Kanton Solothurn
Werden hochbegabte Schüler zu wenig gefördert? — Klar ist: «Die Lektionen sind knapp»

Werden hochbegabte Kinder im Kanton Solothurn zu wenig gefördert? Darüber diskutiert heute Dienstag auch der Kantonsrat.

Lucien Fluri
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Müsste mehr für die hochbegabten Schüler im Kanton getan werden? Bereits am Dienstag wird die Frage im Kantonsrat Thema sein.(Symbolbild)

Müsste mehr für die hochbegabten Schüler im Kanton getan werden? Bereits am Dienstag wird die Frage im Kantonsrat Thema sein.(Symbolbild)

KEYSTONE

Müsste mehr für die hochbegabten Schüler im Kanton getan werden? Bereits am Dienstag wird die Frage im Kantonsrat Thema sein. Denn es steht eine Interpellation von FDP-Kantonsrat Christian Scheuermeyer zur Diskussion. Der Deitinger findet: Ob ein hochbegabtes Kind gefördert werde, hänge zu sehr von einzelnen Gemeinden ab. Doch Scheuermeyer sagt: «Das darf keine Frage der Mittel sein.»

Das Potenzial der Betroffenen wird aus Scheuermeyers Erfahrung zu wenig gefördert, wie er auch aufgrund von Erfahrungen in seinem privaten Umfeld weiss. So könne es sein, dass Lehrkräfte überfordert sind oder zu wenig geförderte, hochbegabte Kinder im Schulalltag verhaltensauffällig werden, weil sie unterfordert sind. Braucht es also mehr Förderung?

Dagmar Rösler, Präsidentin des Solothurner Lehrerinnen- und Lehrerverbandes LSO: «Sprecht uns, wenn schon, zusätzliche Lektionen oder akzeptiert, dass begrenzte Ressourcen auch begrenzte Möglichkeiten vor Ort bedeuten.»

Dagmar Rösler, Präsidentin des Solothurner Lehrerinnen- und Lehrerverbandes LSO: «Sprecht uns, wenn schon, zusätzliche Lektionen oder akzeptiert, dass begrenzte Ressourcen auch begrenzte Möglichkeiten vor Ort bedeuten.»

Zur Verfügung gestellt

Dagmar Rösler, Präsidentin des Solothurner Lehrerinnen- und Lehrerverbandes LSO, ist überzeugt, dass in Solothurner Schulzimmern durchaus das Wissen vorhanden ist, um begabten und hochbegabten Kindern gerecht zu werden. «Der Grossteil der Lehrer macht, was von Ressourcen und Kapazitäten her möglich ist», so Rösler, auch wenn vielleicht tatsächlich «nicht an jeder Schule das gemacht wird, was man tun könnte.»

Man versuche jedoch, jedem Kind gerecht zu werden, von den Schwachen bis zu den ganz guten Schülern. «Starke Kinder sind für uns Lehrer nicht beängstigend.» Ein Augenmerk liege bei der speziellen Förderung sicher auf den schwächeren Kindern. «Das heisst aber nicht, dass für Begabte nichts gemacht wird.»

Rösler erwähnt neben verschiedenen Projekten einzelner Gemeinden die Möglichkeit komplexer Zusatzaufgaben in den Lehrbüchern ebenso wie individuelle Aufgaben im Unterricht. Die LSO-Präsidentin warnt deshalb davor, das Problem aufzubauschen. Schlechte Schulerfahrungen in Einzelfällen dürfe man nicht verallgemeinern.

Zu knappe Lektionenzahl

20 bis 27 Lektionen pro 100 Kinder und auf Kindergarten- und Primarstufe finanziert der Kanton in der speziellen Förderung. Die Kritik von Experten: Viele dieser Stunden würden für schwächere Kinder genutzt. Die Förderung Hochbegabter werde aufgrund der knappen Ressourcen eher für leistungsschwächere Schüler genutzt. «Um jedem Kind genau das zu bieten, was es braucht, sind 27 Lektionen zu knapp», sagt auch Rösler.

Klar ist für die höchste Solothurner Lehrerin: Bei den schwächeren Schülern darf nicht gespart werden. «Sprecht uns, wenn schon, zusätzliche Lektionen oder akzeptiert einfach, dass begrenzte Ressourcen auch begrenzte Möglichkeiten vor Ort bedeuten.» Mit zusätzlichen Lektionen könnten Schulen Projekte fördern, von denen gerade auch Hochbegabte profitieren. Rösler denkt an Forschungsprojekte, die das vernetze Denken fördern.

Beat A. Schwendimann ist Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) und hat mehrere Jahre im Bereich der Begabungs- und Begabtenförderung gearbeitet. Er sagt: «Begabtenförderung ist nicht optional. Sie ist Teil des Ansatzes, alle zu fördern, nach oben und nach unten.» Wer Begabtenförderung als Luxus abtue, unterliege einem Missverständnis.

«Begabung heisst nicht, dass man sie ohne Unterstützung in Leistung umsetzen kann. Nur wenn gewisse Faktoren vorhanden sind, können Schüler ihr Potenzial in Leistung umsetzen.» Es brauche ein Umfeld, wo man besondere Begabungen auch zeigen dürfe. Je nach Kanton sei die Begabtenförderung aber mehr oder weniger ausgeprägt, je nach Lehrperson sei mehr oder weniger Wissen vorhanden. «Damit wird die Chancengerechtigkeit eingeschränkt.»

Defizite sieht Schwendimann beim Erkennen hochbegabter Kinder. «Es gibt keine einheitliche Vorgehensweise. Eine systematische Schulung der Lehrpersonen, um selbst Beobachtungen zu machen, wäre nötig.» Vorstellen kann sich Schwendimann dies etwa im Rahmen von Weiterbildungen für Lehrpersonen.

Nach ersten Beobachtungen sollte eine umfassende Abklärung des Begabungspotenzials durchgeführt werden. Nächster Punkt wären für ihn Förderprogramme in der Regelklasse. «Es ist wichtig, dass man die Kinder nicht stigmatisiert. Nimmt man sie aus dem Klassenverband, kann dies passieren.» Aber kein Kind wolle «als speziell abgestempelt werden».

«Die Diagnose ist oft nicht einfach. Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen der Note und einem hohen Begabungspotenzial», widerlegt Schwendimann ein Klischee. Einerseits könne ein hohes Begabungspotenzial auch mit einem Aufmerksamkeitsdefizit verbunden sein, andererseits könnten unterforderte Kinder zu Minderleistern werden.