Schönenwerd

Historiker zur «Geheimarmee» P-26: «Ich bin überzeugt: Es war eine sinnvolle Organisation mit seriösen Leuten»

Für Autor Martin Matter war die P-26 keine Geheimarmee.

Für Autor Martin Matter war die P-26 keine Geheimarmee.

Der in Schönenwerd aufgewachsene Historiker und pensionierte Journalist Martin Matter hat als erster Autor die Geschichte der P-26 in einem Buch dokumentiert.

Haben Sie während Ihrer Militärdienstzeit etwas von einer solchen Organisation mitbekommen?

Martin Matter: Nein, gar nichts. Ich stand bis Anfang der Neunzigerjahre im Dienst und habe nichts gehört. Die Geheimhaltung hat funktioniert.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit, als die P-26 publik wurde?

Wir sind aus allen Wolken gefallen, vor allem als «Rico» (Efrem Cattelan) enttarnt wurde. Der P-26-Chef wohnte ganz in meiner Nähe, in Münchenstein. Es gab einen riesigen Wirbel. Wie viele andere schockierte Zeitgenossen fragte ich mich damals: Was haben wir wohl sonst noch für Leichen im Keller…? Denn zuvor hatten die Kopp-Affäre und vor allem der Fichenskandal bereits für politische Erdbeben gesorgt. Es gab in jenen Jahren ein richtiges «Skandalisierungs-Crescendo». Auch ich stand damals der ganzen Sache kritisch gegenüber.

Wie meinen Sie das?

Die politische Stimmung damals war ungeheuer aufgeheizt. Ich bin der Meinung, dass die Fichenaffäre für sehr viele Leute zum ersten Mal das Grundvertrauen zwischen Bürger und Staat erschüttert hat. Plötzlich schien es möglich, dass mein Freund, meine Cousine oder auch ich selbst von meinem Staat ausspioniert wurde. Allein aufgrund eines Verdachts, man könnte irgendwie «links» sein. Das wirkte wie ein Schock. Und wenig später platzte die Affäre mit der «bewaffneten Geheimarmee». Wieder ein Schock. Eine vorurteilslose Auseinandersetzung mit der P-26 war in dieser Stimmung unmöglich. Ich selber habe auch erst später meine Meinung geändert, als ich intensiv Rico befragte und merkte: Es war alles anders als wir damals glaubten.

Hat Sie das Thema seither nicht mehr losgelassen?

Doch, durchaus. Denn nach der Auflösung verschwand das Thema P-26 sehr rasch wieder von der Bildfläche. Der Untergang der Sowjetunion, der Irak- und der Balkankrieg lenkten die öffentliche Aufmerksamkeit auf ganz andere Themen. Ich habe mich nicht mehr mit der P-26 befasst, bis ich 2005 Daniele Gansers nicht unumstrittene Dissertation über die geheimen Stay-Behind-Organisationen in den Nato-Staaten las. Natürlich wird darin auch die P-26 erwähnt. Das gab mir den Anstoss. Ein Freund und Kollege bestärkte mich darin: Als Journalist, Offizier und Historiker, meinte er, würden die ehemaligen Protagonisten der P-26 mir vertrauen. Denn damals war alles immer noch geheim. Mitte 2009 wurde ich pensioniert, und just im Herbst 2009 hob der Bundesrat zu meiner Freude die Schweigepflicht für die Ehemaligen der P-26 auf. Dann begann ich mit der Arbeit.

Wie sind Sie vorgegangen?

Als Erstes kontaktierte ich Hans-Rudolf Strasser, den früheren EMD-Informationschef, der 1990 als leitendes Mitglied der P-26 enttarnt und sofort entlassen wurde. Ich kannte Strasser aus meiner militärischen Tätigkeit her. Strasser zog aber seine Aussagen zu meiner Überraschung wieder zurück, weil nachträglich Misstrauen in ihm hochkam und er Kontroll- und Korrekturrechte an meinem Buchtext verlangte, die inakzeptabel waren. Ich tastete mich dann teils mit Hilfe Ricos von einem Ehemaligen zum nächsten. Leider gab es auch etliche Absagen. Aber am Ende reichte es für eine kohärente Darstellung der wirklichen P-26: Sie wäre ausschliesslich im Falle der Besetzung der Schweiz (durch die Sowjetunion) aktiviert worden und hätte in erster Linie mit einfachen, aber psychologisch wirksamen Aktionen aller Art versucht, den Widerstandswillen und das Durchhaltevermögen der unterdrückten Bevölkerung zu stärken. Später wären gezielte Sabotageakte dazugekommen, um der Besatzungsmacht das Leben möglichst schwer zu machen. Alles andere, was der P-26 damals angedichtet wurde, vor allem die Behauptung, sie wäre im Falle eines Erdrutschsieges der Linken bei den Wahlen nach Bern marschiert, ist vollendeter Unsinn.

An welchem Punkt stand die Forschung damals?

Es gab ja ausschliesslich den Bericht der Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK), den man mangels anderer Quellen nicht wirklich hinterfragen konnte. Er galt quasi absolut. Noch heute halten einzelne politische Meinungsmacher daran fest wie Gläubige am Koran oder an der Bibel: kein Wort darf hinterfragt werden. Dieses Hinterfragen wurde mir mit der Befragung von Ehemaligen möglich. Auf diese Weise liess sich das damalige Zerrbild der P-26 erstmals korrigieren.

Sie übernahmen eine Pionierrolle bei der Aufarbeitung der P-26-Geschichte. Was war für Sie besonders schwierig?

