Bolken
Rambazamba im Klassenzimmer: Wie Schüler zu Artisten werden

Der Mitspielzirkus «Wunderplunder» verwandelte die Primarschule Bolken für eine Woche in eine Manege.

Raphael Karpf
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Theaterzirkus Wunderplunder in Bolken: Im Schulzimmer wird Jonglieren und Balancieren geübt mit Leiter Lorenz Walker (ganz rechts).
37 Bilder
Kinderzirkus Wunderplunder in Bolken
Clownschule mit Sophie Aebershold: Hier wird Pantomime geübt.
Auch die Kindergarten-Kinder helfen beim Zirkus mit. Sie werden dabei zu kleinen Ungeheuer.
Lina Eggel hilft den Kindergarten-Kinder bei ihren Kunststücken.
Luftakrobatik ist angesagt: In der Turnhalle lernen die Mädchen fliegen.
Im Hintergrund: Artistin Vera Schär.
Konzentration und Anspannung bei der Zirkusnummer mit brennenden Fackeln.
Lea Bucher (grüne Hose) übt mit den Kindern zusammen eine Theaterszene ein.

Theaterzirkus Wunderplunder in Bolken: Im Schulzimmer wird Jonglieren und Balancieren geübt mit Leiter Lorenz Walker (ganz rechts).

Hanspeter Bärtschi

Vorhang auf. Ruhe. Hitze. Konzentration. Und Ehrfurcht. Im dunklen Zirkuszelt üben sieben Knaben eine Zirkusnummer mit brennenden Fackeln. Stampf. Ein paar Schritte rechts. Stampf. Ein paar Schritte links. Stampf. Auf die Knie. Stampf. Die Fackel in die Höhe gereckt. Ob sie denn keine Angst hätten, sich zu verbrennen? Herausfordernder Blick: «Ig doch nid.»

Der Mitspielzirkus «Wunderplunder» gastiert eine Woche lang in Bolken. Zusammen mit den Kindern aus Primarschule und Kindergarten werden Zirkusnummern eingeübt. «Wir arbeiten jede Woche an einem neuen Projekt», erzählt Valentin Graf, einer der Zirkusartisten. Von Frühling bis Herbst befinden sie sich auf Reisen. Mit Zelt, Wagen und Traktor, von Schulen zu Altersheimen, von heilpädagogischen Einrichtungen zu Asylzentren.

«Vor Ort schauen wir, was vorhanden ist.» Und entsprechend wird die Woche geplant. Das Prinzip ist jedoch seit über 30 Jahren dasselbe. Ankunft Anfang Woche, Workshops mit den Leuten, eine Theateraufführung des Wunderplunder-Teams unter der Woche (das Stück dieses Jahr: Robin Hood) und schliesslich die Zirkusshow der Kinder beziehungsweise der Teilnehmer am Ende der Woche. Danach wird das Zelt abgebaut, das Material auf die Wagen verladen und weiter geht die Reise.

Kein gewöhnlicher Job

Mechaniker, Zirkusartist, Schauspieler, Theaterpädagoge, Koch, Buchhalter und Zeltflicker. In etwa so würde ein Stellenbeschrieb beim Zirkus Wunderplunder aussehen. «Es ist das Projekt in seiner Gesamtheit, das einen hineinzieht», so Graf. Das halbe Jahr im Zirkuswagen auf Achse, die andere Hälfte im Winterquartier in Burgdorf. Die elf Mitglieder sitzen ständig auf engstem Raum aufeinander. Das allerwichtigste Kriterium deshalb: «Man muss miteinander auskommen.»

Was sind das für Leute? Wer gibt sich voll und ganz dem Abenteuer Zirkus hin? Ein Schmunzeln bei Graf: «Wir sind ein Sammelsurium von verschiedensten Leuten.» Er selber ist gelernter Landwirt, hat eine Zeit lang in einem Kinderheim in Bern gearbeitet. Dort habe man ihm den Tipp gegeben. Seit 2016 ist er dabei, und ein Ende sei nicht in Sicht. Ein anderes Beispiel: Lorenz Walker, gelernter Konstrukteur. Im Zivildienst hat er in Burgdorf für den Zirkus gekocht. Da kam die Erinnerung hoch, dass er als Kind selber mal mitgemacht hatte.

Aufführung

Freitag, 25.Mai 2018, 13.30 und 18.30 Uhr.

Das Zirkuszelt steht beim Restaurant Seerose in Bolken.

Dies hat ihm offenbar so gut gefallen, dass er nun bereits im zweiten Jahr aktiv mit dabei ist.
In einem Schulzimmer werden Clowns ausgebildet: «Überlegt euch einen Beruf und stellt diesen pantomimisch dar. Was seid ihr?» Coiffeusen, Metzger, ein Clown ohne Hosen, ein Geist und jemand, der im «Knascht» sitzt. «Und was machst du da?» «I probiere usezcho, natürlich!» So wird an imaginären Gitterstäben geschüttelt und gerüttelt, bis der Weg in die Freiheit endlich offen ist.

«Strukturen aufbrechen»

Doch was bringt jemanden dazu, seinen Job, seine Wohnung, eigentlich sein ganzes bisheriges Umfeld für eine Weile aufzugeben? Wozu das Ganze? «Wir wollen Strukturen aufbrechen», so Graf. Deshalb das Zelt, deshalb die Wagen. «Damit schaffen wir die Atmosphäre.» Den Rest übernehmen die Kinder. Für eine Woche verlassen sie den Schulalltag und tauchen in eine Zirkuswelt ein. Gleichzeitig ermögliche dies Lehrern oder Eltern, die Kleinen mal anders wahrzunehmen. Und schliesslich schwingt die Hoffnung mit, etwas Nachhaltiges mitgeben zu können. Wenn sich jemand nach vielen Jahren positiv an den Zirkus erinnere, sei dies schon Lohn genug. Und wer weiss, vielleicht folgt der eine oder andere dem Beispiel Walkers und wird selber aktiv.

In einem anderen Schulzimmer fliegen Reifen von Kinderhand zu Kinderhand. Tücherschwingend wird über einen Balken balanciert. Und auf einem Fass rollend bewegen sich gleich drei Kinder von einer Ecke in die andere. Das sieht ganz schön schwierig aus. «Nei, das isch ganz eifach, gar keis Problem.» Die Reifen sind kleinen Keulen gewichen. Das Jonglieren gestaltet sich nun schon etwas schwieriger. Also wird weiter daran gearbeitet. «Ruuummms» macht es im Hintergrund, das Fass rollt davon, keine Kinder mehr oben drauf. Diese liegen auf der Matte am Boden. Offenbar doch nicht ganz so einfach.

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