Debatte
Anwohner versus Verkehr: Das Pro und Kontra zu Tempo 30 im Birchi-Quartier

Die Anwohner im Birchi-Quartier fordern in einer Petition eine Verschärfung des Tempo-30-Regimes, um den Durchgangsverkehr einzudämmen und die Verkehrssituation sicherer zu gestalten. Soll man auf diese Forderungen eingehen oder sind diese überrissen?

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Bringt Tempo 30 die Lösung? Archiv az

Bringt Tempo 30 die Lösung? Archiv az

Walter Schwager

Das Pro von Urs Byland: «Durchgangsstrasse aufheben. Schmerzt niemanden.»

Um das Problem im Zuchwiler Birchi-Quartier zu lösen, braucht es nur etwas Mut, und alle wären glücklich

Wie so oft besteht die Lösung für das Problem im Birchi-Quartier in der Aufhebung von Durchgangsstrassen. Ein grosser Felsbrocken vor der Abzweigung zum Bleichenbergschlösschen würde genügen. Keine Durchfahrer mehr. Die Biberister entleeren ihr Quartier über die Aesplistrasse und die Zuchler im Birchi hätten endlich ihre Ruhe.

Urs Byland, Redaktor LeBuWa

Urs Byland, Redaktor LeBuWa

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Wie funktioniert der Verkehr rund um das Birchi-Quartier? Aus der Vogelperspektive sehen wir zwei Autobahnanschlüsse in Kriegstetten und in Zuchwil. Das Einzugsgebiet der Anschlüsse dürfte im Südwesten tief in bernisches Gebiet reichen, denn der Anschluss Lyssach ist weit entfernt und der Bucheggberg trennt von der A5. Wer in diesem Gebiet in Richtung Zürich will, fährt nach Biberist. Dort muss er sich entscheiden: Kriegstetten oder Zuchwil. Nicht wenige suchen den kürzesten Weg in Richtung Autobahnanschluss Zuchwil durchs Bleichenberg-Quartier in Biberist und durchs Birchi-Quartier. Aber auch viele Autolenker mit einem anderen Ziel nehmen gerne den Schleichweg über die Bleichenbergstrasse.

Die Leidtragenden sind die Anwohner der Hauptachsen im Biberister Bleichenberg und im Zuchwiler Birchi. Also soll die Strecke durch ihre Quartiere zu einem Hindernislauf für Autolenker werden, was in Biberist mit der Ablehnung von Tempo 30 auf der Bleichenbergstrasse scheiterte. Die neuerlichen Forderungen der Birchi-Petitionäre sind kosmetischer Natur, machen die Strecke etwas sicherer, aber ärgern Autolenker umso mehr.

Die Anwohner tragen die Konsequenzen einer verfehlten Verkehrspolitik. Denn eigentlich hätte die Region einen dritten Vollanschluss verdient. Anstatt dass beim Halbanschluss Solothurn Süd nur von Richtung Biel und in Richtung Biel gefahren werden kann, sollte dieser zu einem Vollanschluss ausgebaut werden mit der Möglichkeit, auch in Richtung Bern und Zürich zu fahren.

Aber das ist, weil zu teuer, illusorisch. Bleibt die an und für sich korrekte Verbindung von Biberist nach Zuchwil oder zum Autobahnanschluss Zuchwil. Sie führt über die Kantonsstrasse nach Solothurn und beim Kreisel vor dem Hauptbahnhof nach rechts durch Zuchwil. Schliesst man den Weg durch die Quartiere bleibt immer noch die nicht viel längere korrekte Verbindung. Der Stein auf der Strasse schmerzt also niemanden wirklich. Und die Autolenker würden von den Berliner Kissen im Birchi nicht mehr abgeworfen.

Das Kontra von Wolfgang Wagmann: «Die Strasse, an der ich wohne, gehört mir. Möglichst allein!»

Mehr Radarfallen, mehr Schikanen und vor allem mehr Ächtung des Autoverkehrs wird nicht nur in Wohnquartieren gefordert

Fast alle machen ihn, fast niemand will ihn: den Autoverkehr. Was derzeit im Birchi-Quartier abgeht, kennen wir von anderswo bestens. Forderungen nicht nur nach Tempo 30, sondern gar eine rigide Verschärfung des Regimes mit noch mehr Kontrollen und baulichen Massnahmen. Dazu wird übertrieben, ja gelogen, dass sich die Balken biegen: Fast alle brausen mit mindestens 50 km/h durchs Quartier, täglich sind Kinder vom Unfalltod bedroht, der Verkehr ist nicht mehr auszuhalten. So ist und war es auch an der St. Niklausstrasse in Solothurn, wo vor Jahren schon Stimmung gemacht wurde für Tempo 30. Wer einer harmlosen Einladung zum Quartierfest folgte, wurde beim Zugang unter wachsamen Augen angehalten, eine Petition für das Schleichtempo zu unterschreiben. Gruppennötigung also. Zurück zum Birchi. Die Behauptung, fast alle würden Tempo 50 fahren, widerlegen die Radarkontrollen. Nur jeder Zehnte fährt schneller als 30, aber längst nicht alle 50. Aber das ist nicht relevant, genauso wenig wie Unfallstatistiken, die – nochmals zurück zur St. Niklausstrasse – kaum Unfälle belegen.

Wolfgang Wagmann, Redaktor Stadt Solothurn

Wolfgang Wagmann, Redaktor Stadt Solothurn

Es geht also um Stimmungsmache. Aus Egoismus. Man hat sich zwar einst wissentlich an einer Sammelstrasse niedergelassen. Doch nun will man stattdessen mit aller Gewalt ein zugebautes, von jedem Auto abgeschottetes Quartiersträsschen. Gerade noch geeignet für den eigenen fahrbaren Untersatz. Das Schlimme: Eine Mehrheit in der Politik sieht das genauso, und die Planer sind freudige Erfüllungsgehilfen für eine solche Verbotskultur.

Die Kastration des motorisierten Individualverkehrs um jeden Preis ist Programm. «Mobilitätskonzepte» sollen dem Langsamverkehr und öV neue Kundenströme bescheren. «Der Autoverkehr muss unattraktiv werden», forderte diese Woche ein Chefideologe der Verkehrsgurus als Leitsatz des Oltner Mobilitätsplans, einer Prosperitätsbremse schlechthin. Der Guru rennt im Birchi offene Türen ein. Anderswo auch. Aber – Velo und öV in Ehren: Das Auto schlägt sie um Längen! Du bleibst trocken, frierst nicht, kannst Lasten und Leute mitnehmen, jedes neue Ziel fast punktgenau anfahren – kurz, Du bist mobil. Warum kämpfte eine bekannte Autorin, Mitte neunzig, noch vor kurzem wie eine Löwin um ihr Billett? Weil es Leben bedeutet!

Auch Ihr im Birchi werdet älter. Und seid froh, wenn Euch ein Bekannter, vielleicht auch aus Utzenstorf, rasch ins «Konsi» runter- und wieder rauffährt. Über die jetzt schon zu schikanierte Rumpelpiste im Birchi. Merci vüumou!

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