Stau
Passieren wegen Tempo-Reduktionen auf der A1 mehr Unfälle?

Die Unfallzahlen auf der Autobahn zwischen Wangen an der Aare und Egerkingen häufen sich seit 2013. Ist das Verkehrsmanagement schuld?

Sébastian Lavoyer
Drucken
Teilen
Ist das schlechte Verkehrsmanagemen schuld an Unfällen auf der A1? (Symbolbild)

Ist das schlechte Verkehrsmanagemen schuld an Unfällen auf der A1? (Symbolbild)

Polizeibild

Stau nervt, Stau ist gefährlich, Stau provoziert Unfälle. Und für Rémy Wyssmann ist klar: Staus und Unfälle haben auf seiner täglichen Strecke zur Arbeit von Kriegstetten nach Oensingen zugenommen.

Eines vorneweg: Der Hauptgrund für die ewigen Staus auf der A1 ist, dass bei der Planung und Projektierung in den 60er- und 70er-Jahren mit einem Verkehrsaufkommen von 40'000 Fahrzeugen pro Tag gerechnet wurde. Heute passieren an Werktagen fast 95'000 Fahrzeuge (davon rund 8 Prozent Lastwagen) die A1 an besagter Stelle. Allein in den letzten zehn Jahren stieg dort die Anzahl der täglich passierenden Fahrzeuge von 84'030 (April 2005) auf 95'959.

Doch Wyssmann, Vertrauensanwalt des Schleudertraumaverbands, vermutet, dass mehr dahinter steckt. Er denkt, dass die temporeduzierten Teilstrecken auf dem Solothurner A1-Abschnitt zur Häufung von Unfällen beigetragen haben. Vor allem, dass diese nicht koordiniert sind. So wird das Tempo zwischen Wangen an der Aare und Oensingen jeweils zwischen 6.30 und 8.00 Uhr und 16.30 und 18.00 Uhr auf 100 km/h reduziert. Im nachfolgenden Abschnitt Oensingen–Härkingen wird das Tempo dagegen in Abhängigkeit des Verkehrs reduziert (siehe Grafik).

Ist schlechtes Verkehrsmanagement an Unfällen schuld?

Ist schlechtes Verkehrsmanagement an Unfällen schuld?

zvg

Unfälle durch Verunsicherung

Es kann also zur paradoxen Situation kommen, dass man in Wangen a. d. A. bremsen muss und dann in Oensingen wieder beschleunigen darf, weil das Verkehrsaufkommen eigentlich keine Temporeduktion erfordern würde. Wyssmann: «Es verunsichert die Verkehrsteilnehmer doch, wenn das Tempo die ganze Zeit variiert.» Und die Verunsicherung provoziert Unfälle.
Die Unfall-Statistik für den entsprechenden Autobahnabschnitt scheint diesen Eindruck zu belegen (siehe Tabelle).

Warum also die unterschiedlichen Verkehrsmanagementsysteme? Thomas Rohrbach, Mediensprecher des Bundesamtes für Strassen (Astra), erklärt: «Die Strecke Luterbach–Oensingen wurde im Sommer 2007 fertig saniert. Man verfügt auf diesem Abschnitt nicht über die Technologie, die es bräuchte, um situativ das Tempo anzupassen. Im Gegensatz dazu ist die 2014 fertiggestellte Strecke Oensingen–Härkingen auf dem neusten Stand.»

Auffällig ist, dass die Unfallzahlen erst dann zu steigen beginnen, als beide Systeme in Betrieb kamen. Von 2013 auf 2014 nehmen die Unfälle um über zehn Prozent zu. Dasselbe im Folgejahr. Ein eindeutiger Zusammenhang, oder? «Ich kann es nicht widerlegen», so Rohrbach, «doch ich vermute, dass die Unfälle wegen der Baustelle zurückgingen.

Wir beobachten ja jetzt, dass die Zahlen sich langsam wieder den Werten angleichen, bevor gebaut wurde (Anm. d. R.: 2011). Zudem ist das neue System erst seit Anfang 2015 in Betrieb. Man kann also den Anstieg 2014 nicht damit erklären.»

