Grenchen
Lautlos, aber überhaupt nicht sprachlos

Felix Weder verkündet das Wort Gottes, nimmt sich der Sorgen und Nöte seiner Pfarreimitglieder an. Sein Alltag teilt sich aber in zwei Welten: das Zusammensein mit hörenden und mit gehörlosen Menschen.

Silvia Rietz (Text und Bild)
Drucken
Teilen

Solothurner Zeitung

Felix Weder ist Theologe und wirkt als Pastoralassistent des Seelsorgekreises Münchenbuchsee, welcher zur Pfarrei St.Franziskus Zollikofen gehört, und in einem 40-Prozent-Pensum als Gehörlosenseelsorger für die Kantone Solothurn und Bern. In beiden Funktionen erfüllt er die gleichen Gemeindeaufgaben. Er ist bei Problemen für die Pfarreiangehörigen da, gestaltet Gottesdienste und Beerdigungen, erteilt Religionsunterricht. Was sich unterscheidet, ist die Art zu kommunizieren.

Sich auf aussergewöhnliche Lebenssituationen einstellen ist ihm vertraut. Weder arbeitete in der Pfarrei Niederbuchsiten, in der Pfarrei Bruder Klaus in Biel und als Spitalseelsorger im Bürgerspital Solothurn. Während fünf Jahren lebte er mit seiner Familie in Peru. Dort eignete er sich nicht nur eine fremde Sprache an, sondern auch die Besonderheiten, Sitten und Gebräuche des Gastlandes. «Wollen Menschen, die nicht die gleiche Sprache sprechen, miteinander kommunizieren, müssen sie sich aufeinander einstellen. Das betrifft sowohl die Sprache als auch andere Aspekte des Miteinanders», so Felix Weder. Als der in Grenchen aufgewachsene und in Biel wohnhafte Familienvater zum Gehörlosenseelsorger berufen wurde, kam zu den Latein-, Französisch-, Italienisch- und Spanischkenntnissen noch eine optische Sprache, die Gebärdensprache, dazu.

In seinem Büro im «Lindehus» in Münchenbuchsee legt der Theologe spontan die Hand auf die Wange, funkelt vergnügt mit den Augen. «Dies bedeutet Tag.» Er schliesst die Lider und voilà, nun heisst die Gebärde Nacht.

«Die Gebärdensprache besteht aus kombinierten Zeichen, die vor allem mit den Händen gebildet werden, verbunden mit der Mimik, dem Mundbild und der ganzen Körperhaltung. Doch nicht alle Gehörlosen beherrschen die Gebärdensprache. Viele verständigen sich mittels Lippenlesen und Lautsprache», erklärt Felix Weder. Sie bemühen sich, von den Lippen des sprechenden Gegenübers «abzulesen». Allerdings: Wenn jemand spricht, sind nur ein Drittel der Laute vorne an den Lippen sichtbar. Zum Beispiel ist beim Wort «verstehen» nur -VE-E-E- zu erkennen.

Felix Weder wird verstanden, und er versteht seine gehörlosen Gesprächspartner. «Um sich mitzuteilen, reicht die Gebärdensprache allein nicht aus. Es braucht Empathie und Sensibilität. Man spricht auch mit den Augen und muss fähig sein, ein Arsenal an nonverbalen Signalen aufzunehmen.» Lautlosigkeit bedeutet nicht automatisch Sprachlosigkeit. Verständigung sei jedoch ein langsamerer Prozess als unter Hörenden. Intensiver, körperbetont und total auf das Gegenüber konzentriert. «Wer nicht akustisch lauschen kann, hört mit der Seele», sinniert er.

Bereitet Weder einen Gottesdienst vor, ist er sich dessen bewusst. Die Lesungen und Texte werden mit dem Beamer in geschriebener Sprache gezeigt. Parallel dazu gebärdet er die Predigt. Anstelle der liturgischen Musik fügt er Stimmungsbilder ein. Beim Erläutern des Ablaufes am Computer blitzt das Bild des Liedes «Urbi Caritas» auf. Felix Weder fängt an zu singen und unterstreicht die Worte mit der entsprechenden Gebärde. Lächelnd meint er: «So singen wir gemeinsam in der Kirche.»
Es gebe auch spezielle Organisten, die Gehörlosen-Gottesdienste mit Orgelmusik begleiten. Dabei werden die Schwingungen der Töne von den Gehörlosen mit den Fingern, den Füssen und dem Bauch wahrgenommen. Im Gottesdienst für Gehörlose werden das Wort und das Brot geteilt. Verkündigung und Kommunionfeier gehören zusammen.

Nach der liturgischen Feier werde gemeinsam Kaffee getrunken und das soziale und gesellschaftliche Miteinander gepflegt. Felix Weder: «Die Gehörlosen nehmen oft weite Wege auf sich, um spirituelle Gemeinschaft zu erleben.» Einige kämen von Basel nach Olten zum Kirchgang, einer reise regelmässig aus dem Wallis nach Bern. Die Gehörlosen seien nicht einfach aufs Konsumieren abonniert. «Sie suchen sich ihren Seelsorger, ihre Gemeinde.» Da er Gläubige in zwei Kantonen betreut, ist er häufig mit dem Zug unterwegs. Immer dabei der Rucksack mit Laptop, Kerze und Hostie. Und die Tasche mit dem Beamer.

Der sportliche Seelsorger hält sich mit Schwimmen, Wandern und Velofahren fit. Da kann ihn schon mal beim Gehen ein Notruf erreichen. Denn dank moderner Technik können Gehörlose ihn per SMS oder Mail kontaktieren. Manchmal kommen Neuigkeiten aus dem privaten Umfeld. Felix Weder geht auf die Gehörlosen mit offenem Herzen, offenen Augen und Ohren zu, und mit den Händen sprechend.

Gottesdienste der katholischen Gehörlosenseelsorge Solothurn und Bern: Sonntag, 13. November, 9.30 Uhr, Pfarrei St.Franziskus Zollikofen, Pantomimengottesdienst mit Christoph Schwager, Mime, Sonntag, 26. November, 16 Uhr, Treff G 33 Bern und Sonntag, 27. November, 11 Uhr, christkatholische Kirche Grenchen.

www.kathbern.ch/gehoerlose

Aktuelle Nachrichten