Solothurner Gebäudeversicherung

Wegen Klimawandel und veränderten Bauweisen: Immer mehr Sturmschäden an Gebäuden

Markus Schüpbach, Direktor der Solothurner Gebäudeversicherung, beim Interview in seinem Büro.

Markus Schüpbach, Direktor der Solothurner Gebäudeversicherung, beim Interview in seinem Büro.

Es stürmt immer öfters im Kanton Solothurn, die Schäden nehmen zu. Schuld sind veränderte Bauweisen und der Klimawandel. Nun ist auch die Gebäudeversicherung aktiv geworden, sie arbeitet an einer «Sturmkarte».

Zuerst war da Lolita, dann Petra, und dann kam auch noch Sabine: Gleich drei Stürme brausten in den vergangenen Wochen durch die Schweiz. Zusammen richteten sie an Gebäuden im Kanton Solothurn Schäden von insgesamt 3,5 Millionen Franken an. Alles in allem kamen die Solothurner noch glimpflich davon. Doch die Häufung der Stürme gibt Markus Schüpbach, Direktor der Solothurner Gebäudeversicherung, zu denken.

Drei Stürme und mehrere tausend Schadenmeldungen in wenigen Wochen: Eine Folge des Klimawandels?

Markus Schüpbach: Elementarschäden sind immer starken Schwankungen unterworfen. Was man sagen kann: In den vergangenen hundert Jahren haben gerade Wind- und Hagelschäden deutlich zugenommen. Einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und diesem Trend herzustellen, ist aber gewagt.

Wieso?

Es gibt auch andere Faktoren, auf die sich der Anstieg der Schäden zurückführen lässt.

Zum Beispiel?

Heute baut man anders als noch vor 50 Jahren. Das Aussehen spielt oftmals eine wichtigere Rolle als die Sicherheit. So hat man früher mit doppeltem Mauerwerk gebaut. Heute wird mit nur noch einer Mauer gebaut, mit Aussenfassaden und verputzter Isolation oder dünnen Metallprofilen. Diese werden schon von kleinen Hagelkörnern beschädigt. Moderne Lamellenstoren sind zudem viel anfälliger auf Windböen als etwa Jalousien. Dadurch können Schäden in Millionenhöhe entstehen.

Aber das Klima spielt auch eine Rolle?

Ich würde sagen: ich sehe da einen gewissen Zusammenhang. Das National Center for Climate Service (NCCS) hat 2018 eine Zunahme der durchschnittlichen Temperaturen für die Schweiz prognostiziert, damit verbunden ist eine erhöhte Luftfeuchtigkeit. Die erhöht das Risiko für intensive Naturereignisse. Was zu Gebäudeschäden führen kann.

Was bedeutet dies für die Gebäudeversicherung?

Wir können nicht einfach die Hände in den Schoss legen und sagen, <die Schäden nehmen halt zu>. Als Gebäudeversicherung ist es unsere gesetzliche Aufgabe, die Prämien unserer Kunden dafür zu nutzen, Massnahmen vorzuschlagen, wie sie ihre Gebäude besser schützen können.

Elementarschäden haben in der Vergangenheit laufend zugenommen. Und zwar im Verhältnis zur Anzahl Gebäude: Es lässt sich also nicht sagen, nur weil es mehr Gebäude hat, gibt es auch mehr Schäden.

Entwicklung Gebäudeschäden in den vergangenen Jahrzehnten

Elementarschäden haben in der Vergangenheit laufend zugenommen. Und zwar im Verhältnis zur Anzahl Gebäude: Es lässt sich also nicht sagen, nur weil es mehr Gebäude hat, gibt es auch mehr Schäden.

Was heisst das konkret?

Im Bereich des Hochwasserschutzes gibt es bereits heute Gefahrenkarten. Wer in einem gefährdeten Gebiet bauen möchte, muss gewisse Kriterien erfüllen. Eine solche Karte im Bereich der Sturmwinde gibt es nicht. Nach den Sturmschäden im Jahr 2018 haben wir beschlossen, eine solche zu erstellen.

Wie erstellt man eine solche Karte?

Wir schauen, wo in der Vergangenheit Schäden wegen Wind entstanden sind. Gleichzeitig kennen wir die Gebäudewerte im Kanton. Zwar nicht im Detail, aber wir wissen grob, ob sie ein
Flach- oder ein Gibeldach tragen, oder ob viele Storen vorhanden sind. Je nach Gebäudekonstruktion, -form und -standort kann das Risiko erheblich zunehmen, so dass der Schaden schnell einmal hoch ausfällt. Aufgrund dieser zwei Kriterien berechnen wir das Risikopotential und erstellen damit eine Risikokarte für Sturmwinde. Damit wollen wir Gemeinden und Hauseigentümern Empfehlungen abgeben
können, welche baulichen Massnahmen angebracht wären. Denn mit nur wenig Aufwand können die Schäden bereits erheblich reduziert werden. Beispiele sind etwa automatische Storensteuerungen oder das Befestigen der Dachziegel mit Sturmklammern.

