Jahresrückblick
«Neues interessiert mich immer»: Liedermacher Ruedi Stuber blickt auf ein bewegtes Jahr zurück

Hoch über Riedholz, mit Blick auf die an diesem Tag von Wolken halb verdeckten Alpen, lässt Liedermacher Ruedi Stuber das vergangene Jahr Revue passieren.

Urs Byland
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Aus einer eigenen Perspektive schaut Ruedi Stuber auf das vergangene Jahr zurück.

Aus einer eigenen Perspektive schaut Ruedi Stuber auf das vergangene Jahr zurück.

Hanspeter Bärtschi

Wie es sich als Kulturmensch gehört, erinnert sich Ruedi Stuber an viele kulturelle Begegnungen. Dabei fällt auf, wie unheimlich dicht der vor einem Jahr pensionierte Bezirkslehrer vernetzt ist. Stuber ist ein Mensch, der «leichtfüssig» unterwegs ist und gleichzeitig «tiefgründig» bei der Sache ist. Diese zwei Eigenschaften helfen beim Kontakt mit anderen Menschen und sie sind nicht zufällig erwähnt. Mit diesen beschreibt er sich auf seiner Internetseite, wo noch «vielsaitig» dazu kommt.

Ruedi Stuber, was hat Sie 2018 in der Region am meisten beschäftigt?

Ich bin viel kulturell unterwegs in der Region. Aber hier das Wichtigste war sicher die Eröffnung des Attisholz-Areals. Das ist ein Meilenstein.

Auch für Sie persönlich?

Vom Berner Troubadour zum Solothurner Chansonnier

Ruedi Stuber ist 65 Jahre alt, verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder. Seine Hobbies sind Lesen und Velo fahren. Er gehörte von 1972 bis 1981 zu den Berner Troubadours. Er ist Mitorganisator von fünf Schweizer Chanson-Treffen in Solothurn zwischen 1974 und 1979. Seit 1990 gestaltete er sechs abendfüllende Programme, eines davon mit 21 Mundart-Übersetzungen von Georges Brassens. 2010 erhielt er den Anerkennungspreis Regiobank Solothurn, 2013 den Preis für Literatur des Kantons Solothurn. Heute ist er entweder solo oder mit der «Schweigenden Mehrheit» (Ruedi Stuber, Gesang/Gitarre, Martin Albrecht oder Kurt Studer, beide Bass, sowie Kurt Meyer, Gitarre) unterwegs. (uby)

Ja, ich habe eine Einladung erhalten, weil ich in der Redaktion der Dorfzeitung bin. Die Firma Halter, die das Areal in ein Quartier verwandeln will, gibt es schon über 100 Jahre. Sie hat in der Schweiz schon viele Areale umgeformt und geht dabei sanft vor. Schliesslich entsteht etwas völlig Neues. In dem Sinne ist es nicht sanft. Das ist vielleicht nicht das richtige Wort. Sie gestalten überlegt um und dies mit einer rollenden Planung. Sie achten auf sich ändernde Bedürfnisse in einem Zeithorizont von 30 Jahren.

Sehen Sie keine Nachteile, wenn das Dorf so stark wachsen soll?

Nein, es wird ein neuer Dorfteil Attisholz in Riedholz entstehen. Natürlich müssen viele Infrastruktur-Probleme gelöst werden, aber es ist eine Chance.

Welche Chance meinen Sie?

Das überlegte Neugestalten, das Umwandeln eines Industrieareals gefällt mir. Heute sieht man riesige Graffitis an den Wänden, die zuvor unansehnlich waren. Es hat eine Sitztreppe für 800 Menschen. Das ist beeindruckend. Dann die Aufführung des Stadttheater-Orchesters zur Eröffnung – die Musik erzeugte eine Hühnerhaut-Atmosphäre im Publikum.

Zurück zur Frage: Fürchten Sie nicht ein zu starkes Wachstum der Bevölkerung?

