Gaming
«Unsere Teams sollen stets auf dem Podium stehen»: Ein Oltner führt die grösste E-Sport-Agentur der Schweiz

Noch vor vier Jahren war es eine Leidenschaft. Nun beschäftigt Manuel Oberholzers eSport-Agentur mehr als 20 Mitarbeitende.

Jocelyn Daloz
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Habt ihr schon mal von Kyle «Bugha» Giersdorf gehört? Der 16-jährige Amerikaner hat vergangenes Jahr die Fortnite Weltmeisterschaft gewonnen und als Preisgeld 3 Millionen US-Dollar nach Hause genommen. «Bugha», so sein Pseudonym im Online-Überlebensspiel, ist längstens zu einem Superstar im eSports-Milieu geworden. Ein Milieu, das immer grösser wird. Auch in der Schweiz.

Das beliebte Spiel Fortnite.

Das beliebte Spiel Fortnite.

Epic

In Kürze

- eSport gewinnt immer mehr Publikum und zieht immer mehr Werbegelder an.

- In der Schweiz ist der Markt noch relativ klein: Wo der Fortnite-Weltmeister in den USA zwei Millionen Preisgeld erhielt, erhält man bei Schweizer Wettkämpfe maximal 2000.-

- Trotzdem sind grosse Players Sponsoren: Die Postfinance, Swisscom, UPC, Logitec

- Manuel Oberholzer hat die Firma MYI Entertainment mitgegründet. Er lebt jetzt in Olten.

- Es handelt sich um die erste und zugleich grösste Sportagentur des Landes

Was ist eSport eigentlich?

eSports ist «das kompetitive Spielen von Computer- und Videospielen gegen Teams oder Gegner in Wettkämpfen oder Meisterschaften», wie es das Beratungsunternehmen Deloitte definiert. Es ist gerade dabei, zum Milliardengeschäft zu werden. Eine Studie von Deloitte mutmasst, dass der diesjährige wirtschaftliche Erfolg auch von der Coronakrise beflügelt werden könnte: Die Stadien waren leer, dafür waren Millionen von Leuten zu Hause, die auf ihren Computerbildschirmen die Erfolge ihrer eSport-Athleten auf Twitch mitverfolgen konnten. Wie «Gaming» zum Sport wurde und damit eine Galaxie von Stakeholdern anzog, zeigt die Laufbahn von Manuel Oberholzer.

Wer ist Manuel Oberholzer und was hat er mit eSport zu tun?

Der junge Herr, der im Oltner Café Ring an einem Macchiato nippt, ist als Teenager in die Welt der Videospiele eingetaucht. Der Wahl-Oltner entdeckte sie über das virtuelle Kartenspiel «Hearthstone»; schnell findet er gleichgesinnte «Nerds», mit denen er sich auf LAN-Parties trifft.

«Damals war das Internet noch nicht schnell genug, da musste man sich treffen und die PCs lokal vernetzen.»

(Quelle: )

Einige dieser Freunde spielten schon seit 2009 für den Schweizer Gaming Verein mYinsanity und gründeten 2013 zusammen eine Gaming-WG. Den Sprung in die Welt des professionellen Gamens wagten sie, als sie einen koreanischen Starcraft-Spieler für mYinsanity verpflichteten: Fortan würde dieser unter ihrem Namen, ähnlich wie ein Formel-1-Rennfahrer, an Meisterschaften antreten. Mit dem Talent aus Südkorea erreichte das Team internationale Bedeutung.

Wie fliesst Geld im eSport?

Unterdessen explodiert der Markt des eSports. Zuschauerzahlen an Wettkämpfen steigen; es entstehen Youtube-Stars, die aus «Let’s Plays» Millionen Views erzielen. Darauf springt der Werbemarkt ein und Investoren reissen sich darum, immer grössere Wettkämpfe zu finanzieren und immer professioneller organisierte Teams für sich zu gewinnen.

2014 hat Amazon die Gaming-Streamingplattform Twitch für fast eine Milliarde US-Dollars gekauft. Überall entstehen Ligen, angelegt an das Franchise-Modell aus dem US-Sport (NFL, NBA), in denen sich Teams einkaufen. Manuel Oberholzer: «Es war schnell sehr viel Geld in der Branche. Investoren machten Multimillioneninvestments und Löhne für Spieler explodierten.»

Das eSport-Lexikon

Jede Sportart hat ihren Jargon. Hier ist eine Auswahl verschiedener Begriffe, die im eSport-Bereich immer wieder vorkommen:

- Twitch: Die Videoplattform funktioniert wie YouTube, konzentriert sich aber primär auf Übertragungen von Videospielen, live oder nicht. Das Medium konkurriert mit den Techgiganten YouTube und Facebook, die eigene Plattformen für Gaming unterhalten. Gemäss Deloitte ist Twitch nach den beiden die drittbeliebteste Wahl von eSport-Fans.

- Let’s Plays: Spieler nehmen ihre Spielsessionen auf und übertragen sie auf Plattformen wie YouTube oder Twitch; oft nehmen sie sich via Webcam auch selber auf und kommentieren das Spiel über ein Mikrofon. Let’s Plays sind sehr beliebt und bekanntere Spieler können Millionen von Views erzielen.

- LAN-Party: Das Zusammenführen von Computern in einem lokalen Netzwerk (LAN=Local Area Network) zum gemeinsamen Videospielen. LAN-Parties können privat durchgeführt oder zu Grossanlässe werden, wie die von MYI Entertainment organisierte SwitzerLAN.
ESL: Die «Electronic Sports League» entstand im Jahr 2000 in Köln. Seither ist sie zur grössten weltweiten Organisation für eSports herangewachsen. Sie organisiert Wettkämpfe, Events und Ligen weltweit.

