Stadttheater Solothurn
Onkel Wanja: «Gibt es kein wirkliches Leben, nimmt man eben die Illusion»

1899 hat Anton Tschechow mit «Onkel Wanja» die Theaterwelt ein Stück weit verändert. Er brachte erstmals die menschliche Psyche, das Ringen jedes Einzelnen mit seinem Schicksal auf die Bühne. Das Tobs-Schauspielensemble zeigt emotional und mit Humor an der Premiere, wie.

Fränzi Zwahlen-Saner
Drucken
Teilen
Erste Szene mit Günter Baumann als Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow und Barbara Grimm als Amme Njanja
5 Bilder
TOBS spielt Onkel Wanja
Nächtliches Saufgelage: Arzt Michail Lwowitsch Astrow (Tim Mackenbrock), Ilja Iljitsch Telegin (Andreas Krämer) und Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Jan-Philip Walter Heinzel) trinken Vodka.
Onkel Wanja (Jan-Philipp Walter Heinzel) und Sonja (Fernanda Rüesch) verzweifeln an ihren verpassten Chancen.
Die schöne Elena ist ein bisschen verliebt in Arzt Michail Lwowitsch Astrow

Erste Szene mit Günter Baumann als Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow und Barbara Grimm als Amme Njanja

Ilja Weiss

Onkel Wanja (Jan-Philip Walter Heinzel) lebt zusammen mit Sonja (Fernanda Rüesch), der Tochter seiner verstorbenen Schwester, auf einem Landgut, das Sonja gehört, in Russland. Zum Haushalt zählen noch die alte Amme Njanja (Barbara Grimm), Wanjas Mutter Maria (Giulietta Odermatt) und Ilja Iljitsch (Andreas Krämer), ein verarmter Gutsbesitzer. Gelegentlich werden sie vom Arzt Astrow (Tim Mackenbrock) besucht, in den Sonja seit sechs Jahren heimlich verliebt ist.

Wanja erarbeitet zusammen mit Sonja auf dem Gut das Auskommen für seinen Schwager Alexander Serebrjakow (Günter Baumann), der früher ein angesehener Wissenschafter war und noch immer von allen bewundert wird. Er ist der Mann von Wanjas verstorbener Schwester und Vater von Sonja. Jetzt ist er im Ruhestand und verheiratet mit der schönen jungen Elena (Atina Tabé).

Alexander lebt in der Stadt und besucht nun zusammen mit Elena das Gut – wie lange, ist unklar, denn: «Das Leben in der Stadt ist teuer». Hier auf dem Land kann man sich gut einrichten, sich bedienen lassen. Damit wird der Alltag der Gutsbewohner ziemlich auf den Kopf gestellt. Alle vernachlässigen ihre Arbeit, denn man muss sich doch um die Gäste kümmern. Insbesondere Wanja und Astrow sind von der Schönheit von Elena irritiert, machen ihr den Hof und stellen ihr bisheriges Leben und Schaffen völlig beiseite.

Doch im Verlauf der Zeit erkennt insbesondere Wanja, dass er für seinen Schwager 25 Jahre lang geschuftet hat, im Glauben, dass dieser eine wertvolle Rolle in der Gesellschaft spiele. Dabei ist Serebrjakow ein Profiteur und Schmarotzer, der wehleidig seine Mitmenschen tyrannisiert und sowieso die Liebe seiner Frau nicht verdient hat.

Auch Sonja erkennt im Verlauf der Handlung, dass ihre Liebe zu Astrow sinnlos ist, dieser sie höchstens als gute Freundin schätzt, denn sie weiss: «Ich bin hässlich. Wenn jemand sagt, Du hast schöne Augen oder schönes Haar, dann weisst Du, dass du hässlich bist.» Sie versucht, sich mit Elena anzufreunden, diese als Überbringerin von Liebesbotschaften zu gewinnen. Doch: Was wäre, wenn ihre Liebe erwidert würde? Will sie das überhaupt?

Auch die schöne Elena erkennt, dass sie ihr Leben allein auf ihr Äusseres gebaut hat, dass sie immer nur am Warten ist und sie wagt zaghaft, sich einzugestehen, dass sie sich ebenfalls zu Astrow hingezogen fühlt. Dieser vergisst ob seiner Verliebtheit seine Pflichten gegenüber seinen Patienten und seinem Naturschutzprojekt völlig. Ein Gewitter fegt über den Gutshof, draussen in der Natur – ebenso drinnen. Es entlädt sich, und danach ist alles wieder beim Alten. Serebrjakow und Elena reisen ab – was ändert sich? Wahrscheinlich nichts, nur dass man älter wird, genauso wie Njanja, die Kinderfrau.

An Woody Allen erinnert

Katharina Rupp hat für «Onkel Wanja» das gesamte Ensemble des Tobs gemeinsam auf die Bühne gebracht und dieses beweist, wie gut sich die Schauspieler untereinander verstehen und ergänzen. Rupp inszeniert mit einer feinen Klinge für Humor, einem Woody Allen ähnlich. Das Thema «Naturschutz vor 100 Jahren» wird zur Parabel: Sinnloses Abholzen von Wäldern gleicht sinnlosem, unproduktivem Dasein.

Jan-Philipp Walter Heinzel zeigt als Onkel Wanja eine reife Leistung. Er tobt, schmeichelt, sauft sich durch die Szenen und auch Fernanda Rüesch ist Sonja, mit ganzer Verzweiflung, Resignation und aufgesetztem Optimismus. Tim Mackenbrock hat es etwas einfacher. Sein Astrow ist ein intellektueller Mensch, der seine Gefühle – ausser in der Trinkszene – unter Kontrolle hat. Der eleganten Atina Tabé sieht man als zweifelnder Elena ganz einfach gerne zu. Und dann ist da Barbara Grimm. Wie sie die Nebenrolle der zitternden alten Kinderfrau, die trotz Gebrechlichkeit ihre Würde bewahrt, ausfüllt, begeistert. Sie ist es, die allen der sichere Anker in der sich zerstörenden Atmosphäre darstellt.

Im ersten Akt werden Videosequenzen von Olivier Truan eingespielt, die deutlich machen, wo das Stück zu verorten ist. Von der Bühne her riecht es nach Birkenholz und Häkselgut (Bühnenbild und Kostüme Karin Fritz) – alles stimmig und nicht überladen. Tschechows «Wanja» ist keine einfache Theaterkost, die sich jedoch allemal lohnt, genossen zu werden.

Weitere Aufführungen in Solothurn: 18. 11., 1. 12., 6. 12., 10. 12., 14. 12.;

Premiere in Biel: 29. 11.

Aktuelle Nachrichten