Aus Niederämter Sicht
Gleich an Würde und Rechten

Antje Kirchhofer-Griasch
Antje Kirchhofer-Griasch
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Gleich an Würde und Rechten.

Gleich an Würde und Rechten.

Lina Giusto

Neulich ist mir wieder diese Zahnpasta in die Finger gekommen. Bei Fragen zum Produkt solle ich mich doch an meinen Zahnarzt oder meine Dentalhygienikerin wenden, steht da drauf. Die Kombination «Frauenarzt und Hebamme» ist mir auch schon sehr häufig begegnet und in meinem Arbeitsfeld spricht man noch oft von «Pfarrern und Katechetinnen».

Wo sind die Ärztinnen und die Katecheten?

Es hat lange gebraucht, bis mich der Zahnarzt und die Dentalhygienikerin geärgert haben. Mittlerweile tun sie es. Früher hätte ich sie mitgemeint, statistisch gerechtfertigt oder vielleicht mit Gewohnheit begründet.

2021 ist das Thema «50 Jahre Frauenstimmrecht» vielerorts präsent. 50 Jahre, ein grosses Jubiläum, ein Grund zum Feiern. Kein Grund sich zurückzulehnen.

Ich bin die erste Pfarrerin in der christkatholischen Kirchgemeinde Schönenwerd-Niedergösgen. Für mich persönlich war es immer normal, dass Frauen Pfarrerinnen sein können. Ich habe nicht dafür kämpfen müssen, das haben andere getan, Frauen und Männer. Zum Beispiel meine Grossmutter, die 1937 ihr Theologiestudium in Bern abschloss. Sie wollte reformierte Pfarrerin werden und hatte die Hoffnung, dass dies bald möglich sein würde. Nach ihrem Praktikum, nicht hier im Niederamt, sondern in der Kirchgemeinde Zuchwil im Wasseramt, schloss sie ihre Ausbildung mit dem Diplom als Gemeindehelferin ab. Pfarrerin durfte sie trotz gleichwertiger Ausbildung nicht werden. Immerhin Helferin.

Für mich hat es sich immer selbstverständlich angefühlt, dass ich Pfarrerin sein kann. In meiner Kirche ist das in der Praxis auch kein Problem. Trotzdem versteht es sich nicht von selbst. Auch nach 50 Jahren Frauenstimmrecht gibt es weiterhin in der Praxis noch lange nicht überall eine tatsächliche Gleichstellung zwischen Männern und Frauen. Der Anteil an Führungspositionen und die Erwerbstätigkeit von Eltern sind weiterhin sehr ungleich. Frauen übernehmen einen Grossteil der unbezahlten Arbeit in Betreuung und Pflege und haben häufig geringere Altersrenten. Diese Themen sind immerhin bekannt und vielen Menschen im Bewusstsein. Sie sollen auch nach dem 50-Jahr-Jubiläum präsent bleiben!

Es gibt da noch einen weiteren Grund, warum ich es nicht mehr als selbstverständlich betrachten will, dass ich im Gegensatz zu meiner Grossmutter heute Pfarrerin sein kann. Es gibt noch viele andere Aspekte unter denen Menschen ausgeschlossen und diskriminiert werden. Und viele habe ich nicht auf meinem alltäglichen Gedankenschirm. Ich sehe sie nicht, so wie ich den Zahnarzt und die Dentalhygienikerin lange überlesen habe.

Es soll mir nicht reichen, dass ich als Frau im Pfarramt heute zu einer anerkannten Gruppe gehöre. Menschen werden auch heute diskriminiert aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Kultur, ihrer Sprache, ihrem Aussehen, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, wegen ihrem Alter oder wegen einer Behinderung oder anderem. Manche Menschen werden bevorzugt, andere eingeschränkt, manche von etwas ausgeschlossen, manche finden keinen Zugang. Es wird unterschieden zwischen Menschen. Dabei sind doch alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren, so sagt es zumindest die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

Ungleichheit gibt es an vielen Orten und ich sehe sie häufig nicht. Es gibt diese Ungleichheit auch in meinen Vorstellungen von der Welt und vom Zusammenleben und in meiner Sprache. 50 Jahre Frauenstimmrecht sind für mich ein wichtiger Anlass, mir das bewusst machen zu wollen. Ein Grund zum Feiern! – Und zum Dranbleiben.

Antje Kirchhofer-Griasch lebt in Aarau. Sie ist Pfarrerin in der christkatholischen Kirchgemeinde Schönenwerd-Niedergösgen.

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