Die Nachricht schlug Wellen: Halter AG kauft von Attisholz Infra das Areal der ehemaligen Zellulosefabrik Attisholz. Es ist mit 16 Hektaren eines der grössten Entwicklungsgebiete der Schweiz. Auch die Solothurner Regierung interessiert sich dafür, wer das industrielle Erbe übernimmt.

Noch bevor er sich mit dem Regierungsrat trifft, gehen wir mit Andreas Campi, Leiter Entwicklung bei Halter, über das Gelände. Nebelschwaden ziehen durch die Ruinen. Bilder des industriellen Niedergangs. Doch Campi in Aufbruchstimmung. «Dort könnte gewohnt werden», sagt er und zeigt auf einen schmalgezogenen Bau. Andere Gebäude werden abgerissen.

Campi weiss aber auch, dass vier Objekte nicht verhandelbar sind: Der 60 Meter hohe Säureturm, der markante Kamin, das Verwaltungsgebäude und die grosse Kiesofenhalle bleiben stehen. Geschützt sind auch der Hof Brestenberg und die ehemalige Fabrikantenvilla auf dem Hübeli. Bewahren und neu bauen, lautet die Devise. Bis zu 1500 Personen könnten einst hier wohnen.

Halter entwickelt neue Quartiere auf ehemaligen Industriearealen in Zürich und Bern oder ein Shoppingcenter in Luzern. Was treibt Sie in die Provinz?

Das Attisholz liegt überhaupt nicht in der Provinz. Es liegt im urbanen Gürtel der Schweiz, der sich vom Genfersee bis zum Bodensee erstreckt. Das Areal ist sehr gut gelegen. Man ist schnell in Bern, Basel oder Luzern und mit dem Zug von Solothurn aus in 55 Minuten am HB Zürich. In der Makrobetrachtung ist es also ein strategisch gut gelegener Standort. Die Grösse des Areals bietet eine riesige Chance.

Dennoch ist das Gelände abgelegen und nicht mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar.

Punkto Erschliessung werden ganz klar Verbesserungen nötig sein. Das Areal muss besser zugänglich gemacht werden. Wenn man allerdings die Entwicklung der heutigen, dezentralen Mobilität anschaut, eröffnen sich neue Möglichkeiten. Bis zur Altstadt von Solothurn sind es vier Kilometer Luftlinie. So weit ist das nicht. Doch diese «letzte Meile» zwischen den Bahnhöfen mit überregionalen Verbindungen und dem Attisholz muss verbessert werden. Daran hat bestimmt auch Biogen ein Interesse sowie weitere industrielle Nutzer.

Wie könnte diese letzte Meile überbrückt werden?

Wir denken etwa an unbemannte Fahrzeuge. Im Kommen ist die Mobilität on Demand. Also ein fremdes Fahrzeug, das dann vorfährt, wenn man es benötigt. Das bedingt, dass die bestehende Eisenbahnbrücke entsprechend entwickelt wird. Die technischen Voraussetzungen sind vorhanden. Im Mobilitätsbereich können wir hier Pionierarbeit leisten. Es braucht die Zusammenarbeit mit dem Kanton und der Gemeinde für ein zukunftsgerichtetes Mobilitätskonzept.

Markus Mettler, CEO der Halter AG, die das Attisholz-Areal übernommen hat: «Wir übernehmen die Verantwortung für die positiven und auch für die weniger schönen Aspekte»

Das sagt Markus Mettler, CEO der Halter AG, die das Attisholz-Areal übernommen hat: «Wir übernehmen die Verantwortung für die positiven und auch für die weniger schönen Aspekte»

Welche Rolle spielte der Biogen-Bau beim Kaufentscheid?

Das ist ein Katalysator. Die Ansiedlung zeigt, dass der politische Wille im Kanton Solothurn und bei der Standortgemeinde Luterbach in einem hohen Mass vorhanden ist. Man will vorwärts arbeiten. Das ist für uns als Entwickler ein positives Signal.

