Am Anfang war ein angeblich gestohlenes Auto. Daraus entwickelte sich eine Geschichte, die die Solothurner Staatsanwaltschaft über drei Jahre lang beschäftigte und diesen Donnerstag vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Der Vorfall lässt sich in zwei Versionen erzählen: diejenige der Staatsanwaltschaft und diejenige der Verteidigung. Viel miteinander gemein haben die beiden Versionen nicht.

In Zentrum beider Geschichten steht die Beziehung zweier Personen. Der alte, wohlhabende Schweizer, nennen wir ihn Eduard L.*, braucht Hilfe im Alltag. Ein Freudenhaus, das der 84-Jährige regelmässig frequentiert, empfiehlt ihm die deutliche jüngere, attraktive Ausländerin, nennen wir sie Vivian W.*. Sie erklärt sich bereit, seinen Haushalt zu führen und ihn zu Terminen zu chauffieren. Von nun an wird es kompliziert. Denn ab jetzt driften die beiden Versionen deutlich auseinander.

Die Version der Kläger

Vivian W. habe schnell erkannt, dass Eduard L. je länger je mehr unter Demenz leide. «Diese Situation hat sie schamlos ausgenutzt», behauptet die Staatsanwaltschaft. Ihre körperlichen Reize habe die 44-Jährige eingesetzt, um Eduard L. so lange zu manipulieren, bis er ihr hilflos ausgeliefert gewesen sein soll. Dies, zusammen mit der fortschreitenden Demenz, habe ihn schliesslich handlungsunfähig zurückgelassen. Dann habe sie ihn um stolze 170'000 Franken in Form zweier Luxusautos und Bargeld erleichtert. Konkret habe sie ihm zwei Kaufverträge für die Fahrzeuge vorgesetzt, die Eduard L. blindlings unterschrieben habe. Geld sei nie geflossen.

Weiter habe sie ihn zweimal auf die Bank begleitet, ihn dort tausende Franken abheben lassen und das Geld selber eingesackt. Als sich Eduard L. in einem wachen Moment zudem weigerte, einen Autoschlüssel herauszurücken, habe sie ihn spitalreif geprügelt. Mehrfachen Betrug und einfache Körperverletzung klagte die Staatsanwaltschaft an. 40 Monate Gefängnis und einen zehnjährigen Landesverweis forderte sie.

Die Version der Verteidigung

Soweit die Version der Anklage. In den Worten der Verteidigung tönt das Ganze anders: Eduard L. sei zum Zeitpunkt ein liebevoller, wacher Mann gewesen. «Ich habe mich gerne um ihm gekümmert», so Vivian W. In seinem Leben habe er immer wieder Autos verkauft, gleichzeitig sei ihr Schwager im Ausland als Autohändler tätig. Für den Verkauf habe es logische Gründe gegeben, er sei in gegenseitigem Einverständnis und nach bestem Willen erfolgt. Bezahlt habe sie jeweils in bar. Gedächtnisprobleme seien bei Eduard L. erst später aufgetreten. Weiter habe sie nie Bargeld von Eduard L. erhalten; auch geschlagen habe sie ihn nie. Deshalb müsse im Hauptanklagepunkt ein Freispruch erfolgen, forderte die Verteidigung.

Handlungsfähig oder nicht?

Soweit die beiden Versionen. Welche stimmt nun? Fakt ist: Eduard L. hat die beiden Kaufverträge unterschrieben. Dies belegt das polizeiliche Schriftgutachten. Doch als Vivian W. mit dem Auto davonfuhr, meldete er der Polizei sein Auto als gestohlen. Mit den Kaufverträgen konfrontiert, schwor er mit dem Rütlischwur, er habe dieses Dokument noch nie gesehen und er solle «tot umfallen», wenn dies seine Unterschrift sei. Erst als die Polizeianalyse vorlag, gestand er mögliche psychische Probleme ein.

Bleibt die Frage: War Eduard L. zum Zeitpunkt der Unterzeichnung handlungsfähig? Ein Demenzgutachten, das rund ein Jahr nach dem Vorfall erstellt wurde, kommt zum Schluss: mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Die Verteidigung erachtete dieses Gutachten jedoch als unbrauchbar. Zu viel Zeit sei zwischen der angeblichen Tat und dem Erstellen des Gutachtens ergangen, zudem sei es nicht nachvollziehbar.

Für Amtsgerichtspräsident Pierino Orfei stand während der Befragung der Angeklagten jedoch gar nicht die mögliche Handlungsunfähigkeit des mutmasslichen Opfers im Zentrum. Vielmehr löcherte er die Beschuldigte mit Fragen zu ihrem persönlichen Leben und zum genauen Ablauf der Autokäufe. Nicht alle Antworten schienen ihn zufriedenzustellen. So störte er sich etwa an gleich zwei falschen Angaben auf den Kaufdokumenten: Einmal war der falsche Ort, einmal die falsche Summe angegeben. Sie kenne sich mit dem Gesetz nicht so gut aus und man hätte dies wohl besser machen müssen, entschuldigte sich die Angeklagte.

Weiter wollte Orfei wissen, woher sie das Geld hatte, um die Fahrzeuge zu kaufen. Von ihrer Arbeit auf dem Oltner Strassenstrich und im Escort-Service, antwortete sie: «Damals hat man damit locker bis zu 15'000 Franken im Monat verdient.»

Geschichte zu klassisch?

Das letzte Wort hatte am Prozesstag die Verteidigung. Sie sah ein ganz grundsätzliches Problem am Fall: Eine ausländische, junge Prostituierte, die den alten, reichen, schutzbedürftigen Schweizer ausnehme. Diese Version sei geradezu mit Stereotypen überladen. Von Beginn weg sei Vivian W. vorverurteilt, die Unschuldsvermutung mit Füssen getreten worden. Den Fall hätten diese Vorurteile entscheidend mitgeprägt: etwa bei Polizeirapporten, bei Aussagen von Nachbarn oder beim Demenz-Gutachten. Der Staatsanwalt kommentierte diese Kritik nicht. Das Urteil wird in rund zwei Wochen mündlich eröffnet.

*Namen von der Redaktion geändert.