Nein. Neues interessiert mich immer, natürlich gibt es vehemente Kritiker, die davor warnen, mit der grossen Kelle anzurichten. Ich bin etwas naiv und verbrenne mir manchmal dabei auch die Finger. Aber ich finde, man soll mit einer positiven Haltung Leuten gegenüber auftreten.

Veränderungen im Dorf nimmt Ruedi Stuber sehr wohl wahr. Beispielsweise den Abbruch des alten Hauses im Zentrum von Riedholz, wo die Gemeinde eine neue Turnhalle bauen will. Er besucht Gemeindeversammlungen und verfolgt die Entwicklungen im Dorf. «Das sind nicht weltbewegende Themen.» Kulturell interessant werde es immer dort, wo Menschen miteinander etwas Neues starten. Jetzt, als pensionierter Lehrer, erinnert er sich gern an den Kontakt mit den Schülern und deren Eltern, die er «quer durchs Dorf» kannte, arbeitete er doch 20 Jahre lang als Lehrer an der Kreisschule in Hubersdorf. Am meisten hat sich aber das Quartier verändert, in dem er wohnt. Ruedi Stuber erwähnt die beiden Wohnblöcke in der Nachbarschaft mit insgesamt acht Wohnungen. Auch unterhalb seines Hauses gab es einen Wechsel. Der Besitzer ist verstorben, neu bewohnt eine junge Familie das Haus. Dann zeigt Stuber auf ein anderes Haus, das im Moment aufgestockt wird. «Hier ist enorm viel umgebaut worden.»

Das stört Sie nicht?

Für mich ist es eine Bereicherung. Es sind Menschen gekommen. Das ist wichtig.

Warum ist das wichtig?

Das sind jedes Mal Biografien und neue Interessen, die den eigenen Horizont erweitern helfen. Am Tisch in einem Restaurant interessiert mich mehr, wer am Tisch sitzt, als was auf dem Teller ist.

Suchen Sie denn auch den Kontakt im Quartier?

Es ist eine Zeiterscheinung, dass man mit der ganzen Welt in Kontakt ist, aber nicht weiss, wer nebenan wohnt. Wir haben dem bewusst Abhilfe geschaffen, und die neuen Nachbarn eingeladen. Dass man hier die Alpen sehen kann, ist schön, aber habe ich Krach mit dem Nachbarn, sind die Alpen nicht mehr schön.

Als Beispiel nennt Ruedi Stuber die Vernissage des neuen Regio Energie-Buchs «11 Geschichten», zu dem er Texte beisteuern durfte. Zum Anlass durfte er sechs Leute mitbringen. «Da habe ich Nachbarn eingeladen. Das war toll.» Zu seinen kulturellen Tätigkeiten zählen diverse wiederkehrende Anlässe in der Region. So organisierte er auch in diesem Jahr im Schloss Waldegg ein Liedermachertreffen. Am Streetfoodfestival sind alle seine drei Kinder im Organisationskomitee. Sie baten ihre Eltern, einen Weinstand zu organisieren. «Dort helfen wir seither an zehn Tagen im August beim Catering für die Helferinnen und Helfer während des Aufbaus und hinter dem Weinstand mit.»

Im Juni begleitete er «das andere Lager», eine Lagerwoche für Menschen mit Behinderung, half in der Küche und gab einen Singworkshop. Im Mai wohnten Studentinnen, Anwärterinnen aufs Lehrerpatent, die ein Deutsch-Praktikum an der Kreisschule Hubersdorf absolvierten, im Haus der Familie Stuber. Das kulturelle Jahr ist für Ruedi Stuber noch nicht zu Ende. Heute Abend findet im Kofmehl Solothurn der Kleinkunsttag statt, den er seit einigen Jahren programmiert. Ruedi Stuber hebt aber auch hier die Kontakte mit den Künstlern und der Kofmehl-Crew hervor, die sich durch seine Kinder, die dort ebenfalls wirken, ergeben haben. «Ein grosses Glück. Kontrast, Vielseitigkeit, Abwechslung», sagt Ruedi Stuber. Das bringe ihm Freude und bedeute keinen Stress.

