Herbstferien
Kinderheim Christhof: Unbeschwerte Wochen in Wisen

Im Kinderheim Christhof sind die Ferien wichtig für den Zusammenhalt in der Gruppe – ein Augenschein.

Judith Frei
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21 Bilder
Der Hof hat viele Tiere und ist auf Kinder ausgerichtet.
Der kleine Jan weiss wie mit Tieren umgehen.
Benjamin ist der grosse Bruder von Jan und zeigt hier sein Lieblingssäuli.
Auf dem Christhof hat es drei Esel.
Die Kinder haben jeden zweiten Mittwochnachmittag Stalldienst.
Dabei müssen sie sich um die Tiere kümmern und andere Arbeiten auf dem Hof erledigen.
Andy Hofer leitet das Kinderheim schon seit 25 Jahren.
Die Ziegen sind sich an die Kinder gewohnt.
Die Ziegen sind sich an die Kinder gewohnt.
Die Ziegen sind sich an die Kinder gewohnt.
Benjamin weiss genau welches Kaninchen zahm ist.
Der kleine Hoppel scheint es in seinen Armen zu gefallen.
Gina Iselin arbeitet schon seit fünf Jahren auf dem Christhof als Pädagogin und schätzt die Ferienlager sehr.
Der Spielplatz ist auch für Kinder, die nicht auf dem Christhof wohnen zugänglich.
Benjamin und Jan zeigen gern ihr Können.
Benjamin und Jan zeigen gern ihr Können.
Benjamin und Jan zeigen gern ihr Können.
Benjamin und Jan zeigen gern ihr Können.
In der Küche steht Hauswirtschaftsfachfrau Irene Moser.
Am Mittag muss immer alles schnell gehen, so schätzt sie die Lager, wo sie mehr Zeit für die Kinder hat.

Bruno Kissling

Der Bauernhof Christhof liegt auf dem Hauenstein ausserhalb von Wisen. Juraketten, soweit das Auge reicht. In der Ferne schimmern die Alpen durch den Dunst und im Tal liegt Nebel.
Auf dem Hof wird nicht nur Landwirtschaft betrieben. Hier wohnen Kinder, die aus schwierigen Familienverhältnissen kommen und vorübergehend nicht bei ihren Eltern leben können. So auch Benjamin* und Jan*. Sie sind Brüder und gehören zu den neun Kinder, die auf dem Christhof wohnen. Während den Herbstferien sind sie und ihre Schwester Lisa* die einzigen Kinder auf dem Hof. Die anderen Kinder können die Ferien bei ihren Eltern zu Hause verbringen.

«Das ist mein Lieblingssäuli und das ist mein Zweitlieblingssäuli», sagt Benjamin. Er zeigt auf die schwarzen Minischweine. Diese kommen sofort angerannt und knabbern an den Fingern der Zaungäste. Die kleinen Schweine sind nicht die einzigen Tiere auf dem Hof. Neben den Schafen und Kühen hat es auch einen Streichelzoo für die Kinder: Esel, Kaninchen, Hühner und Ziegen gehören dazu.

Jeden zweiten Mittwochnachmittag Stalldienst

Benjamin, der ältere der zwei Brüder, kennt den Charakter der Tiere. So weiss er auch, welcher Esel sich streicheln lässt und welcher eher scheu ist, welches Kaninchen man auf dem Arm tragen kann. Er und sein kleiner Bruder sind seit einem Jahr auf dem Hof. Jeden zweiten Mittwochnachmittag haben die Kinder Arbeitsnachmittag – auch in den Ferien. Dabei erledigen sie Hofarbeiten und kümmern sich um die Tiere. «Eigentlich mach ich das ganz gern. Ausser ich mache gerade etwas anderes, dass mehr Spass macht», sagt Benjamin abgeklärt.

«Chum! Ich zeige dir den Backflip», drängt sein kleiner Bruder. Er hat keine Lust mehr, die Tiere zu zeigen. Unterhalb des Gemüsegartens steht ein grosses Trampolin. Der Kindergärtner rennt voraus und streift schnell seine Gummistiefel ab. Der Bruder folgt ihm und zusammen zeigen sie ihr Können. Im Gemüsegarten ist Irene Moser dabei, Salat für das Mittagessen zu schneiden. Moser arbeitet als Hauswirtschaftsfachfrau auf dem Christhof und kocht heute das Mittagessen.

Ein bodenständiges Leben auf dem Bauernhof

Auf dem Hof ist vieles auf die Kinder ausgerichtet. Im Silo wird schon lange kein Tierfutter mehr gelagert, sondern dient als Spielturm für die Kinder. Neben dem Hof hat es seit diesem August einen grossen Spielplatz, der öffentlich zugänglich ist. Dem Betreiber der gemeinnützigen Organisation «WG-Treffpunkt» ist es ein Anliegen, natürliche Treffpunkte zu haben, wo Begegnungen zwischen den Kindern und Besucher möglich sind.

