Spezielle Förderung
Wie die schulische Integration gelingt

An den meisten Schulen in Kanton Solothurn wird Integration umgesetzt - mehr oder weniger erfolgreich. Die Heilpädagogin Alexandra Stuber erläutert, wie die schulische Integration gelingt.

Elisabeth Seifert
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Eine Heilpädagogin unterstützt Schüler in der Regelklasse. (Archiv)

Eine Heilpädagogin unterstützt Schüler in der Regelklasse. (Archiv)

Archiv / UK

Ein Grenchner Politiker meinte gegenüber dieser Zeitung, dass die Heilpädagogen zunehmend unzufrieden sind. Sind Sie unzufrieden?

Alexandra Stuber*: Nein, das bin ich ganz und gar nicht. Sicher, man kann nicht einfach davon ausgehen, dass die Spezielle Förderung automatisch funktioniert. Ich arbeite jetzt seit acht Jahren an Schulen, die zum Teil schon seit über zehn Jahren auf die Integration umgestellt haben. Und auch an diesen Schulen funktioniert noch nicht alles reibungslos. Je länger eine Schule mit der Umstellung zuwartet, desto schwieriger wird es.

Haben einige Heilpädagoginnen grundlegende Zweifel an der «Schule für alle»?

Es gibt solche, aber der grössere Teil der Heilpädagoginnen und Heilpädagogen ist der Meinung, dass die Integration der richtige Weg ist. Auch wissenschaftlich ist belegt, dass ein Kind in der Integration mehr profitiert. Es gibt nur noch einzelne Schulen im Kanton, die an der Separation festhalten. Ich glaube nicht, dass es jetzt noch darum gehen kann, das Rad zurückzudrehen. Es geht vielmehr darum, sich bewusst zu machen, wie die Integration funktioniert, an welchen Schulen sie besonders gut funktioniert und was die Gründe dafür sind.

Alexandra Stuber arbeitet als Heilpädagogin an der Primarschule in Gunzgen. Sie ist Mitglied der Fraktionskommission der Heilpädagoginnen und Heilpädagogen innerhalb des Solothurner Volksschullehrerverbands.Oliver Menge

Alexandra Stuber arbeitet als Heilpädagogin an der Primarschule in Gunzgen. Sie ist Mitglied der Fraktionskommission der Heilpädagoginnen und Heilpädagogen innerhalb des Solothurner Volksschullehrerverbands.Oliver Menge

Oliver Menge

Können schwächere Schüler in Kleinklassen nicht vielleicht doch besser gefördert werden?

Jedes System hat Vor- und Nachteile. Nicht für jedes Kind mag die Integration das Beste sein, aber auch nicht für jedes Kind ist die Kleinklasse das Beste. Mit der Integration lernen die Schüler auch im Hinblick auf das weitere Leben, dass es ganz normal ist, verschieden zu sein. Sie lernen auch, dass nicht alle zur gleichen Zeit immer das Gleiche machen. Sie wissen, was sie gut können und wo sie vielleicht auch Schwächen haben. Und sie lernen, Strategien zu entwickeln, um sich Unterstützung zu holen.

Ist es nicht entmutigend für Schwächere, wenn sie nicht das gleiche Programm haben wie ihre Gspänli?

Manche Kinder haben damit Probleme. Und dann geht es eben darum, ihnen verständlich zu machen, dass solche Unterschiede ganz normal sind. Damit werden sie an die Realität herangeführt. In der Schule und im Leben orientieren wir uns immer auch an anderen. In einer Kleinklasse mag jemand sehr gute Noten haben. Ein integrierter Schüler merkt zwar, dass er in bestimmten Bereichen individuelle Lernziele hat. Im Turnen, im Werken oder im Zeichnen kann er sich aber mit den anderen Kindern messen. Und er wird von den anderen wegen seiner Leistungen vielleicht sogar bewundert. Solche Erfahrungen sind für das Leben in einer selektiven Gesellschaft sehr gut.

Serie Spezielle Förderung

Viele Schulen im Kanton Solothurn unterrichten integrativ und unterstützen schwächere Schülerinnen und Schüler mit den Instrumenten der «Speziellen Förderung». Noch ist allerdings eine Reihe von «Baustellen» zu bewältigen, bis das Projekt die Chance hat auf allgemeine Akzeptanz. Wir beleuchten in einer Artikelfolge solche kritischen Punkte – und lassen dabei neben der Bildungsverwaltung Lehrerinnen und Lehrer, Verbandsvertreter sowie Bildungspolitiker zu Wort kommen. Erschienen: «Schulen brauchen klare Führung» (24. 7.); «Was brauchen die Kleinen?» (29. 7.). «Die Integration ist oft schwierig» (8. 8.). (esf)

Sehen Sie auch schulische Erfolge?

Von einer Schule habe ich kürzlich gehört, dass von zwölf Kindern mit individuellen Lernzielen, die in die Sek B übergetreten sind, fünf keine individuellen Lernziele mehr brauchen. Beim Übertritt in die Berufsbildung kann es dann wieder zu Problemen kommen. Für schwache Sek-B- Schüler ist es nicht einfach, eine Lehrstelle zu finden. Das aber ist natürlich kein Problem der Speziellen Förderung.

Manche Heilpädagogen fühlen sich in die Rolle des Nachhilfelehrers gedrängt. Stellen Sie das auch fest?

