Alters- und Pflegeheim Dulliken
Wie ein Bewohner, Mitarbeiterinnen und der Institutionsleiter den Ausbruch von Corona erlebt haben

Im Alters- und Pflegeheim in Dulliken erkrankten Anfang November Bewohnende und Pflegekräfte an Covid-19. Ein Bewohner, sowie Mitarbeiterinnen und der Institutionsleiter erzählen, wie sie den Ausbruch im Brüggli erlebt haben.

Rebekka Balzarini
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Pascal Storck, Sandra Cagnazzo und Beatrice Meier teilen ihre Erfahrungen.

Pascal Storck, Sandra Cagnazzo und Beatrice Meier teilen ihre Erfahrungen.

Bruno Kissling

Josef Strub: «Das kann doch nicht wahr sein»

Bruno Kissling

«Die Zeit in Isolation in meinem Zimmer war für mich eigentlich nichts Neues. Das ist schon das vierte Mal, dass ich das erlebt habe. Zweimal wegen eines Norovirus-Ausbruchs und jetzt zweimal wegen Covid-19. Mich hat es eigentlich nicht so gestört, dass ich im Zimmer bleiben musste. Ich löse gerne Kreuzworträtsel, das ist mein Hobby. Ich nehme mir meinen Block und fange an zu rätseln. So habe ich einfach Tag für Tag genommen. Eine Bekannte von mir geht gerne spazieren. Sie hat sicher mehr gelitten als ich, sie durfte nur zum Rauchen auf den Balkon. Um meine eigene Gesundheit habe ich mir eigentlich keine grossen Sorgen gemacht.»

«An einem Sonntag, nachdem der Ausbruch bekannt geworden war, stand um 10.30 Uhr plötzlich eine Frau von der Lungenliga in meinem Zimmer. Sie sagte, sie müsse mich auf Covid-19 testen. Davon wusste ich gar nichts, aber ich sagte na gut, sie solle halt testen. Am Mittwoch habe ich den Bescheid erhalten, dass mein Test negativ war. Das hätte ich ihnen auch gleich sagen können, ich hatte ja nichts. Aber froh war ich trotzdem. Während der Zeit in meinem Zimmer habe ich ab und zu telefoniert. Eine Bekannte aus einem anderen Zimmer hat mich ab und zu angerufen und gefragt, wie es mir geht. Und mit dem Sohn meines Stiefbruders telefoniere ich sowieso zweimal die Woche. Wie es den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern geht, habe ich gar nicht mitbekommen. Erst als die Isolation vorbei war, habe ich im Speisesaal die Liste mit den Namen der Verstorbenen gesehen. Da bin ich wirklich erschrocken. Mit einem von ihnen habe ich vor dem Ausbruch noch zu Abend gegessen. Das kann doch nicht wahr sein, habe ich gedacht.»

«Vom Personal haben wir eine Kerze erhalten, um sie im Zimmer und auf dem Balkon anzuzünden und den Verstorbenen so zu gedenken. Manchmal zünde ich sie immer noch an. Dass die Regeln jetzt wieder etwas gelockert werden, finde ich wirklich gut. Ich bin froh, dass ich wieder gemeinsam mit den anderen essen kann. Aufgefallen ist mir, dass das Essen, wenn ich es im Zimmer einnehmen musste, immer kalt war. Ich bin der Letzte im Gang, der das Essen erhält. Der Vorteil davon ist, dass ich ein bisschen abgenommen habe.»

