Schriftsteller
Alex Capus: «Ich habe überhaupt keine Fantasie»

«Ich interessiere mich für Recherchen, weil mir sonst nichts einfallen würde.» Aber Fantasie habe er nicht, meint der Oltner Schriftsteller Alex Capus. Im Interview spricht der 51-Jährige auch über den Wilden Westen und seinen nächsten Roman.

Adriana Gubler
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An der Buchmesse Olten im Herbst 2011 unterhielt Capus das Publikum mit Western-Geschichten.

An der Buchmesse Olten im Herbst 2011 unterhielt Capus das Publikum mit Western-Geschichten.

bko

Alex Capus, im September erscheint von Ihnen eine Sammlung Western-Geschichten in Buchform. Die USA-Reise mit Ihrer Familie hat sich demnach gelohnt.

Alex Capus: Es wird nur ein Büchlein, eine kleine Sache. Die Gründe unserer Reise waren ohnehin historische Recherchen für ein nächstes Buch, das ich schreiben will. Ich musste dafür an die Stanford University in San Francisco. Meistens kommt die ganze Familie mit, wenn ich eine grössere Reise machen muss – sofern es nicht zu gefährlich ist. Es war nicht beabsichtigt, dass ich diese Western-Geschichten schreibe. Das hat sich für Kolumnen so ergeben. Und nun glaube ich, dass sie auch die Leute ausserhalb von Olten interessieren könnten.

Sie kehren für Ihre Romane und Geschichten immer wieder in die Vergangenheit zurück. Was reizt Sie daran?

Ich mag Geschichten, ich erzähle und höre sie gerne. Damit eine Geschichte eine Geschichte ist, muss sie vergangen sein. Deshalb hat man als Geschichtenerzähler zwangsläufig mit der Vergangenheit zu tun. Das schlägt mir aber aufs Gemüt.

Wieso?

Man beschäftigt sich immer und immer wieder mit Leuten, die längstens tot sind. Die Sterberei gehört zu meinem Alltag. Am Ende einer grossen Arbeit bin ich deswegen manchmal niedergeschlagen.

Trotzdem zieht es Sie immer wieder zu diesen Toten zurück.

Ja, es ist halt schön. Und es ist auch gut, dass alle einmal sterben und Platz machen für die nächsten. Wenn alle bleiben würden, wäre es ziemlich voll hier.

Sie schmücken Ihre Geschichten jeweils mit detaillierten Beschreibungen aus. Woher nehmen Sie die Fantasie für diese Bilder?

Ich habe überhaupt keine Fantasie. Ich interessiere mich für Recherchen, weil mir sonst nichts einfallen würde. Wenn ich beispielsweise auf den Totengräber stosse, frage ich mich: Wen hat er beerdigt? Chinesen. Was haben Chinesen in Kalifornien gemacht? Sie hatten Wäschereien und Opiumhöhlen. Wie aber kam das Opium von China nach Kalifornien? Eine Verknüpfung führt zur nächsten. Ich muss nur entscheiden, wann ich aufhöre, weitere Verbindungen zu suchen. Mir ist es das grösste Vergnügen, dass alles mit allem zusammenhängt und ich sogar in Kalifornien auf einen Munzinger stosse.

Welche Western-Figur machte Ihnen besonders Eindruck?

Natürlich dieser Louis Munzinger, der ins Death Valley ging, um Bier zu brauen, und eine rund 30 Jahre jüngere Frau bei sich hatte, eigentlich ein Mädchen. Dieses Mädchen hatte im Alter von 14 Jahren bereits zwei Kinder – das kann doch nicht richtig sein. Als ich darauf stiess, war ich auf Anhieb solidarisch mit diesem «Meiteli», jedoch ohne diesen Munzinger zu verurteilen.

Was wurde aus dem Mädchen?

Das Mädchen taucht in der Volkszählung von 1880 wieder auf als Mutter von zwei Kindern, ein weiteres war bereits verstorben. Aber schon bei der nächsten Volkszählung ist sie nicht mehr an der Seite von Louis Munzinger. Ich habe herausgefunden, dass sie von ihm weggegangen ist. Ich hoffe natürlich für sie, dass sie mit einem «Bubi» ihres Alters durchgebrannt ist. Ich weiss aber bloss, dass sie ein neues Leben auf einer Poststation an der Route 66 angefangen hat. Diese Geschichte berührt mich, obwohl ich gar nicht weiss, wie es wirklich war. Vielleicht war sie der böse Haken ...

Wäre der Wilde Westen etwas für Sie gewesen?

Eher nicht. Wenn man weiss, dass die Bevölkerung Kaliforniens Mitte des 19. Jahrhunderts zu 92 Prozent männlich war, und die allermeisten Männer zwischen 18 und 25 Jahre alt waren, versteht man, warum es damals eine solch testosterongeschwängerte Gesellschaft war. Und warum sich die Männer so blöd verhielten mit ihren Revolvern. Das wäre nichts für mich gewesen. Auch die Goldsucherei nicht – ich habe wohl mehr Geld verdient mit Geschichten über Goldsucher als mancher Goldsucher mit seiner Arbeit.

Sie sagten, Sie hätten in den USA für ein nächstes Buch recherchiert. Was verraten Sie dazu?

Ich habe nach Informationen über den Schweizer Physiker und Zürcher Juden Felix Bloch gesucht. Er ist eine Figur meines nächsten Romans. Dieser Bloch hat in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts an der ETH in Zürich Physik studiert, das war die Zeit der Quantenphysik. Die Männer, die sich damals der Atomphysik widmeten, waren ganz fromm. Sie waren der Überzeugung, dass die Quantenphysik ganz sicher nicht in die mechanische Tötungsmaschinerie des Ersten Weltkrieges passt. Bloch ging später nach Leipzig, wurde Assistent von Werner Heisenberg und hat doktoriert. Dann kam das Jahr 1933, und einer mit dem Namen Bloch hatte im Nazi-Deutschland keine Möglichkeit mehr für eine akademische Karriere.

Wie ging es weiter mit Felix Bloch?

Er bekam ein Stipendium an der Stanford University. Dort hat er schön weiter seine «Atömli» erforscht, bis die USA im Zweiten Weltkrieg in Los Alamos das Manhattan-Project lancierten. Dabei entwickelten sie im Wettlauf gegen die Deutschen ihrerseits die Atombombe. Der emigrierte europäische Jude fiel natürlich in ein moralisches Dilemma, denn die amerikanische Atombombe wurde eindeutig dazu erbaut, die Nazis zu stoppen und mit ihnen auch den Holocaust. Trotzdem war die Atombombe eine Massenvernichtungswaffe, bei der man nicht wusste, ob sie nicht den ganzen Planeten abfackeln wird. Robert Oppenheimer baute schliesslich die Atombombe fertig. Und Felix Bloch war einer der wenigen, die aus dem Projekt ausstiegen. Darum interessiert er mich. In Stanford wollte ich den Briefwechsel von Bloch lesen.

Sind Sie fündig geworden?

Den Briefwechsel habe ich gefunden. Aber die ganze Atombomben-Geschichte ist in einer Gründlichkeit ausgespart, dass es auch wieder eine Aussage ist. Ob das Material für ein Buch reicht, kann ich jetzt noch nicht sagen.

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