Metzerlen-Mariastein
Lärm-Rowdys ungebremst: Test von Lärmdisplay erhält durchzogene Kritik

Ein Pilotprojekt im Schwarzbubenland im Kanton Solothurn sollte den schweizweiten Kampf gegen Strassenlärm stützen. Nun liegen die Testergebnisse vor - das Fazit der Beteiligten fällt durchzogen aus. Nun ist eine zweite Testphase geplant.

Noëlle Karpf
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Wer zu laut fährt, kann Stand heute nicht gebüsst werden.

Wer zu laut fährt, kann Stand heute nicht gebüsst werden.

Keystone

«Mmmiiiiuumm!» Ein Töff brettert die Strasse hinauf, die aus dem idyllischen Metzerlen-Mariastein im Solothurner Schwarzbubenland Richtung Laufen führt. Die Challstrasse – ein Dorn im Auge einiger Anwohnenden. Genauer gesagt: Der Strassenlärm, der bewusst von Lärm-Rowdys – etwa Motorradfahrerinnen und -fahrern oder Oldtimer-Liebhaberinnen und -liebhabern – verursacht wird. Das Thema wurde deshalb auch schon innerhalb des Gemeinderats diskutiert. Letztes Jahr dann wurde die Gemeinde gar vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) für ein Schweizer Pilotprojekt beigezogen, das früher oder später etwas im Kampf gegen den Strassenlärm beitragen soll.

Wohl eher später, wie es nun beim Einholen eines ersten Fazits bei den Beteiligten klingt.

Kanton ist skeptisch, Bund plant zweite Testphase

Darum ging es beim Projekt: Bei der Challstrasse wurde ein Lärmdisplay aufgestellt. Vergleichbar mit Geschwindigkeitsdisplays, die Fahrende mit einem traurigen Smiley darauf hinweisen, wenn sie zu schnell unterwegs sind. So hielt das Lärmdisplay in Metzerlen-Mariastein laute Fahrerinnen und Fahrer an, «leiser» zu fahren. Gleichzeitig war ein «Dankeschön» auf der Anzeige zu lesen, wenn keine Grenzwerte überschritten wurden. Zusätzlich wurden Lautstärke und Geschwindigkeit der Fahrzeuge gemessen – in der Kombination wollte man so herausfinden, wie sich das Display auf das Fahrverhalten auswirkt. Laut Bericht zum Projekt hat die Anlage zwar zu «zuverlässigen Ergebnissen geführt». Diese zeigen aber: Das Display hat «zu keinem Reduktionseffekt der Geschwindigkeit oder des Lärms geführt». Womöglich gebe es diesen erst, wenn das Display über einen längeren Zeitraum aufgestellt sei, und Fahrende mehr als einmal vorbeifahren.

Diesen Sommer soll es deshalb einen zweiten Versuch geben. Dazu ist vom Bafu zu erfahren, das Pilotprojekt habe nicht die ideale Konstellation gehabt. Den zweiten Versuch wolle man mit neuem Design angehen, welches das Fahrverhalten besser beeinflussen soll.

«Ernüchternd» falle das Fazit des Berichts aus, ist derweil von Seiten Kanton zu erfahren. Rolf Müller, Verantwortlicher Lärmschutz beim Amt für Verkehr und Tiefbau, meint ohnehin: «Solange ein bewusstes und vermeidbares Mass an Lärmproduktion nicht über den Geldbeutel sanktioniert werden kann, wird es wohl immer unvernünftige Fahrzeuglenker geben.»

Nur: Lärm-Rowdys zu blitzen und zu büssen ist mit der aktuellen Gesetzesgrundlage nicht möglich. Laut Müller müsse sich der Gesetzesgeber überlegen, «einfache und kontrollierbare» Lärmobergrenzen einzuführen. Seitens Bafu heisst es zwar, das Display solle sensibilisieren, und nicht bestrafen. Im Vorfeld des Projekts wurde aber auch vermeldet, dass die Testergebnisse allenfalls etwas in den Diskussionen um Gesetzesanpassungen beitragen könnten. Auch heute heisst es, die Situation werde noch überprüft – man stehe aber noch am Anfang und könne noch nichts weiter dazu sagen.

«Daueraufgabe»: Lärmsanierungen dauern an

Seit 1987 gilt in der Schweiz die Lärmschutzverordnung. Diese sieht vor, dass von Strassenlärm betroffene Orte saniert werden; etwa mit Flüsterbelägen. Stand heute sind aber auch im Kanton nicht alle Orte, wo Grenzwerte überschritten werden, saniert. Laut Rolf Müller, Leiter Lärmschutz, ist die Bekämpfung von Strassenlärm mittlerweile eine «Daueraufgabe», weshalb der Bund sich weiterhin finanziell an Sanierungen im Kanton beteilige. Laut einer Erhebung der Lärmliga Schweiz sind im Kanton rund 10000 Menschen von Strassenlärm betroffen.

Laut Bafu haben zudem bisher rund sechs Kantone und eine Stadt Interesse daran gezeigt, das Lärmdisplay zu testen. Solothurn ist nicht darunter. Im Herbst letzten Jahres hiess es in einem Scheiben des Regierungsrates noch, wenn sich die Anlage als praxistauglich erweise, könne man einen Einsatz überprüfen. Laut Müller wurde der Bafu-Bericht intern aber noch nicht besprochen, weshalb es dazu noch keine weiteren Infos gibt.

Gemeinde ist froh, dass Lärm überhaupt Thema ist

Zurück nach Metzerlen-Mariastein. Gemeinderat Daniel Renz nimmt die ganze Diskussion um das Projekt gelassen. Von einer wissenschaftlichen Seite würden die Resultate zwar nichts Konkretes belegen, aber: «Unserer Wahrnehmung nach haben Verkehrsteilnehmer schon auf das Display reagiert.» Wobei die meisten «richtig» gehandelt, also weniger aufs Gas gedrückt hätten, und einige wenige genau umgekehrt reagiert hätten – also noch lauter gefahren seien.

So oder so findet Renz: «Es gibt ja jetzt noch einen zweiten Versuch, diesen warten wir erst einmal ab.» Man stelle sich für die zweite Testphase gerne dem Bafu zur Verfügung – die Gemeinde selbst setzt aber derzeit nicht auf das Lärmdisplay, oder «noch nicht», wie der Gemeinderat erklärt. «Die zweite Phase wird Klarheit bringen.»

Im Übrigen hätten die Anwohnerinnen und Anwohner gut reagiert auf die Teilnahme der Gemeinde am Pilotprojekt. «Viele fanden das eine gute Sache – alleine schon, dass man über Strassenlärm spricht, das Problem zum Thema macht.» Auch wenn das Projekt – zumindest Stand heute – noch keinen direkten, messbaren Einfluss auf den Strassenlärm hat, welcher der Gemeinde im Schwarzbubenland zu Schaffen macht.