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Mit deftigen Provokationen will Marco Giglio die Junge SVP wieder aufbauen

Marco Giglio, Sekretär der Jungen SVP Kanton Solothurn setzt auf deftige Provokationen und auf erzkonservative Werte. Ob seine Versuche als plumpes Suchen nach Aufmerksamkeit gewertet werden oder Erfolg haben, muss sich noch zeigen.

Lucien Fluri
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Marco Giglio und ein selbst gebasteltes Flugblatt der Jungen SVP Kanton Solothurn.

Marco Giglio und ein selbst gebasteltes Flugblatt der Jungen SVP Kanton Solothurn.

Bruno Kissling / Hanspeter Bärtschi

Sein letztes Bömblein hat er an einem Sonntag gezündet. Marco Giglio, 21-jährig und Sekretär der Jungen SVP Kanton Solothurn, sass Ende Mai vor dem Computer. Und wie oft, wenn er in die Tastatur haut, kam Deftiges raus.

Es wird die bisher grösste Provokation des Marco Giglio. «Eurovision manipuliert», hiess es im Mail an die Medien. Als Verschwörung gegen die «natürlichen Geschlechter» bezeichnete er den Sieg von Conchita Wurst, der bärtigen Frau in Männerhaut, am Gesangswettbewerb.

«Ein Angriff auf die Ehe, auf die Heterosexuellen und auf die natürliche Lebensweise.» Beweise blieb er schuldig. Aber wer fast als einziger neben Wladimir Putin so offen gegen den Mainstream schreit, den übersehen hyperaktive Onlineportale nicht. Tage später war Giglio auf den Portalen präsent, die Aufmerksamkeit bewirtschaften: 20 Minuten, die oesterreichische Kronenzeitung, deutsche Onlineportale berichteten.

Nun sitzt Marco Giglio im Oltner Bahnhofbuffet. «Man muss dickhäutig sein», sagt er. Seit er die Provokation abgeschickt hat, sind die ruhigen Minuten seltener geworden. Vom Lob bis zur Morddrohung hat er alle Rückmeldungen erhalten.

Giglio könnte ob des Rummels nervös sein, steht doch genau in diesen Tagen die Lehrabschlussprüfung des Detailhandelsfachmannes an. Doch er wirkt gelassen, die Provokation war gezielt. Der 21-Jährige hat es in die Presse geschafft. Und das mag er. Aufmerksamkeit ist seine Währung.

«Ich will 2015 Nationalrat werden», sagt er selbstbewusst. Die schwarzen Haare des Secondos sind kurz geschoren, der Bart akkurat gestutzt, Anzug und Krawatte sitzen so perfekt wie der bei eingefleischten SVP-lern obligatorische Schweiz-Pin am Revers. «Kleiner Mafioso» nennen sie den Doppelbürger mit sizilianischen Wurzeln in der Volkspartei manchmal. Er selbst mag die «Urschweiz», wo er «das Urvolk spüren kann, das trotz Rauchverbot stur in der Beiz raucht und sich selbst nicht verleugnet».

Auf dem Tisch vor Giglio liegt die Bundesverfassung, die er mitgebracht hat. Giglio redet, redet ohne Unterbruch, ohne ein einziges «ähm». Er weiss, was er sagen will, und er will «sagen, was gesagt werden muss, was der Mainstream verschweigt». Diese Floskel stammt offensichtlich aus dem Repertoire seines Vorbildes Blocher.

«Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom», sagt der junge Mann und gibt auf alle Widersprüche eine passende Antwort. Wie passen seine sizilischen Wurzeln zur Ausländerpolitik der SVP?

«Die SVP schätzt das Engagement und den Beitrag der Italiener zum Wohlstand der Schweiz.» Und die Türken heute, sind die so anders als damals die Italiener? «Italien ist ein christliches Land. Die Wurzeln der heutigen Türkei sind nicht christlich, das kann man nicht einfach ignorieren», weiss Giglio.

Bundesverfassung und Bibel, das sind die beiden Bücher, die er sich zur Richtschnur genommen hat. «Die Lehre von Jesus Christus ist im Kern seit 2000 Jahren gleich», sagt er. Christus als Wort Gottes steht für den praktizierenden Katholiken über der Bundesverfassung. Letztere sei auch manipulierbar, erinnert er etwa an die 30er-Jahre und an das Dritte Reich.

