Film gegen Rassismus
Sie macht sich auf die Suche nach den Ursprüngen der «Negerdörfli»

Cecile Weibel macht sich in ihrem «ersten richtigen Film» auf die Suche nach den Ursprüngen der «Negerdörfli» in Olten und in der Schweiz

Noemi Lea Landolt
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Früher wurde am Bahnhof Olten noch rangiert: Die Künstlerin Cecile Weibel thematisiert in ihrem Film die Veränderung eines Quartiers. Bruno Kissling

Früher wurde am Bahnhof Olten noch rangiert: Die Künstlerin Cecile Weibel thematisiert in ihrem Film die Veränderung eines Quartiers. Bruno Kissling

BRUNO KISSLING

Sie sehen alle gleich aus: ein Keller, ein Estrich, dazwischen ein Stock zum Wohnen. Die acht Häuschen in Olten im Rank der Aare liegen abseits der Stadt, zwischen Wasser, Wald und Industrie. «Als Kind hatten diese Häuser etwas Faszinierendes für mich», sagt Cecile Weibel.

«Sie stehen so nah am Wasser und sind auch ein bisschen isoliert.» Die Künstlerin ist gegenüber auf der Trimbacher Seite aufgewachsen und hat die Häuser aus der Ferne beobachtet. Damals hätte sie wohl nicht gedacht, dass sie über diese Siedlung einmal einen Film drehen würde.

Jetzt ist das Projekt im Kasten. Oder zumindest fast. «Ich muss noch etwas an Farbe und Ton basteln; aber der Schnitt ist fertig.» Der Film wird am Mittwoch im Rahmen der Aktionswoche gegen Rassismus (siehe Infobox) zum ersten Mal gezeigt.

Ein Zeichen gegen Rassismus

«Ich und Rassismus?» – das ist die zentrale Frage der Aktionswoche «SO gegen Rassismus». Das Amt für soziale Sicherheit hat sie diese Woche zum zweiten Mal organisiert. Sie dauert von heute Montag, 14. März, bis zum 21. März. Während dieser Woche finden im ganzen Kanton verschiedene Aktionen und Veranstaltungen statt. Detailliertes Programm online auf www.so-gegen-rassismus.ch

Dinge besser verstehen

Aber wie kommt die junge Künstlerin überhaupt darauf, einen Film über eine unscheinbare Siedlung in Olten zu drehen? Es ist ganz einfach Zufall. «Der Auslöser für meine Projekte ist meistens der Drang, Dinge besser zu verstehen.» Bei der Siedlung war es der Übername «Negerdörfli», der ihr Interesse weckte. Cecile Weibel wollte wissen, woher er kommt und was es für die Bewohner der Siedlung bedeutete, dort zu wohnen. «Weil ich nicht nur Kunst, sondern auch Geschlechterforschung und Ethnologie studiert habe, liegt meinen Kunstprojekten oft eine theoretische Fragestellung zugrunde.»

Als Ergänzung zum Film hat sie deshalb ein Begleitheft geschrieben: «Wenn der Film der Text ist, entspricht dieses Begleitheft den Fussnoten, wo ich Dinge ausführen und erklären kann, die im Film keinen Platz hatten.»

Ausflug in die Vergangenheit

Am Anfang des Films geht Cecile Weibel mit Daniel Schneider, der in der Siedlung aufgewachsen ist, seinen alten Schulweg entlang. Die Kinder hatten zu Fuss etwa 40 Minuten bis ins Bifang-Schulhaus. Unterwegs erzählt Daniel Schneider Anekdoten; zum Beispiel vom «Bürofräulein», das den Kindern ein Sugus reichte, wenn sie ans Fenster klopften. «Das ist schon krass, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, obwohl seine Schulzeit vielleicht 40 Jahre her ist», sagt Weibel.

In der Siedlung lebten damals 21 Kinder. «Zuhause sein, wenn’s dunkel ist», der Titel des Films, ist das ungeschriebene Gesetz, an das sich die Kinder der Siedlung gehalten hatten, wenn sie in der Dämmerung vom Spielen im Wald nach Hause kamen. Heute wohnen praktisch keine Familien mehr in der Siedlung. Im Gegensatz zu früher werden im Oltner Industriegebiet auch keine Züge mehr rangiert.

«Die braunen Söhne des Südens»

Nachdem Cecile Weibel mit unterschiedlichen Bewohnerinnen und Bewohnern der Siedlung über ihre Erinnerungen an früher gesprochen hat, folgt im Film ein Exkurs: Die Künstlerin macht sich auf die Suche nach dem Ursprung des Übernamens «Negerdörfli» für solche Arbeitersiedlungen.

Zum ersten Mal stösst sie im Zusammenhang mit der Landesausstellung 1896 in Genf auf den Begriff: Dort gab es ein «Village noir» mit 200 Menschen aus Senegal, die ein halbes Jahr lang in einem hergerichteten Dorf aus Lehmhütten und unter ständiger Beobachtung lebten. Heute wäre so etwas unvollstellbar.

Nur kurz später taucht der Begriff in Naters VS, in einem völlig anderen Zusammenhang wieder auf. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes in der Schweiz entstanden entlang der Baustellen Barackendörfer für die mehrheitlich italienischen Arbeiter. Das Barackendorf in Naters wurde ebenfalls als «Negerdorf» bezeichnet.

In Formulierungen wie «die schwarzen Gesellen» oder «die braunen Söhne des Südens» verglichen verschiedenen Zeitungen die italienischen Arbeiter mit Bildern von Menschen aus Afrika. Im März 1913 schrieb auch das Oltner Tagblatt über den Bau des zweiten Hauensteintunnels und die Gastarbeiter aus der Siedlung «Tripolis» auf der Trimbacher Seite des Aarerankes:

«Im Hasli, wo der Lauf der Aare korrigiert werden soll, pustet schon eine kleine Lokomotive, welche die mit Schutt beladenen Rollwagen hin und her schiebt. Auch die braunen Söhne des Südens bewegen sich wie Ameisen auf der Insel und liegen emsig ihrer Arbeit ob.»

Alltägliche Diskriminierung

Normalerweise dreht Cecile Weibel Videos, die im Rahmen einer Installation gezeigt werden. Dass ihr «erster Film mit Anfang und Ende» im Rahmen der Aktionswoche gegen Rassismus gezeigt wird, freut die Künstlerin: «Auch wenn der Film auf den ersten Blick vielleicht nicht das Erste ist, was jemandem beim Thema Rassismus in den Sinn kommt.» Es gehe um viele andere Themen, wie die Entwicklung eines Quartiers oder um das Erinnern.

Gleichzeitig möchte sie zeigen, dass Diskriminierung auch im Alltag und vielleicht ganz versteckt stattfinden kann. «An Orten, wo man es nicht erwartet. Im Zusammenhang mit der Bezeichnung ‹Negerdörfli› zum Beispiel.»

Zuhause sein, wenn’s dunkel ist Filmpremiere im Kino Lichtspiele Olten, Mittwoch, 16. März, 18 Uhr und 20.30 Uhr, Eintritt frei. Nach der ersten Vorführung findet ein Publikumsgespräch mit der Künstlerin statt.