Arbeitslosigkeit im Kanton
Solothurner Gewerkschafter: «Die Angst um den Job ist sehr gross»

Der Unia-Gewerkschafter Ivano Marraffino bleibt trotz stabilen Zahlen des Arbeitsmarkt pessimistisch. Obwohl die Arbeitslosenquote seit Beginn des Jahres nur leicht gestiegen ist, erwartet er weitere Verschlechterungen auf dem Arbeitsmarkt im Kanton.

Franz Schaible
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Ivano Marraffino sieht eine «vereinzelt funktionierende Sozialpartnerschaft».

Ivano Marraffino sieht eine «vereinzelt funktionierende Sozialpartnerschaft».

Hanspeter Bärtschi

Die Zahl der Menschen ohne Arbeit hat sich im Kanton Solothurn seit Januar trotz Frankenstärke nur leicht erhöht. Sind Sie überrascht?

Ivano Marraffino: Teilweise ja. Wir haben mit stärkeren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt im Herbst gerechnet, die Wechselkursproblematik hat nicht sofort auf die Beschäftigung durchgeschlagen. Die Mehrheit der Firmen war gut aufgestellt, die Auftragsbücher entsprechend voll. Aber es ist zu Kündigungen und Entlassungen gekommen und nicht wenige Betriebe haben reagiert und etwa die Arbeitszeiten bei gleichem Lohn verlängert.

Sie haben im Frühjahr vor einem massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit bis im Herbst gewarnt. Lagen Sie falsch?

Das wird sich noch weisen, aber das ist auch nicht entscheidend. Positiv ist, dass es vereinzelt den Sozialpartnern gelungen ist, die Folgen der Währungs- und Wirtschaftskrise abzufedern. Es gab dort keine massiven Einschnitte beim Personal und es hat sich gezeigt, wie wichtig die Ausarbeitung von Lösungen zwischen Unternehmen und Gewerkschaften als Vertreter der Belegschaft ist. Es ist und sollte in einer solchen Situation ein Nehmen und Geben sein, die Opfersymmetrie, dass die Arbeitgeber auch Zugeständnisse machten, spielt. Auch wir wollen Arbeitsplätze erhalten.

Heisst das, dass die Sozialpartnerschaft funktioniert?

Das kann vereinzelt bejaht werden. Dort, wo die Firmen transparent informieren und die Geschäftszahlen auf den Tisch legen, ist es oftmals möglich, Lösungen zu erarbeiten. In solchen Fällen sind die Mitarbeitenden eher bereit, auch über unpopuläre Massnahmen ihren Beitrag zur Überwindung von schwierigen Situationen zu leisten. Ich beobachte, dass immer mehr Firmen gewillt sind, die Gewerkschaften als Vertreter der Belegschaft mit an Bord zu holen, um von deren Know-how zu profitieren. Das ist eine Sozialpartnerschaft auf Augenhöhe. Natürlich auch im Eigeninteresse.

Sie haben nicht auf Vorrat gewarnt?

Nein. Wenn unsere Befürchtungen nicht eintreffen, umso besser. Aber die Sache ist noch lange nicht ausgestanden. Ich erwarte weiterhin eine deutliche Verschlechterung auf dem Arbeitsmarkt. Vereinzelt gab es ja Entlassungen, vorwiegend in der Industrie. Wir dürfen uns nichts vormachen, der Frankenkurs wird sich verstärkt auswirken.

Ist denn die Rationalisierungszitrone wirklich ausgepresst?

Ja. Die Firmen haben alle Massnahmen im Bereich Rationalisierung oder Automatisierung unternommen oder vollziehen diese gerade. Die Produktivität ist sehr hoch.

Zeigt die Statistik ein reales Bild?

Nur teilweise. Über alles gesehen ist die Arbeitslosenquote immer noch tief. Es sind Durchschnittswerte über alle Branchen hinweg. Gerade im Kanton Solothurn gehen in der Industrie aber viele Arbeitsplätze verloren. Das ist Fakt. Dabei sind diese sehr wichtig, weil ohne Fertigung auch der Standort für Forschung und Entwicklung gefährdet ist. Der Abbau findet nicht im grossen Stil wie im Fall Scintilla oder Papierfabrik Sappi statt. Vielerorts werden Temporärstellen abgebaut oder befristete Verträge nicht verlängert. Er erfolgt versteckt in kleinerem Umfang und die meisten Abbaumassnahmen werden gar nicht publik. Gerade in der Industrie spüren wir, dass unter den Beschäftigten die Ängste und Sorgen um den Arbeitsplatz sehr gross sind. Einige Unternehmen missbrauchen dies.

Wie sehen Sie die Lage im 2016?

Ich bleibe pessimistisch. Solange es keine Garantie für einen schwächeren Franken gibt, werden die Arbeitnehmer darunter leiden. Die Unsicherheit auf beiden Seiten ist hoch und das ist Gift für Arbeitgeber wie Arbeitnehmende. Die Frankenstärke muss aktiv bekämpft werden – ob jetzt durch eine neue Mindestkursgrenze oder durch die Anbindung an einen Währungskorb ist nicht entscheidend. Die Nationalbank ist in der Pflicht, andernfalls wird sie zum grossen industriellen Arbeitsplatzabbauer.

Sie wären nicht unglücklich, wenn Sie mit ihrer Prognose falsch liegen?

Nein. Ich hoffe, dass ich mich mit meinem negativen Ausblick irre. Ich wäre dann ein Warner gewesen, aber wenn es besser kommt, ist das umso besser. Es wird jetzt interessant sein zu beobachten, wie es mit den Massnahmen wie Arbeitsverlängerung weitergehen wird und wie sich die Geschäftszahlen Ende Jahr präsentieren. Erhöhte Arbeitszeiten können nicht endlos angeordnet bleiben. Irgendwann wird der Tag kommen, wo über deren Weiterführung und die entsprechenden Folgen entschieden werden muss.

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