Beatrice Meier: «Dieses Virus ist unberechenbar»

Bruno Kissling

Die Pflegefachfrau Beatrice Meier war während des Ausbruchs im Brüggli zeitweise alleine für eine ganze Station verantwortlich. «Die ersten Tage nach dem Ausbruch waren sehr belastend. Viele Mitarbeitende waren positiv, wir anderen mussten einspringen. Das ständige An- und Ausziehen der Schutzkleidung war mühsam. Dazu kam die diffuse Angst davor, sich ebenfalls anzustecken. Wir mussten uns in dieser Zeit sehr den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner anpassen. Wir haben sie häufig in ihren Zimmern besucht, damit sie nicht vereinsamen und traurig sind. Unsere Zeit war aber auch begrenzt, weil wir für kurze Zeit jeweils allein für eine ganze Abteilung verantwortlich waren. Die Weisung war, dass wir unsere Abteilung nicht verlassen dürfen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Deshalb hat mir auch der Austausch innerhalb des Teams etwas gefehlt.»

«Gott sei Dank hatten nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner gleich starke Symptome und brauchten nicht gleich viel Betreuung. Was mich freute, war, dass wir viel Dankbarkeit erfahren haben. Von den Bewohnerinnen und Bewohnern, der Heimleitung, den Angehörigen. Personen, die schwer erkrankt sind, durften wir im Brüggli pflegen, wenn sie das so festgehalten haben. Der Kanton hat uns über die palliative Pflege bei Covid-Patienten informiert, so musste niemand leiden. Es stimmt, dass auch das Sterben im Alters- und Pflegeheim dazu gehört. Aber dass es gleich drei oder vier Personen gleichzeitig schlecht geht, war anders als sonst. Dieses Virus ist so unberechenbar. Einige haben gar keine Symptome, andere sterben innerhalb von drei bis vier Tagen.»

«Schwierig war es, dass wir den Bewohnerinnen und Bewohnern keine Auskunft darüber geben durften, wie es ihren Bekannten geht. Häufig wurden wir gefragt, aber aus Gründen der Privatsphäre durften wir nichts sagen. Das war schwer zu ertragen. Ich habe das Gefühl, dass die vergangenen Wochen uns als Team zusammengeschweisst haben. Wir regen uns weniger über Kleinigkeiten auf. Wir konnten die Regeln nun etwas lockern, aber ich finde die Situation für die Bewohnerinnen und Bewohner nach wie vor nicht ideal. Im Besucherraum dürfen sie etwa nicht zu nahe mit ihren Angehörigen zusammensitzen. Das ist sicher nicht so, wie wir es uns für sie wünschen.»

Pascal Storck: «Wir hielten zusammen»

Bruno Kissling

Institutionsleiter Pascal Storck musste den Betrieb in der Krise sicherstellen. «Nach dem ersten Fall haben wir sofort den internen Krisenstab aktiviert und die ersten Massnahmen in die Wege geleitet. Nachdem beim Personal viele Fälle bekannt wurden, haben wir eine Nachtschicht geschoben und die Einsatzpläne auf den Kopf gestellt, um den Betrieb während der nächsten Tage sicherzustellen. Ich bin froh und dankbar, dass ich mich auf alle Mitarbeitenden verlassen kann. Wir hielten zusammen, das war ein gutes Gefühl. Wie das Virus in das Brüggli gekommen ist, wissen wir nicht. Wir können nur mutmassen, aber das bringt nichts. Wir waren eines der erste Heime, das so stark betroffen war, und spürten, dass auch die kantonalen Behörden an ihre Kapazitätsgrenzen kamen, um alle Institutionen gleichzeitig zu unterstützen.»

«Meine Erfahrungen teile ich nun mit den anderen Heimleiterinnen und Heimleitern. Das ist ein laufender Lernprozess, der uns allen für die Zukunft hilft. In jeder Institution herrschen andere Bedingungen, aber wenn wir unsere Erfahrungen teilen, erhalten wir ein gewisses Grundgerüst, das uns dabei hilft, gelassener zu reagieren. Wir erarbeiten laufend neue Konzepte, um für den Notfall gerüstet zu sein. Zum Beispiel brauchen wir eine Lösung dafür, falls einmal das gesamte Küchenteam ausfällt. In so einem Fall würden wir nun mit anderen Heimen zusammenarbeiten. Wir bereiteten auch Mahlzeiten vor, welche wir eingefroren haben, um sie im Notfall rasch aufwärmen zu können.»