2011 lebte er ein Jahr lang in einem katholischen Institut bei Paris. Er sah Dinge, die er nicht mochte. Die Islamisierung in der Banlieue; Orte, wo die Frauen keine kurzen Röcke tragen dürfen und Orte, wo sich die Polizei nicht herein traut. Lichtblick war der Walliser SVP-Nationalrat Oskar Freysinger, der in der französischen Hauptstadt damals das Minarettverbot. Giglio war politisiert. «Den Islam als Ideologie gilt es zu bekämpfen. Freysinger und Wobmann haben die Gefahr erkannt, und den Mut, sich zu widersetzen.»

Einig, wehrhaft, christlich müsse die Schweiz sein, zitiert er Niklaus von Flüe. «Man muss bereit sein, zu opfern, zu kämpfen». Er will eine neue Politik, die auf Kompromisse statt auf Grabenkämpfe setzt.

Nur bei grundlegenden gesellschaftspolitischen Werten sieht er keine Möglichkeit zum Kompromiss. Schwule will er keinesfalls diskriminieren. «Aber man muss auch sagen dürfen, dass nur Mann und Frau Kinder zeugen können. Alles andere ist nicht natürlich und mit dem Glauben unvereinbar.»

Im Gespräch verwendeter den Namen Huonder öfters als Blocher. Der erzkonservative Churer Bischof Vitus Huonder hat den Respekt des 21-Jährigen. «Bischof Huonder vertritt gegen alle Widerstände das Lehramt der römisch-katholischen Kirche. Anders als die Schweizerische Bischofskonferenz.»

Seit letztem Oktober ist der 21-jährige Sekretär der Jungen SVP Solothurn. Bald geht er in die RS und danach will der Thuner zurück nach Olten ziehen, «um die Partei aufzubauen», wie er sagt. Als er letzten Oktober als Sekretär der jungen SVP im Kanton begann, lag die Partei am Boden. Seither ist Giglio zum Gesicht der Jungpartei geworden.

Geschafft hat er das mit Provokationen. Der Mann, der einen neuen Politikstil ohne Grabenkämpfe will, haut auf seine Gegner ein wie wenige andere. Und er haut daneben. In selbst gebastelten Flugblättern warf er vor der Pädophileninitiative Links-Grün vor, Pädophile bei ihrem Tun zu unterstützen.

Der Flyer zeigt das erigierte Glied eines Mannes, darunter steht: «Kinder sind das schwächste Glied.» Links-Grün dulde solche Übergriffe. In den Augen der Angegriffenen schrien die Vorwürfe so plump nach Aufmerksamkeit, dass sie diese mit Schweigen bestraften.

Für einen, der provozieren will, die schlimmste Strafe. Dem Bischof von Basel, Felix Gmür, warf Giglio nach der Bettagsabstimmung vor, seines Amtes unwürdig, gar ein Verräter am Kirchenvolk zu sein.

Der oft gescholtene Politstil der SVP hat er um Längen übertroffen. Gefällt das der Kantonalen Mutterpartei oder geht da der Schuss nicht nach hinten los? Will man so wertkonservativ dastehen? Die Mutterpartei könnte Marco Giglio am ehesten Leitplanken setzen. Doch dort hat man bisher offenbar nie eingegriffen und lässt die Jungpartei autonom gewähren.

Giglio weiss, dass er auch parteiintern aneckt. Nathalie Rickli («Inzwischen haben wir einen Kaffee getrunken») sei nicht gerade begeistert gewesen ob seiner Flyer zur Pädophileninitiative. Hat er die Provokationen nicht einfach bei den Linken abgeschaut, bei Jusos wie Cédric Wermuth oder David Roth, die als Pseudo-Rebellen arrivierte Karrieren eingeschlagen haben?

«Die haben das nicht erfunden», sagt Giglio. «Wenn man provoziert, muss man kompetent sein. Man kann nicht als Philosoph der Wirtschaft vorschreiben, was zu tun ist.» Punkt.

Fünf neue Parteimitglieder habe er seit den Schlagzeilen um Conchita Wurst gewonnen. Für eine Partei, die 50 Mitglieder hat, nicht wenig. Aber Aufmerksamkeit ist die Währung des Marco Giglio und das Tempo wird er bis zu den Nationalratswahlen wohl durchhalten.

«Vier Stunden Schlaf genügen mir», sagt er. Wenn die Solothurner im kommenden Herbst wählen, wird er sehen, ob sich Volkswille und medial erregte Aufmerksamkeit wirklich decken.

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