Aus Niederämter Sicht
Nicht alle Jugendlichen in denselben Topf werfen

Verena Fallegger
Verena Fallegger
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Dominik Plüss (Archiv)

Ein grosses Thema im Dorf sind «die Jugendlichen». Doch sind sie schlechter, als wir es waren? Ich glaube nicht. Auch wir haben Unfug getrieben. Gut – wir haben nichts demoliert und des Nachbarn Eigentum in Ruhe gelassen. In den 70-ziger Jahren waren wir als Hippies unterwegs. Wir haben uns der Flower-Power-Welle angeschlossen, sind mit langen Haaren, ausgefransten Schlaghosen, Pullovern, die bis zu den Knien reichten, umhergelaufen. Ein Sitzstreik hin und wieder, einfach um aufzufallen. Da haben sich unsere Eltern und Nachbarn auch aufgeregt und sich teilweise geschämt.

Unsere Besuche im «Roschtige Hund» oder im «Affenkasten» waren ebenso verpönt. Hier hiess es auch: «Die konsumieren Drogen», doch dem war nicht so.

Wir waren einfach rebellisch und wollten die Welt verändern. Demos 1976/77 waren ein Highlight in jener Zeit. Das Kraftwerk wurde geplant, danach gebaut und es dampft heute noch vor sich hin. Töffli frisieren fanden unsere Jungs cool. Getunte Autos sind heute der «Renner» und deren Besitzer treffen sich, um zu zeigen, welches Vehikel wohl tiefer gelegt ist. Na ja, jedem das Seine. Doch diese Zeit war und geht auch vorbei.

Im Facebook unter «Du besch vo Schönenwerd wenn…» wurde ein Aufruf für eine Unterschriftensammlung gestartet. Mit einer Petition wollen die Initianten Videokameras an den «heissen Orten» installieren lassen. Ziemlich böse Worte sind über die Gemeinde und die Polizei gefallen. Nach einer Rücksprache in der Kanzlei wurde bestätigt, dass die Räte und die Uniformierten von diesen Problemen wissen. Die Treffpunkte sind bekannt und in Gesprächen wird eine Lösung gesucht, um diesen Unmut zu besänftigen. Doch es ist vollkommen klar, dass Vandalenakte geahndet werden müssen.

Diese «Sache» betrifft nicht nur unsere Gemeinde, sondern auch die umliegenden Dörfer. Ich frage mich, was für eine Genugtuung man dabei empfinden kann, fremde Objekte zu demolieren oder Flaschen zu zerschlagen und Müll liegen zu lassen. Dies geht unter die Gürtellinie, bei allen – auch bei mir. Doch warum sollten wir alle Jugendlichen in den gleichen Topf werfen?

Nicht alle Jungen kaufen oder konsumieren Drogen. Nicht alle Jugendlichen hauen über die Stränge. Es gibt Hunderte in unserem Dorf. Sie sind jung und haben manchmal Flausen im Kopf, ohne Schaden anzurichten. An diese positiven Jungen und Mädchen sollten wir denken. Sie gehen zur Schule, studieren, sind hilfsbereit und regen sich ebenso auf, wie die Erwachsenen. Bitte kein Vorurteil fällen, bloss weil ein kleiner Teil der Teenager und Tweens über die Stränge haut. Bitte nicht alle in denselben Topf werfen! Nein, das soll und darf nicht sein.

Gerne würden die Erwachsenen sehen, dass alle Jungen «der Norm» - den eigenen Vorstellungen entsprechen. Kann es sein, dass es Hilferufe sind, nur um eine gewisse Aufmerksamkeit zu ergattern? Kann es auch sein, dass die Pandemie dazu führt, mit diesen Aktionen etwas Freiheit zu erhaschen?

Der Gemeinderat, die Behördenmitglieder sowie die Polizei sind wachsam, auch wenn einige das Gefühl haben, dass es nicht so ist. Es sollte doch möglich sein, in einem normalen Ton miteinander zu reden und sich nicht mit Gezeter an den Karren zu fahren. Wie heisst es in einem alten Sprichwort: «Wie man in den Wald ruft, so tönt es zurück.» Ich denke oft zurück, wie ich war, wie meine Eltern sich aufgeregt haben. Einen Satz meiner Mutter habe ich nie vergessen:

«Bevor du urteilst, vergiss nie, wie du selber gewesen bist».

Daran versuche ich immer wieder zu denken.

Verena Fallegger ist pensionierte Journalistin und lebt in Schönenwerd.

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