«Die zweite Welle hat uns heftiger erwischt als im Frühling, und ganz vorbei ist es nie. Ich habe das Gefühl, dass das Virus wie ein Damoklesschwert über uns hängt. Wir haben die Massnahmen nun wieder etwas gelockert, Angehörige dürfen wieder vorbeikommen, das Personal darf wieder auf allen Etagen pflegen und betreuen und die Bewohnerinnen und Bewohner treffen sich wieder überall, müssen jedoch neu auch eine Maske tragen. Man hat permanent den Hintergedanken: Hoffentlich trifft es uns jetzt nicht nochmals so hart. Ich merke, dass ich auch gegen aussen sensitiver werde. Ich habe etwa kein Verständnis dafür, wenn jemand im ÖV oder an der Bushaltestelle keine Maske trägt. Wir haben bei uns Menschen sterben sehen. Da entwickelt man ein anderes Auge, als man es vorher hatte.»

Sandra Cagnazzo: «Ich bin jetzt extrem sensibel»

Bruno Kissling

Viele Mitarbeitende des Teams von Pflegedienstleiterin Sandra Cagnazzo fielen aus. «Als wir von dem ersten positiven Fall erfuhren, war für mich sofort klar: Wir müssen unsere Bewohnerinnen und Bewohner in den einzelnen Zimmern isolieren und sie und die Angestellten der Pflege möglichst rasch durchtesten. Wir vom Personal konnten uns an einem Donnerstag testen lassen. Als ich am Freitag sechs Whatsapp-Nachrichten erhalten habe von Mitarbeitenden mit einem negativen Resultat, war ich erleichtert. Ich wusste, dass wir so die nächsten Tage stemmen können. Aber dann ging es los – immer mehr positive Testresultate innerhalb des Teams wurden bekannt. Das war unglaublich, einige von ihnen hatten gar keine Symptome. Dieser Freitag war wirklich schlimm für mich. Ich wusste, dass die nächsten Tage mit so wenig Personal hart werden. Weil wir im Frühling schon einen Fall hatten, hatten wir eine gewisse Grunderfahrung. Das hat sicher geholfen, denn vom Kanton wurden wir in dieser Zeit nur wenig unterstützt. Die liefen selbst am Limit, weil es in dieser Zeit so viele Fälle gab.»

«Von den Personen, die an Covid-19 gestorben sind, konnte ich mich nicht so verabschieden, wie ich das in anderen Zeiten kann. Normalerweise gehe ich nach einem Todesfall in das Zimmer der Person und bleibe dort so lange, wie ich es brauche, um mich zu verabschieden. Bei Covid-19-Todesfällen war das aufgrund der Schutzmassnahmen leider nicht möglich. Nachdem die Isolation aufgehoben wurde, haben wir deshalb ein Abschiedsritual durchgeführt. Wir haben an das Personal und die Bewohnenden Kerzen verteilt und sie alle am selben Tag um die gleiche Uhrzeit angezündet. Das kam bei allen sehr gut an.»

«Seit dem Ausbruch bin ich extrem sensibel, bei noch so kleinen Symptomen schrillen bei mir die Alarmglocken. Wir messen täglich Fieber, und bei jedem Halskratzen raten wir sofort zum Test. Normalität ist noch nicht eingekehrt. Ich finde es auch schwierig, dass wir von der Pflege den ganzen Tag Polizei spielen müssen. Wir weisen mindestens dreimal am Tag darauf hin, dass die Maske getragen werden muss. Oder wir erklären Angehörigen, wann sie vorbeikommen dürfen und wann nicht. Dabei haben wir diesen Beruf eigentlich gewählt, weil wir gerne mit Menschen zusammen sind. Und genau das müssen wir jetzt verbieten.»