Ein schrecklicher Tag darf im Jahresrückblick von Ruedi Stuber nicht fehlen: die Brandkatastrophe in Solothurn. Seine Frau betreut eine afghanische Flüchtlingsfamilie mit drei Kindern in Zuchwil. Der Familie sei durch das Ereignis an die Ängste, Entbehrungen und Erlebnisse auf ihrer Flucht erinnert worden. «Sie nahm sehr bewegt Anteil am Schicksal der Opfer.»

Und wie erleben Sie die politische Entwicklung im Dorf?

Sie meinen die «Bürgerbewegung Riedholz» des Ex-Gemeindepräsidenten, der übrigens die Dorfzeitung gründete? Die Zeitung war immer handzahm. Das erklärt sich daraus, dass sie ja neben den Einnahmen aus Inseraten von der Gemeinde finanziert wurde. Mehrere Gemeindepräsidenten begründeten Interventionen jeweils damit, eine Dorfzeitung müsse integrieren, nicht polarisieren. Die Namensgebung «Bürgerbewegung Riedholz» macht glauben, die Bewegung politisiere im Namen der gesamten Bevölkerung. Das ist Etikettenschwindel und erinnert mich an den «Vertrag mit dem Volk», der vor Jahren Aufruhr gebracht, aber kein Problem gelöst hat. Die Mehrheit der Bevölkerung in Riedholz reagiert auf die Voten der Bewegung gelassen, weil es hier letztlich um die Wahrnehmung von Bürgerrechten geht.

Weshalb beschäftigt es Sie trotzdem?

In Balsthal, wo ich aufgewachsen bin, haben ähnliche «Sperrfeuer kritischer Voten» gegenüber den gewählten Behörden zu einer unschönen Eskalation geführt. Das beschäftigt mich. So etwas erhoffe ich mir für Riedholz nicht.

Ruedi Stuber ist auch sportlich. Mit seinem City-Bike hat er schon alle nationalen Routen auf «Schweizmobil» abgefahren. Möglicherweise ist er auch nach Sierre mit dem Bike gefahren. Dort hat er den von der Stiftung Waldegg ausgeschriebenen Atelieraufenthalt absolviert. Neun Wochen durfte er an seinem Projektthema arbeiten, das er eingab. «Das war gerade zu Beginn meiner Pensionierung im Sommer 2017. Am Freitag wurde ich in der Schützenmatt Solothurn verabschiedet und am Montag war ich bereits in Sierre.» Er knüpfte an seine frühere Arbeit an, als er Chansons des französischen Chansonniers Georges Brassens übersetzte. «Eine verdammt schwierige Arbeit, weil die Mundart kein Imparfait kennt. Ich brauche für jedes Verb, das er benutzt, deren zwei.»

Aber er übersetzte dieses Mal in Sierre nicht Lieder von Brassens, sondern vom Waadtländer Michel Bühler (Jahrgang 1945), der mit seiner Künstlerarbeit seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, auch «weil er einen viel grösseren Sprachraum bedienen kann, als wir Mundart-Liedermacher». Elf Lieder wurden es, die er zusammen mit den Arbeiten seinen Vorgängern in Sierre, André Albrecht und Felix Epper, im März im Waldegg und im Oktober in Olten präsentierte. Nun plant Ruedi Stuber, nochmals eine CD herauszugeben. «Bühler hat sich anerboten, mich zu begleiten, wenn ich seine Lieder vortrage.» Die CD will er bei Kurt Studer in Rüttenen aufnehmen, einem seiner beiden Bassisten in der Gruppe «Die Schweigende Mehrheit».

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