Sie ziehen die Mundwinkel nach oben, sie lassen ihre Zähne blitzen, sie drücken sich die Hände. Alles ganz locker. Für den Fotografen strahlen Barbara Wyss Flück (52), René Kühne (59) und Markus Dietschi (40) in die Kamera. Sie sind Konkurrenten. Alle drei betonen aber, wie gut man sich verstehe und wie gern man zusammenarbeite. Also posieren sie auf dem Betonpodest und lachen miteinander.

Dabei gehört es zu den Eigenheiten dieses Wahlkampfs, dass keiner so recht etwas zu lachen hat: Dietschis BDP, Kühnes Grünliberale und die Grünen von Wyss Flück sollen laut dem Wahlbarometer die Verlierer der Wahlen vom 18. Oktober sein.

Die Politiker sind Aushängeschilder ihrer Partei. Barbara Wyss Flück prägt die grüne Politik als Fraktionschefin im Kantonsrat, Markus Dietschi tut selbiges als Präsident der BDP. Beide kandidieren für den Nationalrat und dürften ein Spitzenresultat auf ihrer Liste erzielen. René Kühne verzichtet auf eine Kandidatur – seit einigen Monaten wohnt der Solothurner Parteipräsident im Kanton Bern. Im Hintergrund aber orchestriert der Arzt den grünliberalen Wahlkampf.

Dann eben Zweckoptimismus

Es sind die Gemeinsamkeiten, die auch beim Programm auffallen: GLP, BDP und Grüne positionieren sich als Garanten der Energiewende. Gleichzeitig sichern sie mit Listenverbindungen die Sitze von grösseren Parteien. Die Grünen bilden eine Allianz mit der SP, in der Mitte koalieren BDP, GLP und EVP mit der CVP.

Sind sie damit Königsmacher? Oder nur Steigbügelhalter? Letztlich geht es um Wahlarithmetik. Doch im Gespräch mit dieser Zeitung, bei Milchkaffee und Wasser, sorgen die Fragen zu den Listenverbindungen zuerst für kollektives Kopfschütteln.

Die Antworten sind wortreich. Sie versprühen den gleichen Zweckoptimismus, mit dem sie den Ausgang der Wahlen erwarten. Kurzgefasst heisst es bei allen: Man versuche nur, das Beste aus dem herrschenden System zu machen. «Ohne Listenverbindungen würden viele Stimmen im Papierkorb landen», sagt René Kühne. Für Markus Dietschi sind sie «ein Weg, der jeder Partei offensteht». Derweil sieht Barbara Wyss Flück «ohne Wahlreform schlicht kein anderes Mittel».

Grünliberale Kanton Solothurn - Für die Freiheit des Einzelnen

Grünliberale Kanton Solothurn - Für die Freiheit des Einzelnen

Dieses Mittel ist auch ein Instrument der Macht, das wissen besonders die Grünen und die GLP. Lange liessen sie ihre jetzigen Listenpartner zappeln. Bevor sie ihre Bündnisse besiegelten, verhandelten die beiden Ökoparteien zeitweise sogar selbst miteinander.

Das grosse Pokern

Die GLP pokerte schliesslich bis wenige Tage vor dem Eingabeschluss der Wahllisten – was BDP-Präsident Dietschi öffentlich kritisierte. Doch die Grünliberalen wollten sich nicht bedingungslos einem Mittebündnis unterwerfen. Auch wenn ihr Chefstratege Kühne, ein Mann der Mitte, damit wohl seinem Herzen gefolgt wäre.

Von «angeblichen Machtspielchen» mag er nichts hören. Man habe nur gerechnet und Szenarien durchgespielt, sagt Kühne. «Denn die Mitte und die Linke sollen ihre vier Sitze halten können. Wir haben geschaut, wer unsere Stimmen besser brauchen kann.» Als wolle er seinen Worten noch mehr Gewicht verleihen, beugt er sich nach vorne, hebt die Hände und verharrt für einige Sekunden.

Barbara Wyss-Flück (Grüne) -  Konsequenter Umweltschutz

Barbara Wyss-Flück (Grüne) - Konsequenter Umweltschutz

Die anderen nicken stumm. Denn auch sie wissen, dass zwischen Kalkül und Ideologie immer eine Erkenntnis steht: Ein eigenes Mandat liegt vorerst nicht drin, wenn der Kanton Solothurn künftig nur noch sechs statt sieben Sitze im Nationalrat hat.

