Trinkwasser

«Wir fühlen uns im Stich gelassen»: Solothurner Wasserversorger fordern vom Bund Chlorothalonil-Verbot

Schenkten klares Wasser ein (v. l.): Rainer Hug und Martin Würsten vom kantonalen Amt für Umwelt, sowie Roger Siegenthaler, Präsident des Einwohnergemeindeverbandes.

Schenkten klares Wasser ein (v. l.): Rainer Hug und Martin Würsten vom kantonalen Amt für Umwelt, sowie Roger Siegenthaler, Präsident des Einwohnergemeindeverbandes.

Die Wasserversorger des Kantons Solothurn verlangen vom Bundesrat ein sofortiges Verbot des in der Landwirtschaft genutzten Pilzbekämpfungsmittels Chlorothalonil. Die Trinkwasserressourcen müssten verstärkt vor schädlichen Fremdstoffen geschützt werden.

Wenns ums Wasser und den Gewässerschutz geht, dann sind in der Schweiz gleich drei Bundesräte zuständig: Alle drei erhielten sie in diesen Tagen geharnischte Post vom Verband der Solothurner Einwohnergemeinden (VSEG). Der Inhalt: die Forderung nach einem «sofortigen Verbot von Chlorothalonil» und weiterer kritischer Pflanzenschutzmittel. An einer Medienkonferenz in Solothurn forderten Vertreter des VSEG – flankiert von Vertretern des kantonalen Amtes für Umwelt (AfU) – zudem einen besseren gesetzlichen Schutz der Trinkwasserfassungen vor unerwünschten Fremdstoffen.

«Es ist unsinnig, von den Wasserversorgern zu verlangen, aufzuzeigen, wie sie dieses Problem lösen wollen. – Und gleichzeitig können Produkte mit Chlorothalonil in der Schweiz weiterhin verkauft und eingesetzt werden», brachte es VSEG-Präsident Roger Siegenthaler auf den Punkt. Schliesslich könnten die Wasserversorger nur die Auswirkungen – aber nicht die Ursachen der Verunreinigung bekämpfen.

Der Hintergrund: Laut einer Neubeurteilung des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit vom Juni kann das Abbauprodukt Chlorothalonil-Sulfonsäure eine mögliche Gesundheitsgefährdung darstellen. Die Wasserversorger wurden deshalb von der kantonalen Lebensmittelkontrolle aufgefordert, Messungen des Grundwassers sowie des gelieferten Trinkwassers durchzuführen. Überschritten diese Messungen den erst seit Juli dieses Jahres geltenden strengeren Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter, mussten die Versorger innerhalb eines Monats entsprechende Massnahmen umsetzen und melden, wie sie das Problem innerhalb von zwei Jahren «dauerhaft lösen» wollen.

Primär Fassungen in Ackerbaugebieten betroffen

Einfache Lösungen gibt es allerdings meist nicht: «Manche Gemeinden kommen mit dem Problem an den Anschlag», räumte Martin Würsten, Chef des AfU, an der Medienkonferenz ein. Dies umso mehr, als der Kanton Solothurn offensichtlich vergleichsweise «von GrundwasserVerunreinigungen besonders betroffen» ist. «Bedenklich» sei, dass heute primär noch Fassungen in Waldgebieten wirklich problemlos seien. Jene im Siedlungsgebiet würden passable Werte aufweisen, während aber «das Grundwasser aus Fassungen in Ackerbaugebieten grossflächig belastet» sei.

Da Chlorothalonil – ein Wirkstoff gegen Pilzbefall in Pflanzenschutzmitteln – seit den 70er-Jahren jährlich massenhaft eingesetzt worden ist, sind laut Würsten wohl Jahrzehnte nötig, bis eine Reduktion der Belastung spürbar werde.

Die Situation der drei Grundwasserzüge am Jurasüdfuss präsentiert sich laut AfU-Mitarbeiter Rainer Hug unterschiedlich: «Belastet sind die Grundwasserzüge der Emme (Wasseramt) und der Dünnern (Gäu/Olten).» Kaum tangiert sei der Grundwasserzug der Aare (Niederamt) und nicht betroffen – da hier grössere Grundwasservorkommen fehlen – seien die Gebiete im Solothurner Jura. Pestizide gar nicht erst zu verwenden und damit Grundwasserverunreinigungen auszuschliessen, muss laut Hug oberstes Bestreben sein. Auch er plädierte darüber hinaus zu entschlosseneren vorsorglichen Massnahmen für den Grundwasserschutz.

Das Verursacherprinzip soll auch hier gelten

Uriel Kramer, Baukommissionspräsident von Biberist, bezeichnete es als «absurd, wenn ausgerechnet die Wasserversorger, als letztes Glied der Kette, Lösungen finden sollen». Lösungsorientiert sei dies nicht: «Wir können das Problem nicht lösen», so Kramer, der Bund und Kanton in der Pflicht sieht. Insbesondere gehe es darum, nicht kurzfristig Mittel auszugeben, die sich dann als Fehlinvestitionen erweisen würden. Ganz klar sei auch hier das Verursacherprinzip anzuwenden: «Wer diese Schäden verursacht, der soll auch zahlen», meinte Kramer mit Blick auf die Hersteller.

Kantonschemiker Martin Kohler, der in den letzten Tagen wegen der zurückhaltenden Informationspolitik in Sachen Chlorothalonil in die Kritik geraten war, zeigte sich erfreut über den Gang der Wasserversorger an die Öffentlichkeit. Ebenso darüber, dass die Wasserversorger «konkrete Lösungsansätze erarbeiten» würden. «Das Problem muss an der Wurzel gepackt werden», sprach sich auch Kohler für ein «sofortiges Verkaufs-, Aufbrauchs- und Anwendungsverbot» von Chlorothalonil aus. Dies übrigens im Einklang mit der nationalen Konferenz der der Gesundheitsdirektoren.

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Autor

Urs Mathys

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