Sie reden von Empfehlungen, die Sie abgeben können, nicht von Vorschriften.

Vorschriften lässt das heutige Gesetz nur teilweise zu. Eine entsprechende Diskussion läuft auf politischer Ebene, im Rahmen der Gesamtrevision des Gebäudeversicherungsgesetzes. Eine Möglichkeit, die diskutiert wird, wäre: Wer unsere Empfehlungen nicht umsetzt, fällt in eine höhere Risikokategorie und bezahlt eine höhere Prämie. Denn selber hätte ich vielleicht auch keine Lust, bauliche Massnahmen zu ergreifen und trotzdem dieselbe Prämie wie jemand zu zahlen, der die Hände in den Schoss legt. So weit sind wir heute aber noch nicht.

Wäre es für Sie nicht einfacher – und billiger, wenn Sie den Hauseigentümern einfach sagen könnten, wie sie zu bauen haben?

Ich denke die Akzeptanz ist höher, wenn die Hauseigentümer die Wahl haben. Sie bauen, wie sie sich das wünschen, und wir versichern ihr Haus. Doch spätestens wenn es zu einem Schaden kommt, geben wir Empfehlungen für bauliche Anpassungen ab. Und werden diese nicht umgesetzt, kann das bis hin zum Teilausschluss aus der Versicherung führen. Das ist Stand heute noch nicht möglich.

Wenn der Klimawandel – und damit die Anzahl Schäden – weiter zunehmen: Wollen Sie auch dann keine Vorschriften machen können?

Unsere Aufgabe ist nebst der Versicherung die Prävention. Wir verstehen uns in diesem Bereich als beratende Organisation, es ist nicht unser Ziel, diktieren zu können, wie die Häuser auszusehen haben. Wichtig ist, dass der Bauherr weiss, was er für Möglichkeiten hat. Dass er weiss, dass er für wenig Geld sein Haus schützen kann. In der Bauphase ist das noch viel günstiger als später.

Was bedeutet der Klimawandel für Sie persönlich?

All die Massnahmen, die wir von der Gebäudeversicherung her diskutieren, sind präventiv, für welches Zukunftsszenario des NCCS auch immer. Damit haben wir den Klimawandel noch nicht gestoppt. Die Frage ist: Wie bekommen wir es als eines der reichsten Länder der Welt hin, ein System einzurichten, das es uns ermöglicht, den CO2-Ausstoss in allen Bereichen des Lebens zu reduzieren? Wenn wir ein effizientes System für die Schweiz finden, könnte man es vielleicht exportieren.

Haben Sie Lösungen?

Das ist grundsätzlich eine politische Frage. Aber ich bin der Meinung, es gibt Modellansätze, die funktionieren könnten. Es muss einen liberalen Weg mit möglichst wenig Vorschriften geben. Wir leben in einer monetär getriebenen Welt. Die Lösung muss deshalb übers Portemonnaie funktionieren und heisst Kostenwahrheit (Der Begriff stammt aus der Volkswirtschaftslehre, vereinfacht gesagt bedeutet er in diesem Zusammenhang, dass jeder die Umweltschäden bezahlt, die er – etwa mit Flügen – verursacht, Anmerkung der Redaktion).

Kann ein Lösungsansatz ohne Pflichten funktionieren?

Die Pflichten äussern sich indirekt. Sobald es die Menschen im Portemonnaie spüren, funktionierts. Das würde aber aus meiner persönlichen Sicht bedeuten, dass man aufhört, gewisse Dienstleistungen mit Steuergeldern zu subventionieren.

Zum Beispiel?

Ein Beispiel aus dem Verkehr: Der Staat kann die Benzinpreise in Form einer CO2 Lenkungsabgabe erhöhen und damit diejenigen Kosten aus Emissionen decken, die der private Verkehr verursacht und die im Moment noch von der Allgemeinheit getragen werden. Dann wird der Privatverkehr massiv teurer. Doch wenn man das einführt, müsste man fairerweise auch auf die Subventionierung des öffentlichen Verkehrs verzichten. Damit könnten Steuerzahler doppelt entlastet werden: Durch die Lenkungsabgabe und die eingesparten Subventionen.

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