Spezielle Förderung
Zwei Fremdsprachen als Pflicht: «Das lässt sich auf Dauer nicht halten»

Französisch und Englisch sind in der Primarschule Pflichtfächer. Von verschiedenen Seiten her wird dies als Schwierigkeit für die Spezielle Förderung angesehen. Denn dadurch können Niveau-Unterschiede noch grösser werden.

Elisabeth Seifert
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Nicht alle Schülerinnen und Schüler der Sek B bewältigen den Französisch- und Englischunterricht. (Symbolbild)

Nicht alle Schülerinnen und Schüler der Sek B bewältigen den Französisch- und Englischunterricht. (Symbolbild)

ANTON GEISSER

Serie Spezielle Förderung

Viele Schulen im Kanton Solothurn unterrichten integrativ und unterstützen schwächere Schülerinnen und Schüler mit den Instrumenten der «Speziellen Förderung». Noch ist allerdings eine Reihe von «Baustellen» zu bewältigen, bis das Projekt die Chance hat auf allgemeine Akzeptanz. Wir beleuchten in einer Artikelfolge solche kritischen Punkte – und lassen dabei neben der Bildungsverwaltung Lehrerinnen und Lehrer, Verbandsvertreter sowie Bildungspolitiker zu Wort kommen. Erschienen: «Schulen brauchen klare Führung»; «Was brauchen die Kleinen?»; «Die Integration ist oft schwierig»; «Heilpädagogen geben nicht Nachhilfe». (esf)

«Die Leistungsunterschiede werden noch grösser», prognostiziert Beat Weber. Er ist Schulischer Heilpädagoge an der Oberstufe Wasseramt Ost und weiss aus Erfahrung, wie schwer es seinen Schützlingen oft fällt, eine Fremdsprache zu erlernen. «Dieses Problem wird sich künftig weiter akzentuieren», ist er überzeugt. Für ihn steht denn auch fest: «Das doppelte Fremdsprachenobligatorium für alle Schülerinnen und Schüler lässt sich auf Dauer nicht halten.»

Beat Weber ist mit dieser Haltung nicht alleine. Auch für den Verband der Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO) bildet das Fremdsprachenobligatorium auf der Sekundarstufe I einen Knackpunkt der Speziellen Förderung. Anders beurteilt die Mehrheit der Volksschullehrkräfte die Situation in der Primarschule. In den (früheren) Kleinklassen auf beiden Schulstufen erhielten die Kleinklassenlehrpersonen weitgehende Kompetenzen, welche Schüler Fremdsprachenlektionen besuchten – oder eben nicht.

Restriktive gesetzliche Regelung

«Es geht natürlich nicht darum, dass Sek-B-Schüler, die keine Lust haben, Französisch und Englisch zu lernen, einfach vom Fremdsprachenunterricht dispensiert werden», unterstreicht Beat Weber. Für Jugendliche aber, die bereits in anderen Fächern individuelle Lernziele (=Förderstufe B) haben, sollte diese Möglichkeit bestehen, so der Heilpädagoge. Gemäss der aktuellen Verordnung zum Volksschulgesetz ist «die Dispensation von einzelnen Fächern nur ausnahmsweise und bei Vorliegen besonderer Umstände möglich». An der Oberstufe Wasseramt Ost – und nicht nur hier – wird diese restriktive Regelung bei Dispensationen vom Fremdsprachenunterricht pragmatisch ausgelegt. Die Schüler der 1. Sek B besuchen grundsätzlich alle den Unterricht in Französisch und Englisch. In den Klassen der 2. und 3. Sek B werden durchschnittlich 2 von 16 Jugendlichen von einer Fremdsprache dispensiert.

Die Oberstufe Wasseramt Ost mit den beiden Schulstandorten in Subingen und Derendingen hat die Spezielle Förderung und allfällige Dispensationen im Bereich der Fremdsprachen in einem schuleigenen Konzept geregelt. Dazu gehört, dass in der 1. Sek B alle am Fremdsprachenunterricht teilnehmen. «Wir haben festgestellt, dass einige Kinder nach dem Übertritt in die Sek B erfreuliche Leistungssteigerungen erreichen», so Weber. In der Mathematik, im Deutsch und manchmal auch in den Fremdsprachen. Weber führt dies unter anderem auf die kleineren Klassen zurück.

Dann aber gibt es immer Schüler, die in mehreren Fächern – und auch in den Fremdsprachen – auf die Förderung mittels individueller Lernziele angewiesen sind. Bei ausgeprägten Lernschwierigkeiten, und nach einer Förderphase ohne positive Auswirkungen, werde in engem Kontakt mit den Eltern abgeklärt, ob eine Dispensierung ab der zweiten Klasse angezeigt wäre. Den Antrag stellen in einem solchen Fall die Eltern, mitunterzeichnet wird dieser von der Klassen- und Förderlehrperson, bevor das Gesuch dann vom Schulleiter beurteilt wird. «Es müssen alle Beteiligten, auch der Schüler selber, mit einem solchen Schritt einverstanden sein.»

