Olten
Ein Absatz für Blinde behindert die Rollstuhlfahrer

Damit Blinde Verkehrsinseln ertasten können, wird im Rahmen des hindernisfreien Bauens ein Absatz gebaut – dieser ist aber ein Hindernis für Rollstühle. Das ärgert einen Oltner.

Janine Gloor
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Damit Blinde Verkehrsinseln ertasten können, wird ein Absatz gebaut. Dieser ist ein Hindernis für Rollstühle

Damit Blinde Verkehrsinseln ertasten können, wird ein Absatz gebaut. Dieser ist ein Hindernis für Rollstühle

Bruno Kissling
Die erhöhte Pflastersteinreihe stoppt die Vorderräder des Rollsthls.

Die erhöhte Pflastersteinreihe stoppt die Vorderräder des Rollsthls.

Bruno Kissling

Roland Giger ärgert sich über den Rand von Verkehrsinseln. Wenn er seine 99-jährige Mutter in ihrem Rollstuhl spazieren fährt, stellen diese Ränder ein Hindernis dar. Kein unüberwindbares, doch Giger muss den Rollstuhl jedes Mal umdrehen, um die Kante mit den grossen Hinterrädern zuerst zu befahren.

«Stolperfallen für alle Rollstuhl- und Rollatorbenutzer» nennt Giger die Ränder in einem Leserbrief in dieser Zeitung. Bei einem Augenschein wird klar, wovon Giger spricht: Die vorderen, kleinen Räder des Rollstuhls werden von der erhöhten Pflastersteinreihe gestoppt.

Auch mit grösserer Kraftanstrengung ist der Rollstuhl nicht weiterzubewegen, Giger riskiert höchstens, dass seine Mutter aus dem Rollstuhl fällt. Also muss der Rollstuhl rückwärts über die Kante gezogen werden. «Gegen den Rand zwischen Trottoir und Fahrbahn habe ich nichts», sagt Giger. Er verstehe, dass es hier eine Abgrenzung geben müsse.

Auf der Bleichmattstrasse wird er von einer Frau mit Kinderwagen angesprochen. «Guter Leserbrief, Roli!», sagt sie und erklärt, dass sie auch mit den Rädern ihres Kinderwagens Mühe habe, die Absätze zu überwinden. «Ich habe sehr viele Rückmeldungen erhalten», sagt Giger. 30 bis 40 seien es gewesen, einige sogar schriftlich. «Ich verstehe nicht, warum diese Inseln erhöht sein müssen. Das braucht mehr Bauzeit und die Kosten sind höher.»

Bei der Kreuzung Ziegelfeldstrasse/Bleichmattstrasse wird der Verkehr über den Fussgängerstreifen von einer Ampel geregelt. Als Roland Gigers Frau den Rollstuhl über die erste Kante der Verkehrsinsel manövriert hat, ist bereits das rote Männchen wieder angesprungen. Roland Gigers Lösung für dieses Problem ist simpel: «Die Verkehrsinseln sollten sich nicht vom Rest der Strasse abheben. So wie bei den Fussgängerstreifen auf der City-Kreuzung. Dort hat niemand Mühe, innerhalb einer Grünphase die Strasse zu überqueren.»

Rand muss ertastbar sein

Die Ränder bei den Verkehrsinseln – oder Fussgängerschutzinseln, wie sie korrekt heissen – sind nicht aus Willkür oder Freude am Bauen entstanden. «Das Behindertengleichstellungsgesetz schreibt vor, dass Fahrbahn und Gehwege getrennt sein müssen», erklärt Daniel Wassmer, Abteilungsleiter Tiefbau beim Kanton Solothurn. Die Vorschriften für einen hindernisfreien Verkehrsraum sind in einer Norm der Vereinigung Schweizerischer Strassenfachleute (VSS) festgehalten. Diese Norm schreibt für die Abgrenzung zwischen Fahr- und Fussgängerbereich einen Absatz von drei Zentimetern vor. «Sehbehinderte sind unbedingt drauf angewiesen, mit dem Stock ertastbare Absätze vorzufinden», sagt Wassmer.

Daniela Moser von der Interessenvertretung des Schweizerischen Blinden und Sehbehindertenverband kann dies bestätigen. «Für Personen mit einer Sehbehinderung ist ein Absatz von drei Zentimetern zwischen Fahrbahn und Trottoir oder Verkehrsinsel ein ganz wichtiger Aspekt. Denn nur so können sie den Unterschied zwischen dem gefährlichen und dem sicheren Bereich mit dem weissen Stock erkennen.» Gemäss Moser darf der Rand dafür nicht niedriger sein als drei Zentimeter: «Ist ein Randabschluss tiefer als diese drei Zentimeter, ist die Trottoirkante mit dem weissen Stock nicht mehr ertastbar.»
Drei Zentimeter, die es allen recht machen sollen. «Dieser Rand ist ein Kompromiss, da er auch mit einem Rad überwindbar ist. Das Wichtigste ist die Koexistenz», sagt Wassmer. So müssen sämtliche Neu- und Umbauten nach den neuen Normen, durchgeführt werden.

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