Kunstprojekt
Ein Brückenpfeiler mitten im Fluss: «Der Sockel definiert nun den Emmestrand neu»

Nach einer dreijährigen Vorlaufzeit wurde im Rahmen des Projektes «Hochwasserschutz und Revitalisierung Emme» das Kunstwerk von Jan Hostettler realisiert. Dem gebürtigen Lüsslinger Künstler geht es dabei um die Erhaltung des scheinbar Nutzlosen.

Nadja Senn
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Jan Hostettlers Kunstprojekt «Pont» in der Emme bei Derendingen
9 Bilder
Bagger hatten den Pfeiler im Februar sorgfältig abgetragen
Auf die Sorgfalt und Feinarbeit kommt es an
Im April folgte nun der Aufbau fünfzig Meter flussaufwärts.
Vor dem Aufeinanderlegen mussten die Blöcke einzeln bearbeitet werden
Sorgfältig wurden die grossen Blöcke positioniert
Die unterste Reihe der Blöcke ist fertiggestellt
Freude bei den Machern: Das Kunstwerk ist fertig aufgebaut
Jan Hostettler kommt ursprünglich aus Lüsslingen, wohnt nun in Basel

Jan Hostettlers Kunstprojekt «Pont» in der Emme bei Derendingen

Silvio Meessen

Trotz der Coronakrise wurde in der letzten Woche in Derendingen gebaut, um das Kunstprojekt «Pont en bon temps» des gebürtigen Lüsslingers Jan Hostettler (siehe Box unten) zu realisieren. Hierfür liess der Künstler einen alten Brückenpfeiler abtragen und diesen rund fünfzig Meter flussaufwärts in der Aufweitung Rütti der Emme auf neuen Fundamenten wieder aufbauen.

Im Februar dieses Jahres wurde der Pfeiler in zwei Tagen von Baggern, die ansonsten unzierlich Gräben ausheben oder grossflächig Erde planieren, sorgfältig abgetragen und in einem Zwischenlager platziert. Seit vergangenem Montag wurden die Blöcke auf dem aus Beton bestehenden Fundament wieder aufgebaut.

Bei der Leitung der Baustelle und der nötigen Feinarbeit wurde Hostettler von einem Steinbildhauer unterstützt, der den Sockel mit einer Einschrift versah. Zusammen kümmerten sich die beiden um die Platzierung, die Ausmessung, das Vorbereiten und das Abspitzen der Blöcke.

Am Freitag war der Sockel nach rund 120 Arbeitsstunden pro Person bis auf den Feinschliff fertiggestellt. Das vollendete Werk ist 2m dick, 2.5m hoch und 7m lang. Hostettler zieht folgendes Fazit: «Der Sockel definiert den Platz, den Emmestrand neu, es gibt nun ein Zentrum. Es hat etwas Wildes.»

Der Erhalt des scheinbar Nutzlosen

Hostettler hatte bei der Eisenbahnbrücke der Bahn-2000-Linie, zwischen Luterbach und Derendingen, Teile der ersten Vorgängerbrücke aus dem Jahr 1857 aufgefunden. Im Rahmen des Hochwasserschutzprojekts (siehe Box) sollten diese Teile abgerissen werden, da sie den Fluss einengten.

Hochwasserschutz: Revitalisierung an der Emme

Hostettlers Kunstwerk ist Teil des kantonalen Projekts Amt für Umwelt und Energie, welches zur Revitalisierung der Emme dienen soll. Davon betroffen sind die fünf Kilometer des Flusses von Biberist bis zur Emmenspitze.

Im Zuge des Bauprojekts veranstaltete das kantonale Amt für Umwelt einen künstlerischen Ideenwettbewerb, bei welchem fünf Kunstschaffende ihre Ideen und präsentierten. Ausgewählt wurden zwei Kunstprojekte: Dasjenige von Jan Hostettler und das andere von Ulrich Studer.

Dabei wäre aber vieles verloren gegangen, erklärt Hostettler. Einerseits ginge es um die zeitgenössische Nutzung. Schliesslich sei die alte Brücke ein informeller Treffpunkt Jugendlicher gewesen, die dort geraucht oder gekifft hätten. Andererseits sei «der Pfeiler Teil der Geschichte der Erschliessung dieses Raumes, des Mittellandes und der Industrialisierung.» Er bestünde nämlich aus Jurakalksteinblöcken «die von Hand behauen und mit Pferd und Wagen oder der Eisenbahn hierhin gebracht wurden». Diese Elemente seien auf dem Objekt erkennbar.

Mit seinem Kunstwerk will Hostettler zeigen, wie der Raum, in dem wir uns heute bewegen, entstanden ist und wie man damit umgeht. Ein Bewusstsein darüber, was mit bereits Vorhandenem gemacht werden könnte, sei zu wenig vorhanden. «In Derendingen werden gewisse Gebäude aus dem 19. Jahrhundert abgerissen, die identitätsstiftend sein könnten. Es zeigt, wie mit Qualitäten eines Dorfes verantwortungslos umgegangen wird.» Deswegen ist der Lüsslinger Künstler sehr froh darüber, dieses Projekt gemacht haben zu dürfen und eventuell ein Umdenken in die andere Richtung iniziieren zu können.

Schwierige Zeiten

Aufgrund der weltweiten Coronapandemie gestaltet sich das Leben der Künstler zurzeit schwierig. «Zum Glück hatte ich dieses Projekt noch, da alles andere, wie Ausstellungen und Wettbewerbe, vorerst stillgelegt wurden», erzählt Hostettler. Gleichzeitig müsse er für die Kosten des Ateliers aufkommen. Vielen seiner Kollegen falle die Krise sehr zur Last: «Sie hoffen, dass es bald wieder normal laufe und versuchen jetzt, die Zeit irgendwie zu überbrücken.»

Zum Künstler Jan Hostettler ist ein forschender Spaziergänger und Sammler von scheinbar Nebensächlichem. Geboren in Rüttenen und aufgewachsen in Lüsslingen und Langendorf besuchte er die Schulen in Solothurn. Heute lebt er in Basel und arbeitet in seinem Atelier in der ehemaligen Kirche des Klosters Klingental in Basel. Hostettler bewegt sich in den Bereichen Malerei, Fotografie, Installation und in konzeptuellen Ansätzen. Bekannt wurde er etwa mit seiner achtmonatigen Reise zu Fuss nach Istanbul.

Zum Künstler Jan Hostettler ist ein forschender Spaziergänger und Sammler von scheinbar Nebensächlichem. Geboren in Rüttenen und aufgewachsen in Lüsslingen und Langendorf besuchte er die Schulen in Solothurn. Heute lebt er in Basel und arbeitet in seinem Atelier in der ehemaligen Kirche des Klosters Klingental in Basel. Hostettler bewegt sich in den Bereichen Malerei, Fotografie, Installation und in konzeptuellen Ansätzen. Bekannt wurde er etwa mit seiner achtmonatigen Reise zu Fuss nach Istanbul.

zvg