Asylwesen
Papierkram und Sprache als Hindernis für arbeitssuchende Flüchtlinge

Wann ist die Wirtschaft bereit, Flüchtlinge einzustellen? Jetzt haben sich erstmals in einer Studie Solothurner Unternehmer geäussert. Es zeigt sich: Firmen machen sich beim Einstellen von Flüchtlinge zum Teil wohl mehr Sorgen als nötig.

Lucien Fluri
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Der aus Afghanistan geflüchtete Reshad Afzali hat eine KV-Lehrstelle gefunden. Am Mittwoch hat er, befragt von der kantonalen Medienbeauftragten Andrea Affolter, in der Zuchwiler Regiomech erzählt, was ihm dabei geholfen hat. Anlass war die Präsentation einer Studie, die eruiert hat, wann Unternehmen Flüchtlinge anstellen.

Der aus Afghanistan geflüchtete Reshad Afzali hat eine KV-Lehrstelle gefunden. Am Mittwoch hat er, befragt von der kantonalen Medienbeauftragten Andrea Affolter, in der Zuchwiler Regiomech erzählt, was ihm dabei geholfen hat. Anlass war die Präsentation einer Studie, die eruiert hat, wann Unternehmen Flüchtlinge anstellen.

T. Ulrich

Was hindert Solothurner Unternehmer daran, Flüchtlinge einzustellen? Das wollte der Kanton wissen. Denn dass Flüchtlinge oft über lange Zeit Sozialhilfe beziehen, ist eine Tatsache, die regelmässig für politischen Zündstoff sorgt.

Im Kanton gehen nur gerade 31 Prozent der rund 1400 anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen, die erwerbstätig sein könnten, einer Arbeit nach. Um dies ändern zu können, haben die beiden Fachhochschulstudentinnen Michèle Fehlmann und Lea Widmer im Auftrag des Kantons und der Solothurner Wirtschaftsverbände untersucht, welche Faktoren es begünstigen und welche es erschweren, dass Firmen Flüchtlinge einstellen. 358 Solothurner Unternehmen haben sich an ihrer Umfrage beteiligt. Davon hat ein Fünftel bereits Flüchtlinge angestellt.

Hindernisse haben die beiden Studienautorinnen einige ausgemacht. Unternehmen zögern mit dem Einstellen von Flüchtlingen etwa, wenn sie Konflikte aufgrund kultureller Unterschiede befürchten. Entscheidendes Kriterium ist jedoch die Sprache. Die Hälfte der befragten Betriebe verlangt gute Deutschkenntnisse, rund 30 Prozent gar «sehr gute». Dagegen genügen gerade bei einfacheren Tätigkeiten oft die Deutsch-Grundkenntnisse. Unternehmen gewichten dann den Willen, arbeiten zu wollen höher. Für einen Drittel der Unternehmen ist eine Berufslehre wichtig. Oft arbeiten Flüchtlinge jedoch «in einfachen Tätigkeiten», wo sie die Fähigkeiten über Learning on the Job erwerben.

Administrativer Aufwand schreckt ab

Ein weiteres Hindernis, Flüchtlinge einzustellen, ist der Papierkrieg. «Der administrative Aufwand ist ein nicht zu unterschätzender Hinderungsgrund», heisst es in der Studie. Gerade bei der Zusammenarbeit mit dem Migrationsamt ist knapp ein Drittel der Unternehmen laut der Studie unzufrieden. Der Weg zwischen dem Einreichen eines Gesuchs und dem Entscheid des Amtes sei sehr lang. «Die Praxis, mehrerer Formulare ausfüllen zu müssen für den Erhalt einer Arbeitsbewilligung, sollte durch eine einmalige Anmeldung mit einem Formular, welches online zu beziehen ist, ersetzt werden», heisst es in der Studie. Hier konnte Anne Birk, Fachstellenleiterin im kantonalen Amt für soziale Sicherheit, Verbesserungen ankündigen (vgl. Text unten), als die Studie gestern in der Zuchwiler Regiomech vorgestellt worden ist. Der Ort war übrigens nicht zufällig gewählt: Gerade mit Arbeitsintegrationsprogrammen, wie sie die Regiomech, das Netzwerk Grenchen oder die Oltech anbieten, sind die Unternehmen sehr zufrieden. Oft sind sie der Grund, warum ein Flüchtling eine Stelle findet.

