassen mussten, weil sie zum Ordnungsdienst gegen die organisierte Arbeiterschaft aufgeboten wurden. Oder die Stimmen der Eisenbahner, die in Olten über die Teilnahme am Streik debattierten und später vor Gericht gestellt worden sind. Das mehrsprachige nationale Projekt zum Landesstreik steht im Zeichen des Dialogs, der unvoreingenommenen Verständigung über eine der grössten Krisen unseres Landes.

Vorverkauf beginnt im Februar

Die Kostümbildnerin Eva Butzkies erläutert an diesem Samstag, wie die raschen Wechsel, die der Theaterabend erfordert, bewältigt werden sollen. Die Figurinen an der Wand helfen der Vorstellung auf die Sprünge und lassen keinen Zweifel aufkommen, dass dies gelingen kann. Knapp eine halbe Stunde später kommt der Höhepunkt des letzten Probentages im alten Jahr: der erste Einzug der Mitwirkenden in die Alte Hauptwerkstätte an der Gösgerstrasse 52 in Olten. Dieses Fabrikgebäude wird im August 2018 zum Spielort für die Theaterinszenierung zum Landestreik. Nicht weniger als 20 Gruppen aus allen Landesteilen werden dann nach Olten reisen und Geschichten aus ihrer Region zum Landesstreik in die Inszenierung einbringen.

Vor Ort begrüsst Alt Regierungsrätin Esther Gassler, Präsidentin des Trägervereins 100 Jahre Landesstreik, die Mitwirkenden aus dem Kanton Solothurn persönlich und bedankt sich für das Engagement und die Zeit, die diese Theaterarbeit erfordert und die sich im nächsten Jahr noch intensivieren wird. Die ersten Lieder des Chores lassen erahnen, wie die Alte Hauptwerkstätte Olten, bis vor kurzem noch Arbeitsplatz für viele Generationen von Eisenbahnern, als Zeitzeuge im Theater zu neuem Leben erweckt wird. Mehr Informationen zum Landestreik sind auf www.1918.ch ersichtlich. Der Vorverkauf beginnt am 1. Februar. (mgt)

Der Landestreik als Protestmittel

Der Landesstreik vom November 1918 markiert eine Bruchstelle in der Schweizer Geschichte. Er steht für die grösste und vielleicht gefährlichste Auseinandersetzung in der Schweiz nach dem Sonderbundskrieg 1847 und der Gründung des Bundesstaates 1848. In der stürmischen Industrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts spaltete sich die Gesellschaft jedoch immer stärker in Reiche und Arme auf. Die soziale Ungerechtigkeit führte zu Arbeitskämpfen in der ganzen Schweiz. Mit der besonderen Notlage und schlechten Lebensmittelversorgung des Ersten Weltkrieges spitzte sich der Konflikt noch zu, und als das Kriegsende absehbar wurde, brach er offen aus. Die organisierte Arbeiterbewegung, vertreten durch das Oltener Aktionskomitee, stellte einen Forderungskatalog auf, der beispielsweise die Einführung der AHV und des Frauenstimmrechts enthielt. Mit der militärischen Besetzung städtischer Ballungszentren sollte die Arbeiterschaft von Aktionen abgehalten und – damals übliche Praxis – politisch diszipliniert werden. Die Massnahme bewirkte das Gegenteil. Auf einen befristeten, örtlich begrenzten Proteststreik gegen das Armeeaufgebot folgte der unbefristete landesweite Generalstreik. (mgt)

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