Erinnerungen an Argentinien
Zwischen den Welten oder: «Hopp Schwiiz! Vamos Argentina!»

Dem Autor Reto Sperisen wird es am Dienstag schwer fallen, sich für eine Seite zu entscheiden. Der Solothurner besitzt zwar den Schweizer Pass, aber eben auch den Argentinischen.

Reto Sperisen
Merken
Drucken
Teilen
Die Schweizer-Nati nach dem Triumph gegen Honduras.

Die Schweizer-Nati nach dem Triumph gegen Honduras.

Keystone

Mein argentinischer Freund Rafael hat auch den Schweizer Pass. Als Doppelbürger steckt er nächsten Dienstag natürlich in einem krassen Dilemma. Soll er als Argentinier für die Blau-Weissen mitfiebern oder besinnt er sich auf seine Wurzeln und hilft irgendwo tief in seinem Innern doch den Schweizern? Rafael wurde zwar in Argentinien geboren, seine Vorfahren kommen jedoch aus der Schweiz. Aus Solothurn, um genauer zu sein. Sein Vater spricht «Soledurner Dütsch» und der Sohn ist zweisprachig aufgewachsen. Vielleicht wohnen also doch zwei Seelen (ach!) in seiner Brust?

Nun hat der Fussball in Argentinien einen anderen Stellenwert als hierzulande. Einen ganz anderen sogar. Ein Fussballfan zu sein, gehört drüben zu den Grundrechten. Quasi in der Verfassung verankert.

Zudem wissen viele Argentinier nicht einmal, was die Schweiz ist, geschweige denn, wo sie liegt. «De donde vienes?», wurde ich in Argentinien oft gefragt. Mit der Zeit merkte ich, dass die einfachste Antwort «del paiz de Roger Federer» war. Käse, Uhren oder Banken konnte ich weglassen. Fussball sowieso.

Nun trifft am Dienstag also die Fussballnation Argentinien auf die Tennisnation Schweiz. Immerhin Achtelfinale. Ob das ein fairer Kampf wird? Sicher nicht! Die Argentinos haben schliesslich göttliche Hilfe: Man denke an «die Hand Gottes» vor Jahren. Zudem ist der amtierende «Stellvertreter Gottes» ebenfalls ein Argentinier. Da kann Sepp Blatter gleich einpacken. Auch wenn beide ihr Amt auf Lebzeiten ausführen. (Halt, beim Papst gab es vor nicht so langer Zeit einen freiwilligen Rücktritt ...)

Die Argentinier sind ein spezielles Völkchen. Im ganzen Land gibt es sogenannte «Schweizer Clubs», in denen an die Herkunft erinnert wird. So hatte ich in Argentinien einmal die Ehre, an einem 1. August in einem «Club suizo» eingeladen zu sein. Ehrengast und so.

Dass das ein paar Jährchen her ist, merkt man daran, dass der damalige Bundespräsident Moritz Leuenberger hiess. Köstlich, dass seine Rede zum 1. August von einem argentinischen Sprecher übersetzt wurde, der einen tiefen Bass hatte. Als es dann hiess, man singe jetzt die Nationalhymne und sich der ganze Saal erhob, staunte ich nicht schlecht, als mit voller Inbrunst – die argentinische Hymne gesungen wurde.

Auf jeden Fall habe ich meinen argentinischen Freund Rafael – wir sind während der WM per Whatsapp in Kontakt – gefragt, wem er denn am Dienstag helfe. Er als Quasischweizer.

Wenn man die Korruption beachte, die in Argentinien den Fussball beherrsche, dann helfe er lieber den Schweizern. So seine Antwort. Wenn es aber um richtigen Fussball gehe, so sei er dann halt doch für Argentinien. Auf meine Frage, ob er denn den Match gesehen habe, bei denen sich die Schweizer fürs Achtelfinale qualifizierten, meinte er: «Shaqiri war sehr gut. Ein Messi der Alpen quasi.» Also doch ein bisschen Schweizer.

Der Autor lebte und arbeitete mehrere Monate in Argentinien, so 2006/07 und 2012.