Das unverständliche Misstrauen, das mir während meiner Arbeit von Seiten einer Gruppe von Ehemaligen rund um Strasser entgegenschlug. Weil ich Journalist war. Sie befürchteten, ich würde sie gleich kritisch anfassen wie praktisch alle Medien anno 1990. Sie machten mir sogar etliche Ehemalige abspenstig, die ich gern befragt hätte. Alles in allem hat es ja trotzdem gut geklappt. Anfänglich erstaunt war ich zudem über die oft negativen Besprechungen meines Buches in den Medien. Es wurde mir bewusst, dass die ideologische Belastung des Themas bis heute viel stärker ist als vermutet. Ein Teil von Medien und Politikern wollen sich ihr Feindbild der «staatsgefährdenden Geheimarmee» partout nicht nehmen lassen.

Welches Fazit ziehen Sie aus Ihrer Forschung?

Ob die Idee dieser P-26 sinnvoll war oder nicht, darüber kann man streiten. Ich bin auch heute, acht Jahre nach der Publikation meines Buches, überzeugt: Es war eine sinnvolle Organisation mit seriösen Leuten. Mag sein, dass einige «Rambos» darunter waren, aber die waren die grosse Ausnahme. «Rico» suchte konsequent nach möglichst unauffälligen Bürgerinnen und Bürgern, die vertrauenswürdig und belastbar waren und deren berufliches Umfeld es erlaubte, sich von Zeit zu Zeit mit einer plausiblen Ausrede für ein paar Tage an einen P-26-Kurs abzusetzen. Es waren «Normalos» mittleren Alters, die niemals staatsgefährdende Umtriebe im Sinn hatten – Rico selber schon gar nicht.

Beim Begriff «Geheimarmee» denkt man aber an härtere Gangarten.

Darum heisst mein Buch auch: «Die Geheimarmee, die keine war.» Der Begriff «Armee» könnte falscher nicht sein. Die P-26 bestand aus insgesamt 80 sogenannten «Widerstandsregionen», über das ganze Land verteilt: Eine Struktur von Zellen, die vollständig voneinander abgeschottet waren. Die Leute sollten im Frieden wie im aktiven Ernstfalleinsatz nur dort wirken, wo sie zu Hause waren und sich auskannten, koordiniert per Funk vom Führungsstab der P-26. Nie wäre die P-26 als Einheit aufgetreten, schon gar nicht für Kampfaufträge. Weder hatten sie einen entsprechenden Auftrag, noch waren sie dafür ausgebildet. Denn auch der Eindruck, die P-26 sei schwer bewaffnet gewesen, stimmte so nicht. Kein Mitglied hatte eine Waffe von der P-26 zu Hause, auch die Spezialisten, die im Umgang mit Sprengstoff und an den Spezialwaffen zur Selbstverteidigung ausgebildet wurden, hatten nichts davon zu Hause. Alles war in geheimen, für Mitglieder unzugänglichen Depots eingelagert. Erst – und nur - im Besetzungsfall wären Waffen und Material an die Mitglieder verteilt worden.

Wie muss man sich Sabotageakte der P-26 vorstellen?

Einen Leitungsmast sprengen, einen Güterzug gezielt entgleisen lassen, einen Radiosender mit dem Präzisionsgewehr ausschalten. Alles Mögliche zur Störung der Besetzer. Dabei war sich Rico sehr wohl der Gefahr von Repressalien durch die Besatzungsmacht bewusst. Das hätte die Organisation in der Bevölkerung diskreditieren können. Darum sollte die Schwelle der Sabotage nie allzuhoch liegen. Gezielte Tötungen etwa von Exponenten des Feindes kamen für Rico nicht oder nur im Fall höchster Not in Frage, denn das hätte zweifellos schreckliche Racheakte provoziert.

Was sagen Sie zum oft geäusserten Vorwurf, die P-26 sei illegal gewesen?

Der Rechtsexperte der PUK kam damals zum Schluss, der P-26 fehle die formelle Gesetzesgrundlage. Aus diesem formalen Mangel, begründet mit dem damals aufkommenden sogenannten Legalitätsprinzip, wurde in Medien, Politik und Öffentlichkeit flugs «illegal». Und im Volksmund war der Weg nicht weit zu «verboten», ja gar «kriminell». Die P-26 wurde als potenziell staatsgefährdende Truppe diabolisiert. Obwohl ihre Verfassungsmässigkeit von niemanden in Frage gestellt wurde.

Wie beurteilen Sie die Erkenntnisse von Titus J. Meier?

Meier und ich arbeiteten gewissermassen parallel, aber auf anderen Ebenen und anfänglich ohne voneinander zu wissen. Er begann sich schon Jahre vor mir mit dem Thema zu befassen und kommt zu praktisch den gleichen Schlüssen wie ich. Mit einem entscheidenden Unterschied: Er hat die P-26-Akten verarbeiten können und kann alles belegen, was er schreibt. Das konnte ich nicht, da mir ausschliesslich Rico und einstige Mitglieder mit ihren übereinstimmenden Aussagen zur Verfügung standen. Mithin konnte ich «nur» Oral History betreiben und war dadurch viel angreifbarer. Titus Meier zu widersprechen ist schwieriger. Meier schuf das wissenschaftlich gut abgestützte «Opus maximum» zur P-26.

Wie denken Sie wird sich das Thema P-26 entwickeln?

Ich staune, dass es immer wieder aufflackert, aber irgendwann wird auch das vorbei sein. Die Akten, die Titus Meier einsehen konnte, sind noch 20 Jahre gesperrt, werden jetzt aber hoffentlich auch anderen Historikern offenstehen. Neues erwarte ich nicht mehr. Was es zu sagen gibt, steht in Meiers Buch. Alles Wesentliche zur P-26 ist gesagt.

Hinweis: Martin Matter: «P-26 – Die Geheimarmee, die keine war», Hier+Jetzt-Verlag, Baden, 2. Auflage 2012 (vergriffen, als E-Book erhältlich)

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