wertvoll
Nicht ganz günstig, aber höchst lehrreich: der Journalistenaustausch

Um wertvolle Erfahrungen zu sammeln kann die journalistische Tätigkeit in einer anderen Umgebung durchaus bereichernd sein. Solche Projekte – auch wenn sie nicht allzu erschwinglich sind – werden von der Gottlieb-und-Hans-Vogt-Stiftung unterstützt.

Theodor Eckert
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Während einem Journalistenaustausch können wertvolle Erfahrungen gesammelt werden.

Während einem Journalistenaustausch können wertvolle Erfahrungen gesammelt werden.

Keystone

Bis Ende August werden von unserem Kantonsredaktor und Reporter Lucien Fluri keine Solothurner Geschichten zu lesen sein. In der einen oder andern Amtsstube dürfte dies mit Erleichterung zur Kenntnis genommen werden, hat doch der 32-Jährige wiederholt mit brisanten Recherchen für gehörigen Wirbel gesorgt.

Fluri weilt derzeit in der deutschen Hauptstadt. Im Rahmen eines Journalistenaustauschs kann er auf den Redaktionen der «Berliner Zeitung» und des «Berliner Kuriers» wertvolle Auslanderfahrungen sammeln. Das Projekt wird von der Gottlieb-und-Hans-Vogt-Stiftung finanziert, der ehemaligen Besitzerin des Solothurner Medienunternehmens Vogt-Schild, das bis 2009 auch diese Zeitung herausgegeben hat.

Die Idee «Solothurner Korrespondent» hat Stiftungsrat Peter Rothenbühler lanciert. Präsidiert wird die Stiftung übrigens von Niklaus Studer. Ebenfalls mit dabei sind bekannte Namen wie Raoul Stampfli oder Anita Panzer. Auch bei ihnen ist Publizist Rothenbühler mit seinem Projekt auf offene Ohren gestossen.

Auf die Frage, ob er viel Überzeugungsarbeit habe leisten müssen, sagt er: «Nein, die Stiftungsratsmitglieder haben dies sofort unterstützt. Wir fanden alle, dass dies der beste Preis für guten Journalistennachwuchs ist. Allerdings ist es wahrscheinlich auch der teuerste.» Ungeachtet dessen handelt es sich dabei um ein längerfristiges Engagement.

Gemäss dem ehemaligen Ringier- und Tamedia-Mann möchte die Stiftung diese Chance jedes Jahr einem Solothurner Medium anbieten. «Leider haben einige Redaktionen wenig Lust, ihre guten Leute ein paar Monate wegzuschicken», fügt Rothenbühler etwas ernüchtert an. Er ist jedoch überzeugt, dass es sich dabei um eine sinnvolle Sache handelt: «Die ersten beiden Austausch-Erfahrungen waren sehr positiv, sowohl für die beteiligten Journalisten wie für die Leser», erinnert sich der in Biel aufgewachsene 67-Jährige. Dann ergänzt er: «Jeder Journalist sollte unbedingt mal eine andere Medienwelt erleben, der Austausch ist beste Weiterbildung.

Wer ins Ausland arbeiten geht, sieht auch, wie idyllisch die Verhältnisse bei uns trotz Sparprogrammen immer noch sind.» Rothenbühler ist überzeugt, dass auch «für die Redaktionen der Empfang eines Kollegen aus einem andern Land ein enormer kultureller Gewinn ist. Für mich ist klar: Gedanken- und Erfahrungsaustausch sind beste Weiterbildung.»

Völlig anderes Klima

Lucien Fluri ist Anfang Monat abgeflogen und hat seine Arbeit am vergangenen Montag aufgenommen. Hier seine ersten ungefilterten Eindrücke: «Ich bin ganz gut gestartet, privat und auf der Redaktion. Alles ist hier ein paar Nummern grösser. Die Leute sind sehr höflich, der Umgangston ist aber scharf und sehr formal. Während in der Schweiz alle Journalisten per Du sind, siezt man sich hier meist. Im ersten Monat bin ich in der Politik- und Wirtschaftsredaktion tätig.» Und weiter: «Zusammen mit einigen älteren, hochverdienten Journalisten produzieren wir vergleichsweise wenige Seiten täglich. Hauptsächlich geht es darum, Themen zu definieren, Texte für die Wirtschaft, das Inland und das Ausland. Der Einblick ist jedenfalls sehr interessant.»

Unser Kollege in Berlin wird sich also primär auf seine Aufgaben vor Ort konzentrieren. Wir gehen jedoch davon aus, dass seine Erlebnisse in der deutschen Grossstadt nicht nur uns interessieren. Deshalb werden wir Sie regelmässig daran teilhaben lassen. Und bereits heute als kleine Vorwarnung an alle Solothurner Politiker und Verwalter: Fluris Zeit in Berlin wird schnell verfliegen und er dürfte bestimmt nicht handzahmer zurückkommen.