Seine Volksnähe verlieh ihm eine Popularität, die auch 35 Jahre nach seinem Tod noch nicht verblassen mochte:  Willi Ritschard, «erster Arbeiter im Bundesrat», würde heute 100 Jahre alt werden. Zu seiner Popularität trugen nicht zuletzt seine Sprüche bei, in denen der SP-Magistrat, der von 1973 bis zum Tod 1983 im Bundesrat sass, das politische Gebaren und menschliche Schwächen träf und geistreich aufs Korn nahm. Bereits während seiner Zeit als Bundesrat erschienen seine Aussprüche in Buchform. «Das Wort hat Herr Bundesrat Ritschard», hiess das erste von zwei Büchlein mit pointierten Ritschard-Zitaten.

Ritschard, so schrieb die «Frankfurter Allgemeine» in ihrem Nachruf auf den Schweizer Bundesrat, sei «kaum tüchtiger oder erfolgreicher als andere» gewesen. «Aber er wirkte durch die Art, wie er seinen Mitbürgern die Politik nahebrachte, namentlich durch seine mit treffenden Bonmots gespickten Reden, für viele glaubwürdiger und überzeugender.»

Auch deshalb wurde «WILLI NATIONAL», der «Büezer im Bundesrat», zum ein Politstar. Die Zürcher Band Hertz musste nur Ritschards Lebenslauf in einem Lied herunterleiern und schon hatte sie mit ihrem Song «Willi Ritschard» einen Hit gelandet. Der Solothurner war volksnah und er war nahe bei den Medien. Er gab Einblicke in sein Privatleben, wie nur wenige andere zur damaligen Zeit. Ritschard spazierte sonntags mit Ringier-Netzwerker Frank A. Meyer auf dem Berg, die «Schweizer Illustrierte» zeigte ihn mit dem Enkel im Swimmingpool. Und «der Herr Bundesrat» liess sich fotografieren, als er frühmorgens vor der Arbeit bei seinem Luterbacher Haus Schnee schippte. 

Ritschard hatte jedoch auch prominente Hilfe beim Ausarbeiten seiner Reden. Schriftsteller Peter Bichsel war nicht nur ein guter Freund des Bundesrates, sondern auch über mehrere Jahre hin dessen Redenschreiber. Die öffentliche Figur, von der das Volk Besitz ergriffen habe, sei nicht der Willi Ritschard gewesen, der sein Freund war. «Jeder einfache Mann in der Schweiz glaubte nun zu wissen, was Willi dachte, nämlich genau dasselbe wie er», schrieb Bichsel 1983. Ritschard habe sein Leben lang darunter gelitten, «dass er mit seiner Person so erfolgreich war und mit seinen Anliegen, seinen Vorstössen, seinen Vorlagen meist erfolglos», schrieb Bichsel 1983. Ritschard, der Mann der grossen Worte, sei eigentlich ein grosser Schweiger gewesen.

Sämtliche Zitate stammen aus «Das Wort hat Herr Bundesrat Ritschard...», erschienen im Benteli Verlag 1975, und aus dem Folgeband «Das Wort hat wiederum Herr Bundesrat Ritschard, erschienen im Benteli Verlag 1982.