- League of Legends: Eines der grössten Videospiele im eSport. In diesem Echtzeit-Strategiespiel versuchen zwei Teams von fünf Spielern das gegnerische Hauptgebäude zu zerstören.

- Battle Royale: Spielmodus, bei dem sich Spielende in einem abgegrenzten Spielbereich, der im Laufe des Spiels immer kleiner wird, bekämpfen. Ziel ist es, am Ende als einziger Spieler bzw. als einziges Team zu überleben. Mit diesem Spielgenre hat sich Fortnite zu einem der grössten Videospiele in der eSport-Szene etabliert.

Wie hat sich Oberholzers Agentur den eigenen Markt aufgebaut?

Manuel Oberholzer und seine Mitstreiter Cédric Schlosser, Dominique Hostettler und Andreas Megert waren massgeblich am Aufbau der Schweizer Szene beteiligt: Neben dem mYinsanity Verein organisierten sie mit einem zweiten Verein LAN-Parties in der ganzen Schweiz. 2016 verwandelten sie die Vereine in eine Agentur für eSports und Gaming und trugen die ersten Pionierprojekte der eSport-Welt der Schweiz mit.

Zum Beispiel die mittlerweile grösste LAN-Party im deutschsprachigen Europa, die «SwitzerLAN» die nun Swisscom, Feldschlösschen und Ovomaltine zu ihren Sponsoren zählt. Für die BernExpo übernahm «MYI Entertainment» lange den Gaming-Teil der «Swisstoy»-Messe, bis mit dem «HeroFest» Videospiele einen eigenen Event in den Berner Hallen erhielten. Dazukommen Events im Verkehrshaus mit Red Bull sowie zahlreiche reine Online-Events wie der Logitech G Fortnite Cup im letzten Monat.

SwitzerLAN

SwitzerLAN

Zur Verfügung gestellt

MIY wächst und wächst

Zu Beginn war MYI für die vier Gründer eine Zweitbeschäftigung. Auch Oberholzer arbeitete zunächst neben seinem Wirtschaftsmaster am Aufbau des Unternehmens. Bis MYI Entertainment zu viel Zeit beanspruchte und er das Studium unterbrechen musste, um sich vollzeitig dem eSport zu widmen. Mittlerweile haben sich die Aktivitäten des Unternehmens diversifiziert: Nebst der Event-Planung bietet es Consulting- und Kommunikationsdienstleistungen an für Unternehmen, die in der Branche investieren möchten.

Das Interesse ist gross: Nebst dem TCS, der PostFinance und der Swisscom hat auch UPC eigene Spielligen kreiert, zahlreiche professionnelle Sportklubs wie der FC Basel unterhalten eigene Teams von eSportlern: Das birgt viele Möglichkeiten für Sponsoring, Produktplatzierung und Werbeverträge.
In der Schweiz erhalten Spieler noch keine Millionenbeträge; am Swisscom Gaming-Cup gewinnt der Fortnite-Sieger gerade mal 2000 Franken; es erscheinen aber ambitionierte Jungtalente aus der Szene, wie der 21-jährige Ruben Pereira, der für mYinsanity FIFA spielt und zu den Top-16 europaweit aufsteigen will.

Der virtuelle Sport wird immer professioneller

mYinsanity unterhält Teams in den beliebtesten Spielen, vom Fantasy-Game «League of Legends» zum Martial-Art-Blockbuster «Tekken». Die Spieler werden betreut durch eine Psychologin und Coaches, zum Training gehören rigorose Datenanalysen. Der virtuelle Sport professionalisiert sich zusehends, doch Manuel Oberholzer weiss: «eSport ist in der Schweiz noch nicht ganz etabliert; bei unseren Beratungen müssen wir nach wie vor sehr viel Erklärungsarbeit leisten, viele Leute verstehen noch nicht ganz, um was es geht.»

Innerhalb seiner Firma arbeiten die meisten der mittlerweile über 20 Mitarbeitenden aus Leidenschaft; sie verzichten vorläufig auf marktübliche Löhne, um der Firma die Möglichkeit zu lassen, in Herzens- und Zukunftsprojekte zu investieren.

Esports Event in der Red Bull Gaming World by Logitech G in Luzern Credits Armon Ruetz Red Bull Content Pool

Esports Event in der Red Bull Gaming World by Logitech G in Luzern Credits Armon Ruetz Red Bull Content Pool

Zur Verfügung gestellt

Leere Stadien, Zehntausende Online-Zuschauer

Die Coronakrise hat gemäss Deloitte die Branche in widersprüchlicher Weise beeinflusst: Zum einen negativ, weil viele Events abgesagt wurden. Aber sie hat auch dazu geführt, dass die Zuschauerzahlen europaweit stiegen. So auch in der Schweiz: «Bei der TCS eSport League waren die Zuschauer der wöchentlichen Liga-Matches spürbar zahlreicher», sagt Oberholzer. Während des Lockdown hat MIY eine eigene Fortnite-Liga lanciert.

Die «Rival Rock Series» ging durch die Decke und zählte nach einigen Wochen Zehntausende von Spielern. Getragen von Leidenschaft will MIY noch weiter gehen: Sie arbeiten aktiv an ihrer Deutschlandexpansion. Und weitere sportliche Erfolge: «Wir erheben den Anspruch, unsere Teams stets auf dem Podium der Schweizer Ligen zu erheben.»

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