Doch aus welchen Gründen stellt ein Unternehmen Flüchtlinge ein? Auch dazu gibt die Studie Antworten: Einerseits fehlen in gewissen Branchen die Arbeitskräfte. Andererseits treibt auch ein soziales Verantwortungsgefühl die Unternehmen an. Kostengünstige Arbeitskräfte standen für kaum einen Betrieb im Vordergrund.

Die Mehrheit würde es wieder tun

Eine positive Nachricht gibt es in der Studie: Drei Viertel der Betriebe, die einen Flüchtling beschäftigen, haben positive Erfahrungen gemacht. Sie würden grösstenteils wieder Flüchtlinge einstellen. Die Studie hat auch gezeigt, «dass die befürchteten Schwierigkeiten als schwerwiegender eingeschätzt werden, als diese in Unternehmen mit Flüchtlingen real erfahren werden.»

Dass es durchaus eine Bereicherung sein kann, Flüchtlinge zu beschäftigen, sagte gestern Romy Geiser, stellvertretende Geschäftsführerin der Derendinger Industrie-
lackierwerke Brönnimann. Die Firma beschäftigt derzeit sieben Flüchtlinge. «Wir sind erfolgreich unterwegs. So viel Mehraufwand ist das nicht», sagte Geiser. Sie empfahl interessierten Unternehmen insbesondere die Praktika, die schnell zeigten, ob und wie gut es zwischen Arbeitgeber und potenziellem Arbeitnehmer klappt.

Der Kanton ist bereits daran, erste Massnahme umzusetzen

Der Kanton hat bereits eine erste Lehre aus der gestern präsentierten Studie gezogen. Er startet eine Informations- und Sensibilisierungskampagne, damit Firmen die Bedenken genommen werden und Flüchtlinge besser in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Gemeinsam mit dem kantonalen Gewerbeverband und der Handelskammer hat der Kanton einen Flyer lanciert, der an Unternehmen verteilt werden kann. Er enthält die wichtigsten Informationen. Zudem überprüft der Kanton in den bestehenden Strukturen eine Beratungs- und Begleitungsstelle aufzubauen, an die sich Arbeitgebende bei Fragen und Problemen wenden können.
Geprüft werden noch weitere Verbesserungensmassnahmen, die die Studie vorschlägt:

- Für Firmen, die Flüchtlinge einstellen, sollen Einarbeitungszuschüsse geprüft werden.

- Im neuen kantonalen Integrationsprogramm, dem sogenannten KIP II, will der Kanton stärker auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt fokussieren. Das Programm beginnt 2018.

- Die Sprachkurse könnten für verschiedene Zielgruppen ausgebaut und auch nach einer Ablösung von der Sozialhilfe finanziert werden.

- Niederschwellige Ausbildungsangebote für Personen über 25 Jahren sollen aufgebaut werden. Bereits 2018 werden, wenn der Bund zustimmt, Integrations-Vorlehren angeboten.

- Damit die Arbeitssuche gelingt, sollte das Coaching von Flüchtlingen auf- und ausgebaut werden. Weiter sollte das Migrationsamt ein Schreiben mit Informationen zum administrativen Ablauf ausstellen, das Bewerbungen beigelegt werden kann.

- Auch administrativ wird es Erleichterungen geben: Der Bund wird auf Anfang 2018 hin die Sonderabgabe von vorläufig aufgenommenen Personen abschaffen und das Bewilligungsverfahren soll durch ein einfaches Meldeverfahren ersetzt werden. Zudem prüft auch das kantonale Migrationsamt Vereinfachungen. (lfh)

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