Oberramsern/Messen
Italienischer Schäfer macht mit seinen 500 Schafen einen Zwischenstopp im Limpachtal

Der Italiener Mauri ist mit 500 Schafen von Thun nach Biel unterwegs. Aktuell grasen die Tiere im Limpachtal.

Urs Byland
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Mauri der Schäfer mit seinen 500 Schafen, Chicco und zwei Eseln

Mauri der Schäfer mit seinen 500 Schafen, Chicco und zwei Eseln

Urs Byland

In der grossen Ebene im Limpachtal sind sie kaum auszumachen. Doch die Schafherde ist da. Die Schafe liegen dicht an dicht, beinahe zu einem perfekten Kreis geformt, auf einer Weide. «Sie schlafen noch», sagt der im Campingwagen am Tisch sitzende Mauri, der über die Schafe wacht, in gebrochenem Deutsch und lacht.

Weshalb genau ist schwierig herauszufinden. Sein Deutsch ist bescheiden und das Italienisch des Besuchers noch bescheidener. Der 33-jährige Mauri ist pastore, Schäfer, und seine Schützlinge sind die pecore, die Schafe. Ein Vergleich mit dem Pastor drängt sich auf. Er lacht.

Das Aufwachen braucht seine Zeit, auch beim pastore, der sich zuerst noch eine Zigarette dreht. «In zehn Minuten», sagt er, dann stehe er zur Verfügung für einen Schnappschuss.

Die Schafe erheben sich langsam. Es geht bald weiter.

Die Schafe erheben sich langsam. Es geht bald weiter.

Urs Byland

An einer Wand klebt eine Collage mit ganz vielen Fotos. Sie zeigen immer dasselbe Motiv: seine Familie. Bilder von freundlichen, lachenden Gesichtern seiner Frau, seiner beiden Bambini und ihm. Eine glückliche Familie.

Vielleicht verzögert sich deshalb der Arbeitsbeginn. Vier Monate ist er unterwegs, von Mitte November bis Mitte März. Einmal habe seine Frau ihn für eine Woche besucht. Mauri stammt vom Paese, vom Land, aus einem Dorf in der Umgebung von Bergamo. Corona-Bergamo sagt der Besucher. Mauri lacht, aber dieses Mal ist es ein trauriges Lachen.

Gestartet ist er in Thun. Die Schafe wurden in Lastwagen von Graubünden dorthin transportiert. Sein Ziel ist Biel. Jetzt grasen die Schafe auf Solothurner Boden, im Limpachtal nahe Oberramsern, und hinterlassen einen scharfen Schafsgeruch. Bald wird der Schäfer seine Winterarbeit getan haben. Im Sommer hütet er Kühe im Bergell.

Dann beginnt Mauri mit der Arbeit. Die nächste Weide, wohin er die Schafe führen wird, hat er bereits sondiert. Das Gras darf nicht mit Gülle verschmutzt sein. «Non mangiano.» Chicco, sein überaus artiger, grosser Hund, der einem Bergamasken gleicht, «chli Mischung» sagt Mauri, springt freudig umher und mit seinen Schmutzpfoten dem Besucher an den Hals.

Die beiden Esel warten in einem kleinen, abgesteckten Gehege neben den Schafen geduldig und betrachten den Besucher neugierig. Mauri befestigt eine grosse Sacktasche auf dem Rücken eines Esels und beginnt dann den Plastikzaun rund um die 500 Schafe abzubauen.

Einer der beiden Esel muss den Zaun tragen.

Einer der beiden Esel muss den Zaun tragen.

Urs Byland

Sorgfältig packt er den Zaun in die Tasche, derweil Chicco die Schafherde umkreist. Er ist übereifrig. Mauri ruft ihn zurück und spricht eindringlich mit ihm. Fast mehr als mit dem Besucher. Die Schafe schauen aufmerksam, was Mauri macht, bleiben aber dicht gedrängt.

Dann packt Mauri seinen Stahlstock. «Brrrrbrrrrrrrrrbrrr». Sofort gehen die Schafe in seine Richtung. Ein grosses Schaf tritt vor und erhält etwas von Mauri. Dann läuft er voran, mit einem Schmunzeln am Fotografen vorbei, das grosse Schaf hinterher, und die restlichen Schafe blöckend hintendrein, so wie schon vor Tausenden von Jahren.

Unterwegs zur nächsten Weide im Limpachtal.

Unterwegs zur nächsten Weide im Limpachtal.

Urs Byland