Vor Richtungswahl

Für die Grünen gibt es etwas, das noch bitterer ist. Obwohl sie da wieder nicht viel dafür können: Ihr wichtigstes Thema ist mehrheitsfähig geworden. Auch bürgerliche Parteien unterstützen die Energiewende und den Ausstieg aus der Atomkraft. Diese Pläne werden aber kaum mehr mit den Grünen verknüpft. Und viele der grünen Forderungen bleiben gar unerfüllt, weil die Bürgerlichen auf einen Ausstieg ohne fixe AKW-Laufzeiten pochen.

Barbara Wyss Flück zuckt mit den Achseln. «Es stimmt», sagt sie und holt Luft, «wir stehen vor einer Richtungswahl für die Energiewende.» Natürlich ist sie nicht zufrieden mit der geplanten Umsetzung. Doch immerhin würden grüne Themen nun von anderen Parteien aufgegriffen.

Das Prinzip von Sozialarbeiterin Wyss Flück ist die Vorwärtsverteidigung: «Die Bevölkerung wird das Heft selbst in die Hand nehmen können.» Sie blickt schon auf die nächsten Jahre. 2016 soll die Initiative der Grünen für feste AKW-Abschalttermine vors Volk kommen. Später dann die Initiative «Für eine grüne Wirtschaft».

Markus Dietschi (BDP) - Moderatkonservativ

Markus Dietschi (BDP) - Moderatkonservativ

Die BDP nimmt für sich in Anspruch, als erste Partei des bürgerlichen Lagers einen geordneten Atomausstieg gefordert zu haben. Das betont sie auch im Wahlkampf gern. Eine Abgrenzung nach rechts? Jedenfalls steigert Markus Dietschi bei diesem Thema sein Sprechtempo und zieht ein paar Zettel aus seiner Mappe. Der Landwirt sagt, die Energiewende sei eine Chance für die Schweiz. Man müsse sie nun aber entschlossen in Angriff nehmen. «Wer denkt, Atomstrom sei sauber, hat noch nichts begriffen.»

Wie Dietschi zeigt sich auch René Kühne überzeugt, dass die Mehrheit der Bevölkerung aus der Atomenergie raus will. Eine Gefahr wittert der GLP-Präsident jedoch: Kommt es zu einem Rechtsrutsch, könnte das die Energiewende schwächen. Es ärgert ihn, dass die SVP und die FDP «einen Marschhalt zum Wohle der Wirtschaft» fordern. «Grosse Teile der Wirtschaft wollen die Wende», sagt Kühne.

Gerade nicht so wichtig

Und René Dietschi ergänzt: Ein Umbau des Energiesystems sei nicht nur gewünscht, sondern machbar und auch finanzierbar.

Wieder nicken alle. Wie der Umbau genau geschehen soll, darüber sind sie geteilter Ansicht. Im Grundsatz aber sind sie sich einig. Und auch ihre Gegner sind die gleichen.

Gestört wird diese Eintracht nur von der politischen Konjunktur. Ökologische Themen sind den Wählern gerade nicht so wichtig. Sorgen bereiten ihnen viel mehr das Verhältnis zur EU und die Folgen der Frankenstärke. Dominiert wird der Wahlkampf von der Asylpolitik. Spätestens hier ist es auch vorbei mit der Nähe, das zeigen die Politprofile der Gesprächspartner (siehe oben).

Die Lust am Debattieren

Zum Schluss entspinnt sich dann eben ein Gespräch über Themen, die nach eigenem Empfinden zu wenig debattiert werden. Man kann Barbara Wyss Flück dabei zuhören, wie sie gegen Stimmungen anredet, die «über den sozialen Frieden hinwegschauen». Man lauscht Markus Dietschi, der Position bezieht für die bessere Integration von Frauen im Arbeitsmarkt. Man folgt René Kühne, wie er sich mehr Diskussionen über Datenschutz und staatliche Überwachung wünscht.

Und dann scheinen alle fast ein wenig traurig, als die Zeit herum ist. Vielleicht entwickelt sich die Lust am Debattieren ja besonders dort, wo es keinen natürlichen Machtanspruch gibt.