Mit nacktem Oberkörper stand er da, auf seinem Keyboard auf der Zeltbühne, die Hände gen Himmel gereckt, ehe er tief in die Hocke ging, laut brüllend das Gesicht verzog und die Zunge herausstreckte, als wollte er jeden Augenblick mit dem Haka, dem Tanz der Maori, beginnen. Baptiste Beleffi, Frontmann der Gypsypunkband Palkomuski, verkörperte in vielerlei Hinsicht die Essenz des diesjährigen Openairs Etziken: viel musikalisches Talent und eine hohe Dosis Showmanship – die, zumindest im Fall von Beleffi, manchmal von purem Wahnsinn zeugte, in jedem Fall aber grossartig war.

Vielversprechend war bereits der Auftakt am späten Freitagnachmittag. Der Indierocker und sturmfrisierte Jüngling Elias von Arx bewies, dass er nicht bloss mit seiner ehemaligen Formation «Rag Dolls», sondern auch mit «Arx Elias» ein ordentliches Stromgitarrengewitter auf die Bühne zaubern kann. Mit einem beeindruckenden Jazz-Solo beendete er seinen Auftritt und bereitete die Zuschauer auf einen weiteren Leckerbissen für Gitarrenliebhaber vor: Philipp Fankhauser, der das Konzert zwar sitzend und mit rot bandagiertem Fuss über die Bühne brachte, aber dennoch das wachsende Publikum vor der Hauptbühne zu fesseln vermochte.

Soll jetzt nicht heissen, dass es an einem Festival nicht auch einmal ruhig und gemütlich sein darf. Das 19. Openair Etziken stand aber ganz im Zeichen jener Musiker, die auf der Bühne richtig einen draufmachen. Diesen Job meisterten auch die «Guano Apes» mit Bravour. Die deutsche Crossover-Band konnte zwar seit ihrem Comeback nie ganz an ihre glorreichen Tage der späten Neunziger- und frühen Nullerjahre anknüpfen, aber verstaubt ist sie noch lange nicht. Schlagzeuger Dennis Poschwatta war zwar am Freitag vor Anstrengung schon nach den ersten paar Liedern «am Sterben», wie die gesanglich überzeugende Rockröhre Sandra Nasić frotzelte, und Henning Rümenapp fasste auch schon mal neben die Saiten, wenn er nicht blosse Power Chords spielte.

Aber als die vier Musiker zu Klassikern wie «Open your Eyes» oder «Lords of the Boards» ansetzten, Songs, die wohl die Skilager- und Klassenparty-Erlebnisse ganzer Jahrgänge nachhaltig geprägt hatten, war die Stimmung vor der Hauptbühne nahezu perfekt. Da störte sich auch kaum jemand an dem bisschen Regen, das nach einem heissen Tag Abkühlung brachte.

Auf einmal war es zappenduster

Richtig übel wurde das Wetter erst, als «Klischée» mit ihrem Electro-Swing und den erheiternden Tanzeinlagen die Zeltbühne rockten. Die Blachen flatterten regelrecht im Wind, Regenwasser strömte in Bächen über das Dach – und plötzlich wurde es dunkel auf der Bühne. Den rund viertelstündigen Stromausfall überbrückten «Klischée» mit dem Megafon und die Zuschauer mit Chören, die Stimmung flachte dennoch etwas ab. Zumal der Auftritt von «Culcha Candela», den Backstreet Boys des deutschen Hip-Hop, auf der Hauptbühne um eine ganze Stunde verschoben werden musste.

Einige der instabileren Iglus draussen auf dem Zeltplatz überlebten den Sturm wohl nicht. Doch mit Ausnahme einer grossen Pfütze vor der Hauptbühne waren am Samstag keine Spuren des Unwetters mehr auszumachen. Selbst der Boden im Festzelt war wieder knochentrocken, was sich deutlich im aufgewirbelten Staub und Dreck zeigte, den die tanzenden und stampfenden Horden bei den Konzerten von «Palkomuski» und «Traktorkestar» verursachten. Letztere packten ein regelrechtes Animationsprogramm aus mit Altersturnen, Dehnen und dem ultimativen «Beatrice Egli Move» (mit geballten Fäusten in die Luft schlagen), was die Menge dermassen aufbrachte, dass Bandleader Balthasar Streit das Publikum etwas herunterholen musste: Beim Tenorhorn-Solo bat er die Leute, sich hinzusetzen, und ermahnte sie mit einem strengen «Hey, sitzen bleiben», als einige sich dann doch nicht mehr zurückhalten konnten.

Leckerbissen für Hip-Hop-Fans

Auch bei den Rappern Lo & Leduc gab es kein Halten. Die charmanten Berner mit der erstklassigen Band und dem nicht mehr ganz so neuen, aber immer bekannter werdenden Album «Zucker fürs Volk» verwandelten den grossen Platz noch einmal in einen Hexenkessel – schon bevor sie das von kreischenden Mädels lang ersehnte «Jung verdammt» spielten. Den Abschluss auf der Hauptbühne machte Stress, der mit dem Publikum auch gleich seinen Geburtstag feierte. «Ihr seid die Geilsten», fand der Lausanner. Und recht hatte er.