Tiere
Wenn die Vogel-Liebe durch den Magen geht

Soll man Vögel im Winter draussen füttern? Und wenn ja, wie und wann? Wir fragten bei Thomas Lüthi, Präsident des Vogelschutzverbandes des Kantons Solothurn, nach.

Nora Bader
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«Vogelhäuschen sind vor allem pädagogisch wertvoll», sagt der Ornithologe Thomas Lüthi bruno kissling

«Vogelhäuschen sind vor allem pädagogisch wertvoll», sagt der Ornithologe Thomas Lüthi bruno kissling

Vogelhäuschen sind eher etwas für den Menschen als für das Tier, sagt Thomas Lüthi, Präsident des Vogelschutzverbandes des Kantons Solothurn. «Wer wirklich etwas für die Vögel tun will, sollte bereits im Frühling an die Winterfütterung denken und seinen Garten sinnvoll bepflanzen und bewirtschaften.» So sind beispielsweise verdorrte Sonnenblumen sehr wertvoll, aber auch die zweijährigen wilden Karden, Sträucher mit Beeren etc.

«Pädagogisch gesehen, sind die Vogelhäuschen jedoch von grosser Bedeutung», so Lüthi weiter. Verschiedenste Brutvögel und Wintergastvögel können so bei der Nahrungszunahme beobachtet und bestimmt werden. Die Vögel, welche die Futterstellen in unseren Gärten aufsuchen, sind gemäss Lüthi in ihrem Bestand fast durchwegs nicht gefährdet und an die Lebensbedingungen der kalten Jahreszeit angepasst.

«Seltene und gefährdete Arten der Roten Liste kommen kaum ans Futterbrett», sagt Lüthi, Bauführer eines Gartenbauunternehmens. In seinem Beruf sehe er die Problematik übrigens oft: «Exotische Pflanzen und überdüngte Rasen tragen nicht zum Vogelschutz bei.» Das vorrangige Ziel für den Schutz einer artenreichen Vogelwelt ist deshalb die Erhaltung von vielfältigen und gesunden Lebensräumen. «Eine sachgemässe Fütterung erreicht zwar nur eine geringe Zahl von Vogelarten, doch sie schadet auch nicht.» Lüthi selber hat keine Vogelfutterstelle, ist aber der Ansicht, dass gegen ein massvolles Füttern nichts einzuwenden ist, wenn man sich auch für die dringenden Natur- und Vogelschutzprobleme einsetzt.

Wann man füttern soll: «Bei Dauerfrost, bei Eisregen oder wenn eine geschlossene Schneedecke liegt, kann die Fütterung eine Überlebenshilfe sein», berichtet Thomas Lüthi. Und: Der Futterbedarf ist morgens am grössten, weil die Vögel nach der langen Nacht hungrig sind. Allenfalls kann im Verlauf des Nachmittags das Futter erneut aufgefüllt werden, weil die Vögel gegen Abend nochmals «auftanken», um für die Nacht vorzusorgen. Was man füttern soll: Naturnahes, qualitativ einwandfreies Futter. Dieses sollte weder gesalzen noch aufbereitet sein und auch keine chemischen Zusatzstoffe enthalten. «Aus ökologischen Gründen verzichtet man am besten auf die Verwendung von Futterbestandteilen, die aus weit entfernten Ländern stammen (Palmöl, Kokosfett und Erdnüsse)», so der Vogelliebhaber. Futtermischungen, die viele Getreidekörner enthalten, werden fast nur von Tauben und Sperlingen gefressen. Deshalb ist es gemäss Lüthi ratsam, Mischungen zu verwenden, die ganz oder grösstenteils aus Sonnenblumenkernen und Hanfsamen bestehen. Denn: Dunkle Sonnenblumenkerne haben eine weichere Schale und können von den Vögeln besser geöffnet werden.

Vögel mit dickem, kräftigem Schnabel wie Finken, Sperlinge oder Ammern bevorzugen Sonnenblumenkerne und Hanfsamen. Weich- und Insektenfresser (Vögel mit spitzem, schlankem Schnabel) fressen primär tierische Kost und feine Sämereien. «Nur wenige Arten wie Amsel, Rotkehlchen und Star sind häufige und mehr oder weniger regelmässige Besucher am Futterbrett. Sie fressen gerne Haferflocken, Rosinen und Obst, das bereits etwas angefault sein darf, zerhackte Baum- und Haselnüsse, Fett und Quark», berichtet Lüthi weiter.

Zugvögel kommen seltener ans Futterbrett. Sie können jedoch gemäss der Vogelwarte Sempach vor allem im Vorfrühling durch späten Schneefall in ihrer Nahrungssuche stark behindert werden. «In solchen Situationen kann es für sie hilfreich sein, wenn wir Komposthaufen oder Miststöcke abdecken und unter Bäumen und Sträuchern oder auf einem Vorplatz den Schnee entfernen. Dort kann man etwas Haferflocken, Rosinen oder einzelne alte Äpfel verteilen.»

Wie man füttern soll: Futter sollte so dargeboten werden, dass es nicht nass wird und vereist (Häuschen mit witterungsgeschütztem Futtervorrat, Futtersäckchen oder Fettring beziehungsweise -kugel). «In der Nähe des Futterhauses sollten Bäume und Gebüsche stehen, die bei Gefahr als Zufluchtsort dienen», rät Lüthi. Die unmittelbare Umgebung der Futterstelle – mindestens im Umkreis von zwei Metern – sollte überschaubar sein, damit nicht Feinde wie Katzen den Vögeln auflauern können.

Die grösste Gefahr am Futterplatz stelle die Übertragung und Ausbreitung seuchenartiger Erkrankungen dar. «Es ist wichtig, dass das Futterbrett stets sauber gehalten wird. Verunreinigungen können mit heissem Wasser beseitigt werden». Die Vögel sollten nicht ins Futter sitzen können. Sollte jemand tote Vögel um das Futterhaus finden, so muss dieser Vogel sofort entfernt und das Futterbrett gründlich gereinigt werden. Die Fütterung darf dann erst zwei bis drei Tage nach der Reinigung wieder aufgenommen werden.

Vögel würden auch im Winter gerne baden und trinken, erzählt Lüthi. Hier besteht jedoch eine erhöhte Gefahr, dass Krankheiten verbreitet werden. «Deshalb empfehlen wir, nur dann eine Wasserstelle anzubieten, wenn streng auf die hygienischen Verhältnisse geachtet und das Wasser täglich mindestens einmal gewechselt werden kann. Besser sind Vogelbäder, bei denen dauernd etwas Wasser fliesst.» Auch hier gelte es, auf katzensichere Platzierung zu achten. Denn die grössten Gefahren an Futterstellen sind neben den Krankheitserregern die Katzen.Es stimme nicht, dass eine Winterfütterung der Vögel zu deren Fettleibigkeit führe und ihnen das Fliegen erschwere oder gar verunmögliche, sagt Thomas Lüthi zu einer weitverbreiteten Meinung. Fazit: Winterfütterung ist nicht unbedingt nötig, jedoch – wenn richtig gemacht – auch nicht schädlich.

Internet: www.vogelwarte.ch

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