Die Spezielle Förderung funktioniert nur mit einer guten Zusammenarbeit von Heilpädagogin und Klassenlehrperson. Und es funktioniert nicht, wenn eine Klassenlehrperson sagt, kümmere du dich um die Kinder mit Förderstatus und ich mache den Rest. Es ist auch frustrierend für eine Heilpädagogin, wenn sie nicht im Klassenzimmer arbeiten darf, sondern ihre Schüler womöglich irgendwo draussen auf dem Gang betreuen muss. Darüber hinaus braucht eine Heilpädagogin auch einen eigenen Raum und ein Budget für Unterrichtsmaterial.

Welche Erwartungen haben Sie an Ihre Berufskolleginnen?

Es macht zum Beispiel keinen Sinn, wenn sich eine Heilpädagogin einfach in den Unterricht neben ein Kind mit Förderstatus setzt, diesem hilft und nach dem Unterricht wieder geht. Die Heilpädagogin muss sich im Vorfeld mit der Klassenlehrperson über die Unterrichtsinhalte absprechen. Auf diese Abmachungen müssen sich dann beide verlassen können.

Können Sie die Zusammenarbeit zwischen der Heilpädagogin und Lehrperson noch konkreter beschreiben?

Die Heilpädagogin ist in erster Linie für die integrierten Kinder verantwortlich. Sie ist Ansprechpartnerin gegen aussen und sie passt den Wochenplan für die Kinder mit Förderstatus an. Unsere Aufgabe besteht aber auch darin, den Lehrpersonen dabei zu helfen, den Unterricht zu differenzieren. Es geht darum, gemeinsam mit der Klassenlehrperson, und besser noch mit der ganzen Schule, ein Konzept zu entwickeln, damit alle Kinder ihrem Niveau entsprechend vom Unterricht profitieren können. Auch die besonders Guten. Die Unterrichtsorganisation lässt sich flexibel gestalten: Manchmal arbeite ich ausserhalb des Klassenverbands mit einem einzelnen Kind. Sehr häufig aber halbieren wir die Klasse oder ich arbeite in Kleingruppen. Und zeitweise arbeite auch ich mit der ganzen Klasse, zum Beispiel im Bereich Leseförderung. Dann betreut die Klassenlehrperson einzelne Kinder oder sie übernimmt die Funktion als Beobachterin.

Welches sind Beispiele für den differenzierenden Unterricht?

In der Mathematik zum Beispiel arbeiten wir mit den Mathe-Plänen zum Schweizer Zahlenbuch. Diese fussen auf den offiziellen Lehrmitteln, die vor allem das Basiswissen enthalten. Darauf aufbauend sind sowohl erweiterte als auch unterstützende Aufgaben vorhanden. Im Fach Deutsch verwenden wir für die Textüberarbeitung Lernzielkarten. Die einzelnen Schüler arbeiten mit jenen Lernzielen, die ihrem Leistungsniveau entsprechen. Meine Aufgabe als Heilpädagogin ist es, solche Ideen einzubringen und Materialien vorzubereiten. Gemeinsam mit der Klassenlehrperson bespreche ich dann, wie wir diese Ideen zum Nutzen der Klasse oder auch der ganzen Schule umsetzen können.

Das klingt alles recht aufwendig ...

Es braucht dafür natürlich Zeit. Wöchentlich führe ich mit jeder Lehrperson eine Planungssitzung durch. Ich weiss genau, was im Unterricht läuft. Wir haben zudem eine Zusammenarbeitsvereinbarung, auf die sich jeder berufen kann. Darüber hinaus ist es aber auch zentral, dass die Schulleitung Zeitgefässe zur Verfügung stellt, um Konzepte für den differenzierenden Unterricht zu entwickeln. An offiziellen Weiterbildungsanlässen unserer Schule haben zum Beispiel alle mitgeholfen, entsprechende Unterrichtsmaterialien zu erarbeiten.

Rund die Hälfte der Förderlehrkräfte hat keine spezifische Ausbildung. Ist das ein Problem aus Ihrer Sicht?

Das ist ein Problem. Klar: Auch mit der entsprechenden Ausbildung ist jemand nicht zwangsläufig eine gute Heilpädagogin oder ein guter Heilpädagoge. Und auch eine Förderlehrkraft ohne Ausbildung zum Schulischen Heilpädagogen kann sehr gute Arbeit leisen. Im Rahmen der Ausbildung lernt man aber viel über Unterrichtsentwicklung und differenzierende Unterrichtskonzepte unter dem Aspekt der Integration. Als ausgebildete Heilpädagogin kann ich diese Ideen in den Unterricht und die Schule einbringen.

Wie lässt sich das Problem lösen?

Es muss künftig attraktiver werden, die Heilpädagogen-Ausbildung zu absolvieren. Derzeit werden die Lehrpersonen nur um vier Lektionen entlastet. Der Verband der Lehrerinnen und Lehrer Solothurn fordert vom Kanton acht Lektionen Entlastung. Zudem: Trotz dem Mangel an ausgebildeten Heilpädagogen sind kaum Stellen ausgeschrieben. Die Schulleitungen sollten eigentlich all jene Stellen ausschreiben, die nicht mit einer adäquat ausgebildeten Förderlehrperson besetzt sind. Das machen aber viele nicht. Die Lektionen für die Spezielle Förderung werden an vielen Schulen dafür genutzt, um Unterrichtspensen abzurunden.

*Alexandra Stuberist 33 Jahre alt und wohnt in Günsberg. Sie hat zuerst eine Ausbildung als Kindergärtnerin gemacht und dann in Zürich die Hochschule für Heilpädagogik absolviert. Seit acht Jahren arbeitet sie als Heilpädagogin an der Primarschule in Gunzgen.

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