Auf dem Christhof will man ähnlich wie eine Familie leben. «Wir wollen dabei nicht als Konkurrent für die Eltern auftreten, sondern vertrauensvolle Beziehungen pflegen, welche das Wohl der Kinder im Fokus hat. Wir möchten, dass die Kinder sich geborgen und wertvoll fühlen», sagt Hofer, der Leiter vom Christhof. Dazu gehört die Konstanz im Team. Dieses hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Da die Kinder meist für längere Zeit auf dem Christhof bleiben, können die Mitarbeiter eine Beziehung zu den Kindern aufbauen. «Ich finde es wichtig, dass die Kinder die Pädagogen persönlich erleben», so Hofer. So schätzt er es sehr, wenn die Kinder auch einen Einblick in das Leben der Betreuer erhalten.

Kinderheim seit 25 Jahren

Hofer hat das Kinderheim vor 25 Jahren mit seiner Frau Leisa und der Familie Kurt und Monika Widmer gegründet. Seit 2015 ist die Kindergruppe Teil von WG-Treffpunkt. Wie auch für den Treffpunkt, ist für Hofer der christliche Glaube eine wichtige Antriebskraft. Dabei ist ihm das praktische Vorleben von grosser Bedeutung. Von seinen Mitarbeitenden verlangt er, dass sie authentisch und offen den Kindern gegenüber treten: «Wenn die Angestellten ihr Tun und Sein mit Freude und Leidenschaft leben, dann merken das die Kinder.» Wenn Hofer spricht, dann spricht er mit dem ganzen Körper, wenn er lacht, dann lacht er mit dem ganzen Gesicht, wenn er zuhört, dann gilt seine Aufmerksamkeit seinem Gegenüber. Hofer ist mit Haut und Haar bei der Sache. Auch mit den Kindern. Wenn sie mit spätestens 13 Jahre die Kindergruppe verlassen und ins Jugendhaus der WG-Treffpunkt übertreten, oder weiterziehen, dann bleiben viele noch in Kontakt. Telefonate und Besuche von Ehemaligen gehören zum Alltag im Christhof.

Obligatorische Lager für den Zusammenhalt

In den Winter, Sommer und Herbstferien gibt es jeweils ein Lager. Die Lager gehören zum pädagogischen Konzept der Institution: «Diese Lager sind wichtig, sie sind ein gemeinsamer Schatz an Erlebnissen und Erfahrungen, die ein Leben lang bleiben», so der Leiter.
«Für mich ist das Lager eine gute Möglichkeit, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen», sagt Hauswirtschaftsfachfrau Moser. Im Alltag steht sie vorwiegend in der Küche und sieht die Kinder nur über Mittag, wenn alles schnell gehen muss. «Ich geniesse die Lager mit all den Hochs und Tiefs sehr», so Moser. Letzte Woche sei sie im Herbstlager gewesen. Sie waren für acht Tagen im Valser Tal im Bündnerland. Dort haben sie ein Lagerhaus gemietet und haben Tagesausflüge gemacht.

In den Sommerferien waren sie im Nordtessin. Sie wanderten von Hütte zu Hütte bis an den Lago Maggiore. Für die Kinder, die zwischen fünf und zwölf Jahre alt sind, sei das zum Teil schon eine Grenzerfahrung gewesen, sagt Gina Iselin. Sie ist Pädagogin im Christhof und arbeitet seit fünf Jahren in Wisen. Auch für die Leitenden sei ein solches Lager manchmal herausfordernd. Die Erlebnisse würde aber die Gruppe weiterbringen und zusammenschweissen. Die Gefahren, die es in den Bergen gibt, sollen auch gute Lehrstücke für die Kinder sein. Sie sollen diese erkennen und lernen damit umzugehen.

Jeder nach seinen Bedürfnissen und Können

In den Skiferien gehts immer in die Berge. Hofer mag das Skifahren und lehrt es auch gerne seinen Schützlingen. «Mich kann man mit Schnee jagen», wirft Iselin ein. Sie geht nicht mit ins Skilager und wird auch nicht dazu angehalten. «Meine Mitarbeitenden können sich für ein bis zwei Lager im Jahr entscheiden», sagt Hofer. Dabei ist ihm wichtig, dass sie für die Planung und Gestaltung ihre Freude, Fantasie und ihre Kompetenzen einbringen. Iselin geht aber gerne in die Sommerlager: «Letztes Jahr waren wir in Italien, das war fantastisch.» Reisen ins Ausland sind Ausnahmen. Das will der Bereichsleiter auch so beibehalten, denn solche Ferien sollten nicht selbstverständlich werden.

Für den Christhof und seine Mitarbeitenden sind die Lager während den Ferien wichtig für ihre pädagogische Arbeit. Die gemeinsamen Erlebnisse fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl. Dies ermögliche so manchen Zugang zu den Kindern, der sonst nicht möglich wäre. Jetzt, wo die meisten bei ihren Eltern sind, ist auch der Betrieb ruhiger. «Ich entscheide in den Ferien spontan, was ich mit den Kindern mache», erklärt Iselin. So steht beispielsweise das Technorama in Winterthur auf ihrer Liste.

Aber es sei auch wichtig, dass die Kinder Eigeninitiative entwickeln würden und ihre Freizeit selber gestalten. «In den Ferien haben wir kein durchgetaktetes Programm», so der Leiter. Die Kinder sollen auch Zeiten der Langeweile haben. Auf diesem Bauernhof ist es aber schwer vorstellbar, dass die Kinder sich langweilen können.
*Name von der Redaktion geändert