Förderung im «Lernatelier»

«Eine Dispensation ist ein starker Eingriff»

Das Volksschulamt zeigt Zurückhaltung bei der Dispensierung von Schülerinnen und Schülern vom Fremdsprachenunterricht. Egal, ob auf der Primarstufe oder der Sekundarstufe I. Elisabeth Ambühl-Christen, die Leiterin Schulbetrieb, hält dabei fest, dass die aktuelle Verordnung zum Volksschulgesetz die Dispensation von einzelnen Fächern durchaus ermöglicht, allerdings «nur ausnahmsweise und bei Vorliegen besonderer Umstände». Was darunter genau zu verstehen ist, dürfte nicht zuletzt eine Frage der Auslegung sein. Elisabeth Ambühl-Christen meint dazu: «Bei Schülerinnen und Schülern mit individuellen Lernzielen im einzelnen Fach könnten allenfalls die Voraussetzungen für eine Dispensation gegeben sein.» Verantwortlich für eine Dispensierung ist im Zeitalter der Geleiteten Schulen die jeweilige Schulleitung.
«Die Hürde für eine Dispensation soll hoch sein», betont die Leiterin Schulbetrieb. Vor allem gibt sie zu bedenken, dass die Fremdsprachen keine Spezialfälle bilden, sondern genau gleich zu behandeln seien wie alle anderen Schulfächer. Die verbreitete Meinung, dass die Fremdsprachen für schwache Schülerinnen und Schüler generell eine Überforderung darstellten, sei Ausdruck eines «diffusen Missverständnisses». Dies, zumal mit der Speziellen Förderung gerade auch in den Fremdsprachen ein differenzierender Unterricht möglich ist. Für die Förderlehrpersonen der Primarschulstufe haben in den letzten beiden Schuljahren Weiterbildungen stattgefunden. Für Lehrpersonen auf der Sekundarstufe I laufen diese jetzt an.
Die Dispensation vom Fremdsprachenunterricht sei ein starker Eingriff in die Laufbahn der Schülerinnen und Schüler, betont Ambühl-Christen. Und zwar vor allem auch deshalb, weil den betreffenden Schülern damit der Zugang zu bestimmten Berufslehren versperrt werde. Darunter fallen die kaufmännischen Berufe, aber auch die Ausbildung zur Detailhandelsfachperson oder zum Drogisten und zur Drogistin. Gerade mit Blick auf die zunehmende Bedeutung der Fremdsprachen in der Arbeitswelt hätten Bund und Kantone ihre Sprachenstrategie definiert. Und dazu gehört, dass sich Schülerinnen und Schüler bis ans Ende der obligatorischen Schulzeit Kompetenzen in einer zweiten Landessprache sowie einer weiteren Fremdsprache aneignen. (esf)

Für die meisten handwerklichen Berufe indes gehören weder Französisch noch Englisch in der Berufsschule zu den Kernkompetenzen. Deshalb erachtet Beat Weber eine Dispensierung für vertretbar. Dies um so mehr, weil die betreffenden Schüler während des Fremdsprachenunterrichts ihrer «Gspänli» im Rahmen eines «Lernateliers» in den übrigen Schulfächern unter der Anleitung einer Förderlehrperson gefördert werden. Weber: «Die Schüler beschäftigen sich hier mit jenen Lerninhalten, die für ihren erfolgreichen Besuch der Berufsschule entscheidend sind.» In erster Linie sind dies Deutsch und Mathematik.

In der Prim ein Motivationsfaktor

In der Primarschule, wo die Fremdsprachen im Unterschied zur Sek I für die Promotion keine Rollen spielen, präsentiert sich die Situation etwas anders. «Wir haben bei den Fremdsprachen einen höhen Beurteilungsspielraum, den wir auch nützen», sagt Rolf Meyer, Schulischer Heilpädagoge an der Primarschule Balsthal. Es ist denn auch eher selten der Fall, dass Kinder in den Fremdsprachen individuelle Lernziele (=Förderstatus B) haben – und damit keine Note im Zeugnis. Der Französisch- und Englischunterricht sei gerade auch für schulisch schwächere Kinder eine Möglichkeit, am Unterricht zu partizipieren, beobachtet Meyer.«Oft haben sie in den Fremdsprachen ein Erfolgserlebnis.»

Das erkläre sich auch damit, dass die Kinder in der Primarschule erst damit beginnen, Französisch und Englisch zu lernen. In dieser Phase, so Meyer, zeigen sich die Leistungsunterschiede noch weniger deutlich. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund haben sogar gewisse Vorteile, weil sie auf ihre Erfahrungen beim Erlernen der deutschen Sprache aufbauen können.

Die neue Art des Fremdsprachenunterrichts, der zu Beginn vor allem das Hörverständnis und das Sprechen in den Vordergrund rückt, komme den Bedürfnissen schwächerer Schüler entgegen. Die Lehrpersonen hätten mittlerweile zudem Erfahrung darin, den Unterricht differenziert auf die Bedürfnisse der einzelnen Kinder auszurichten. Das habe dann auch den Effekt, dass die knapp bemessenen Förderlektionen nur selten für die Unterstützung im Bereich Fremdsprachen eingesetzt werden müssen.

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