Bieten Sie den künftigen Biogen-Mitarbeitern ein Zuhause?

Das ist eine mögliche Zielgruppe. Wir gehen davon aus, dass sich die Mitarbeiter von Biogen langfristig auch in der Region niederlassen werden. Doch für die Belebung des Areals reicht dies nicht. Biogen alleine kann die Entwicklung des Attisholz Nord nicht tragen.

Was braucht es zusätzlich?

Ein erster Schritt ist die sukzessive Öffnung des Areals. Also die öffentliche Zugänglichkeit mit entsprechenden Nutzungen. Es gibt bestehende Zwischennutzungen (unter anderem durch Künstler, Party-Organisatoren, Filmcrews oder Gewerbetreibende, Anmerkung der Redaktion), die wir ausbauen wollen. Idealerweise kommen diese in einer ersten Phase mit einfachen Mitteln aus, siedeln sie sich dann aber langfristig hier an. Mittels Zwischennutzungen können wir das Attisholz einem überregionalen Publikum zugänglich machen.

Entstehen sollen Eigentums- und Mietwohnungen in verschiedenen Preisklassen. Wie sieht die übrige Nutzung aus?

Wir sehen grundsätzlich alle möglichen Nutzungen vor. Es soll sicher keine reine Wohninsel werden, das würde nicht die nötige Ausstrahlungskraft erzeugen. Es wird gewerbliche und kulturelle Nutzungen geben sowie Freizeitangebote. Wir möchten auch Flächen für Kleingewerbe bereitstellen sowie für Büros und technologische Nutzungen. Und wenn «Biogen Zwei» anklopft, werden wir die Türe gerne öffnen.

Also eine Erweiterung des Industrieareals?

Die Deindustrialisierung und die digitale Entwicklung schreiten voran. Arbeitsplätze werden verschwinden. Doch die biotechnologische Ausrichtung von Biogen ist zukunftsträchtig und kann dafür sorgen, dass sich weitere Unternehmen ansiedeln. Zulieferer oder Partnerfirmen im Bereich Forschung und Entwicklung zum Beispiel. In der Regel sind das hochwertige Arbeitsplätze, für die wir auf dem Attisholz-Areal Platz vorsehen möchten.

Heute ist das Areal privat. Wird es künftig öffentlich zugänglich sein?

Ja, es wird ein gesamthaft öffentlich zugänglicher Raum. Auch das Aareufer vis-à-vis des geplanten Parks auf der Südseite wird mit publikumsorientierten Nutzungen belebt. Dieses Angebot steht Bewohnern, Besuchern und Spaziergängern, die am Sonntag in einem Café etwas trinken wollen, gleichermassen zur Verfügung.

Wir stehen hier auf belastetem Boden. Sie sind verpflichtet, diesen zu sanieren. Was kommt da auf Halter zu?

Wir haben dies vor dem Kauf genau geprüft. Die vorhandenen Belastungen sind sehr gut dokumentiert. Wir wissen beinahe quadratmeterscharf, wie die Situation ist, und tragen die Verantwortung dafür. Nutzer wie Stockwerkeigentümer, Mieter oder Investoren wie Pensionskassen oder Immobilienfonds haben den Anspruch auf unbelasteten Boden. Hier auf dem Nordteil sind es mehrheitlich feste Stoffe, die sich nicht verflüchtigen oder entsprechend sedimentiert sind. Sie sind relativ gut fassbar und können fachgerecht entsorgt werden.

Wann werden die Böden saniert, und was kostet das?

Das werden wir mit dem kantonalen Amt für Umwelt AfU absprechen müssen. In einem ersten Schritt werden wir das Sanierungskonzept erarbeiten und in Abstimmung mit dem AfU Massnahmen treffen. Langfristig, also wenn die ersten Bauten entstehen, wird sukzessive die Sanierung erfolgen. Wir rechnen mit Kosten von mehreren Millionen Franken.

