1872 in Schönenwerd: Carl Franz Ballys Schuhfabrik gibt es schon über 20 Jahre, das Unternehmen befinndet sich mit mehr als 500 Mitarbeitern in voller Blüte. Doch das ehemalige Imperium ist nicht das einzige, was in diesem Jahr von Bally aufgebaut wird: Für den langjährigen Chef des Elastikmagazins, Adrian Walser, lässt Carl Franz Bally ein Wohnhaus erstellen. Das Gebäude wird auf dem damals noch unbebauten Grossmatt-Areal in der Nähe der Bahnlinie errichtet, neben dem heutigen Coop an der Gösgerstrasse. Die sogenannte Villa Tannheim gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen der gehobenen bürgerlichen Wohnkultur zu Ballys Zeiten in der Region. 

Walser richtete in der Villa nach seinem Einzug zusätzlich ein grosses Spezereimagazin – ein Gemischtwarenladen – ein. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sich dieser wegen des Konsumvereins Schönenwerd, welcher nur kurz danach gegründet wurde, nicht mehr lohnte. Aus diesem Grund übernahm bereits zwei Jahre später Arthur Bally-Herzog, der jüngste Sohn von Carl Franz Bally, das Haus. Dieser soll der Villa auch ihren Namen gegeben haben und liess 1880 ein Nebengebäude errichten, welches ihm als Wasch- und Holzhaus diente.

Von der Post bis zum Coop

Das Haupthaus war damals ein zweigeschossiges Gebäude mit einem Satteldach, welches an den beiden Längsseiten mit schwach ausgebildeten Vorsprüngen unter Quergiebeln versehen war. Hölzerne Zierelemente schmückten Fenster und Dachränder. Auf der Südseite der Villa war eine Veranda zu finden, von welcher die grosszügige Gartenanlage überblickt werden konnte. Diese erstreckte sich damals über die heutigen Coop-Parkplätze bis hin zum Post-Areal und wurde im englischen Stil gehalten. Die Gartenanlage umfasste neben diversen Baumarten auch einen Weiher.

Doch nicht nur Haupthaus und Gartenanlage, sondern auch das Nebenhaus war sehr aufwendig gestaltet. Als zweistöckiger Sichtbacksteinbau mit hölzernen Details entsprach es dem Stil des späten 19. Jahrhunderts.

Ein Stich der Villa von 1889 aus Gartensicht.

Ein Stich der Villa von 1889 aus Gartensicht.

Die Villa erhält ein neues Gesicht

1907 aber wurden die Äusserlichkeiten der Villa Tannheim verändert: Arthur Bally-Herzogs Sohn, Max Bally-Hühnerwadel, unterzog das Gebäude fünf Jahre vor dem Tod seines Vaters einem Komplettumbau. So erhielt die Villa ihr heutiges Aussehen. Das Gebäude erhielt neue Fenster, die sich in Form und Grösse von den alten unterschieden, sowie eine aufwendige Fassadeninstrumentierung Ecklisenen, Gesimsen und reichem Baudekor. Durch zusätzliche Ecklisenen wurden auch die längsseitigen Dachvorsprünge betont.

Ausserdem erhielt der Haupteingang ein reich geschmücktes Portal, welches mit Tannenelementen und dem Schriftzug «Tannheim» verziert wurde. Ein rechteckiger Erker, ein Diensteingang, ein Blumenerker und ein steinerner flachgedeckter Anbau fügten an jeder Seite der Villa eine Neuigkeit hinzu. Max Bally lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1976 in der Tannheim-Villa.

Apotheke und Wohnhaus

Die Villa wurde zwei Jahre später von der Einwohnergemeinde Schönenwerd übernommen und an ein Studio und eine Künstlergruppe vermietet, bevor Haupt- und Nebenhaus 2006 schliesslich separat verkauft wurden. Im Nebenhaus entstand eine Apotheke, die Villa selber wurde wieder als Wohnhaus genutzt, wie dies auch heute noch der Fall ist. Mangels Unterhalt war das Gebäude zuvor in einen schlechten Zustand geraten, weshalb die neuen Eigentümer die Villa einer Restaurierung unterziehen mussten.

Dabei mussten die Gebäudehülle restauriert und eine Dachsanierung durchgeführt werden. Auch wurden schallisolierte Fenster eingebaut, wobei die Sprosseneinteilung von 1907 übernommen wurde. Die Fassade wurde geflickt und in einem warmen Gelbton gestrichen, wie sie auch heute noch aussieht. Auch der Schriftzug «Tannheim» wurde restauriert. Er dekoriert die Villa noch heute und erinnert an längst vergangene Zeiten, als der zweite Bewohner des Hauses vor über hundert Jahren einzog.