Ein leichter Schauer durchfährt den Besucher beim Eintritt in das Kunstfeld («artcampus») auf dem Attisholz-Gelände. Man passiert ein Tor mit einer vergitterten Türe. Der Torrahmen ist aus zusammengeschweissten Stahlschubladen. Darüber steht geschrieben «Kettenreaktion». Das Ganze erinnert an die Toraufschrift an den nationalsozialistischen Konzentrationslagern «Arbeit macht frei».

Drinnen in einem Treppenhaus scheppert ein uraltes Radio. Die helle, prägnante Stimme der Solothurner Regierungsrätin verkündet mit gebotenem Tremolo das Ende der Zellulosefabrik. Ein Wolf schleicht nebenan die Treppe hoch.

Der Geruch ist beissend, der Beton zerfressen und an der Wand sprayte einer der Künstler, oder war es eine Frau, drei Wörter: «Asgood, Asbetter, Asbest.» Der Schritt wird vorsichtiger, Staub könnte aufgewirbelt und eingeatmet werden. Sprach Initiator Werne Feller zuvor nicht von einer giftigen Umgebung, die transformiert, umgewandelt wird?

Feller weist den Weg über Treppen, Hinterhöfe, Gänge und riesige, leere Räume. Kälte und Feuchtigkeit überall, man verliert die Orientierung.

Gewaltig unterverkauft

120 Künstlerinnen und Künstler, international und national, darunter sechs Solothurner Werkjahrespreisträger, sind gekommen, haben sich für die Thematik, die Transformation eines brachliegenden Industrieareals interessiert und hier zeitweise gearbeitet. Sie haben vorgefundenes Material verwendet und in Kunst verwandelt.

Sie haben den Übergang des Industrieareals in ein Lebensquartier eingeleitet und gestaltet. Der Bericht von Werne Feller ist eindrucksvoll. Über 40 von ihnen sind längere Zeit geblieben. Sie schliefen in einem von der Attisholz Infra AG zur Verfügung gestellten Haus auf dem Areal.

Sie wurden dort in der Kantine von «Carlos», dessen Partnerin auf dem Areal bei der Fussgängerbrücke die Chiquita-Bar führt, mit Mahlzeiten versorgt. Und sie setzten sich mit der Geschichte des ehemaligen Industrieareals auseinander.

Das Ganze erscheint gewaltig unterverkauft. Denn das Bespielen einer solchen ehemaligen Industrieanlage ist einmalig. Das haben auch Wissenschafter gemerkt. Die Transformation, der Prozess der Umwandlung, das Kunstlabor auf dem Industrieareal hat ihr Interesse geweckt.

Vor kurzem kamen beispielsweise sechzig Architektur-Studenten der Berner Fachhochschule. «Sie bearbeiten das Projekt Arealentwicklung. Hier, in dieser bewusst geschaffenen Laborsituation, werden sie ganz anders für eine Arealentwicklung sensibilisiert als üblich», erklärt Werne Feller. «Da sind wir dann in der Wissenschaft.» Neben den Kunstschaffenden seien Kunstwissenschafter und Ethnologen beteiligt. «Diese Vernetzung von Kunstschaffenden unter sich und mit der Wissenschaft ist einmalig für die Schweiz.»

Ungestört gearbeitet

«Wir haben in diesen drei Monaten nicht aktiv für den Besuch des Areals geworben», erklärt Werne Feller, der in Biberist ein Büro für Gestaltung und Werbetechnik betreibt. «Wir wollten keine Konsumkultur, wir suchten den Diskurs», begründet er die Zurückhaltung.

Die Kunstschaffenden hätten eigentlich ungestört arbeiten wollen. Auch die Sicherheitslage ist nicht ohne und ein dauerndes Thema zwischen Initiator und Besitzerin des Geländes.

Am nächsten Wochenende ist die Bevölkerung eingeladen, die Abschluss-Ausstellung zu besuchen. Dann endet «Kettenreaktion» mit einem Symposium. Besucher können das Areal begehen, die museale Inszenierung des Ortes auf sich wirken lassen. Sie können auch den Symposiums-Vorträgen am Samstag zuhören.

Dort wird über die geschaffenen Situationen diskutiert. Viele Kunst-Installationen, Performances, Aktionen in diesen drei Monaten wurden ohne Publikum durchgeführt, aber natürlich säuberlich dokumentiert. «Wir haben einen Kinoraum, in dem die vielen Filme, die gedreht wurden, abgespielt werden.»

Viele Spenden

Das Budget von «Kettenreaktion» beträgt 220 000 Franken. «Es kostet enorm viel», erklärt Werne Feller. Hauptsächlich er, aber auch ein regionaler Künstlerkreis (Pierre-Alain Münger, Flo Kaufmann, Toni Kaufmann, Cyrill Kyriles, Oleg Kaufmann) organisierten die Spenden. Attisholz Infra AG stellt zahlreiche Leistungen wie elektrische Leitung, Toilette, Bauprovisorien oder Wasserleitungen zur Verfügung.

Firmen spendeten von Fluchtweg-Markierungen über Bohrer und Schrauben bis zu Tüchern viel Material. Und während Werne Feller die Spendenliste runterrattert, plärrt nach wie vor im Hintergrund das Radio das regierungsrätliche Leid vom Untergang der Zellulose.