Halter entwickelt diverse Industrieareale aus einer Hand. Woher kommt diese Spezialisierung?

Komplexe Areale mit langen Planungshorizonten sind unsere Spezialität. Das kann bis zu einem Jahrzehnt dauern. Indem wir Gesamtareale entwickeln, verhindern wir bruchstückhafte Flickwerke.

Zum Beispiel?

Als erste grössere Areale entwickelten wir das Limmatfeld in Dietikon oder den Rietpark in Schlieren. Auch das waren teilweise belastete Industriegebiete. Wir realisierten diese von der ersten Idee bis zum letzten Baufeld. Dadurch können wir die Gesamtentwicklung strategisch beeinflussen und verhindern, dass es aufgrund unterschiedlicher Eigentümer zu Zielkonflikten kommt. Im Fall Attisholz haben der Kanton Solothurn sowie die Standortgemeinde Riedholz während der gesamten Arealentwicklung einen Ansprechpartner.

Worin liegt der Reiz der alten Industrieareale?

Wir versuchen, stets die Nutzerperspektive einzunehmen. Auf der grünen Wiese muss man von null auf hundert Leben hineinbringen. Da gilt es aufzupassen, dass man keine Retortensiedlung, also eine Kunstwelt, erschafft. Im Attisholz haben wir eine über hundertjährige Vergangenheit, das schafft Identität. Einerseits über die Gebäude, andererseits über die Geschichte. Hier arbeiteten einst über 1400 Angestellte. Es gab eine sehr dichte Nutzung. Genau dies wollen wir durch eine geschickte Transformation der Vergangenheit wieder erzeugen.

Sie wollen die industrielle Vergangenheit bewahren und gleichzeitig neues schaffen. Das ist eine architektonische Herausforderung.

Wir wollen die bestehenden Gebäude weiterführen und mit Neubauten ergänzen. Es gilt aufzupassen, dass es keine Anbiederung gibt. Materialisierung oder Volumetrie kann man an die bestehenden Gebäude anlehnen oder neu interpretieren und weiterentwickeln. Dadurch entsteht eine spannende Heterogenität.

Was heisst das konkret?

Es soll nicht aus einem Guss sein. Wir fühlen uns ja meist in Situationen wohl, die abwechslungsreich und gewachsen sind. Entscheidend für das Empfinden ist nicht die Anordnung der Gebäude oder deren Höhe oder Länge, sondern die Nutzungsdichte. Es braucht qualitative Freiräume und Zwischenräume. Ideal wäre es, wenn man in 25 Jahren auf das gebaute Areal blickt und sagt: Das stand schon immer hier. Wir wollen transformieren, nicht revolutionieren.

Und wo liegen die Risiken auf dieser mächtigen Industriebrache?

Dass man den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Etwa wenn man sich wünscht, es gehe rascher vorwärts. Von Anfang an besteht eine hohe Erwartungshaltung von aussen. Viele haben vielleicht das Gefühl, dass hier bereits nächstes Jahr gebaut wird. Das wird nicht so sein. Wir brauchen Zeit für die strategische Ausrichtung, die Nutzungsplanung und die Ansiedlung und Fortführung der Zwischennutzungen. Am Ende ist es so, dass wir die Bühne bereitstellen können. Der lebendige Ort entsteht durch die Nutzer.

In der Region werden viele Wohnungen gebaut derzeit. Besteht da nicht die Gefahr eines Überangebots?

Wir sind überzeugt: Sobald das Areal in Fahrt kommt, werden wir ein Publikum ansprechen, das über die Region Solothurn hinausgeht. Das Generationenprojekt Attisholz könnte zur Destination werden, für das sich jemand von weit weg bewusst entscheidet, um hier zu wohnen, zu arbeiten oder seine Freizeit zu verbringen.

Jasmine Huber, Gemeindepräsidentin Riedholz zum Attisholz-Nord: «Wir haben ein Geschenk erhalten, dass es ein Investor gibt»

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