Bringens Temporeduktionen?

Der Verdacht bleibt. Und man fragt sich, warum das veraltete System nicht aufgerüstet wird. Schuld sind zum einen die Aussicht darauf, dass die Strecke Luterbach–Oensingen ab 2022 während voraussichtlich acht Jahren auf sechs Spuren ausgebaut wird, und zum anderen die Kosten. Das situative Verkehrsmanagementsystem kostet rund eine Million Franken pro Kilometer, würde bei mehr als zwölf Kilometern, die aufzurüsten wären, über zwölf Millionen machen.

SVP-Nationalrat Walter Wobmann mag nicht bis 2022 warten. Er zweifelt ganz allgemein daran, dass Temporeduktionen die Sicherheit erhöhen. Deshalb will er am Montag den Bundesrat einschalten. Der soll ihm die Frage beantworten, warum man das Tempo zwischen Wangen a. d. A. und Härkingen reduziert und ob das unkoordinierte Hin- und Herschalten nicht die Sicherheit beeinträchtige.

Rohrbach hält dagegen: «Es ist wissenschaftlich erwiesen und unbestritten, dass der Verkehr am flüssigsten ist, bei einer Geschwindigkeit von 87 km/h.» Er kann zwar nachvollziehen, dass für viele Autofahrer «ein leuchtender 100er wie eine Provokation» erscheine, vor allem wenn der Verkehr nicht stockt. Doch die starre Temporeduktion müsse dann beginnen, wenn der Verkehr noch flüssig ist. Staut es, ist es zu spät. Und «Nichts ist so tödlich, wie wenn der Verkehr nervös ist.»

Gebt den Pannenstreifen frei!

Wobmann hätte auch hier ein besseres Mittel und fordert: Gebt den Pannenstreifen frei! Das macht man zu den Stosszeiten heute schon zwischen Morges und Ecublens. Ziemlich erfolgreich, wie Rohrbach eingesteht: «Es gibt 90 Prozent weniger Stau, weniger Unfälle und sogar die Luft ist besser geworden.» Für die A1 im Kanton ist die Lösung trotzdem kein Thema: zu teuer. Rund 30 Millionen kostete der Ausbau für die sechs Kilometer zwischen Morges und Ecublens. Die Strecke Luterbach–Oensingen ist gut doppelt so lang.

Es gäbe noch weitere Möglichkeiten, den Verkehr zu regulieren und Staus zu verhindern. Die einfachste: «Wir schliessen die Hälfte unserer rund 420 Zu- und Abfahrten», so Rohrbach. Aber: «Das gäbe Unmut und Chaos.» Also: keine Option.

Überholverbote für Lastwagen seien auf den vierspurigen Abschnitten der A1, soweit möglich und sinnvoll, bereits umgesetzt. Da bleibt bloss noch die Rampenbewirtschaftung, also die Regulierung der Zufahrten durch Ampeln. Sie sind fast so unbeliebt wie die Schliessung von Anschlüssen und auch nur an bestimmten Orten sinnvoll umsetzbar. Daher kaum eine Option.

Der TCS pocht auf den Ausbau auf sechs Spuren, hält aber zugleich fest, dass zum Gelingen insbesondere der situativen Temposteuerung die Information der Verkehrsteilnehmer zentral sei. «Diese funktioniert aber bei den heutigen Testbetrieben noch nicht optimal, was die Wirksamkeit erheblich reduziert», sagt TCS-Mediensprecher Daniel Graf.

In Zukunft könnte das über Einblender auf den Bildschirmen in den Autos geschehen. «Das Tempo wird hier reduziert, um einem Stau vorzubeugen», könnte dann über den Schirm flimmern. Bis dahin heisst es für alle Verkehrsteilnehmer: Ruhe bewahren, wenn statt 120 plötzlich 100 aufleuchtet. Die Reduktion richtet sich gegen den Stau – nicht gegen Sie!

Aktuelle Nachrichten