Gastkolumne
«Kunst ist harte Arbeit»

Gastkolumne von Reina Gehrig über Existenzängste von Künstlern und zur Frage, was Kunst wert sein soll.

Reina Gehrig
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Künstler, die keine Anstellung haben, sind oft gezwungen, einem Nebenerwerb nachzugehen. (Symbolbild)

Künstler, die keine Anstellung haben, sind oft gezwungen, einem Nebenerwerb nachzugehen. (Symbolbild)

KEYSTONE/EPA/ABDELHAK SENNA

Ich verbringe derzeit meine Ferien in Italien, im Olivenhain eines befreundeten Musikers. Er sprach darüber, wie beflügelnd das Gefühl sein kann, auf der Bühne zu stehen und von einer grossen Masse bejubelt zu werden. Ähnlich wird es einem bildenden Künstler gehen, der an einer Vernissage seine Werke einem begeisterten Publikum präsentiert oder einer Schriftstellerin, die eine überschwängliche Rezension ihres Buches liest.

Am nächsten Tag las ich, dass am Saisoneröffnungsfest des Luzerner Theaters der Luzerner Regierungsrat Reto Wyss in seiner Rede sagte, dass der Lohn eines Künstlers der Applaus sei. Damit erzürnte er die Kulturschaffenden und löste heftige Reaktionen aus. Hatte mir mein Freund nicht erzählt, dass der Applaus das Grösste sei?

Der Kanton Luzern hat nach einer längeren Zeit ohne Budget entschieden, 82 Millionen Franken in diesem und im kommenden Jahr zu streichen. Gekürzt wird in den Bereichen Integration, Polizei, Soziales und Kultur. Für die Kultur bedeutet dies vierzig Prozent weniger Geld für die freien Kulturschaffenden – also für alle, die keine Anstellung an einem Theater, bei einem Orchester o. Ä. haben, sondern eigene Projekte verfolgen und umsetzen. In der freien Szene wird viel experimentiert, ausgelotet, gewagt. Dies trägt massgeblich dazu bei, dass sich die Kunst weiterentwickelt und am Puls der Zeit bleibt. Der Entscheid des Kantons Luzern, die Subventionen zu kürzen, bringt diese Kreativarbeitenden in Existenznöte.

Viele werden gezwungen, einem Nebenerwerb nachzugehen. Vielleicht ist das gar nicht so schlimm? Ein Künstler kann ja z.B. 50 % als Landschaftsgärtner arbeiten und daneben immer noch Kunst machen. In der Tat ist das für viele bereits die Realität. Aber gut ist es nicht. Denn Kunst ist harte Arbeit. 42-Stunden-Wochen, Wochenenden und Feierabend gibt es nicht. Von einem Pensionsalter sprechen wir schon gar nicht, von sozialer Sicherheit auch nicht. Und apropos Applaus. Uns käme es nie in den Sinn, zu sagen, dass der Lohn des Migrosverkäufers das Merci des Kunden an der Kasse sei oder der Lohn eines Versicherungsagenten das anerkennende Lob seines Chefs, wenn ihm etwas gut gelingt. Damit werden keine Lebenskosten gedeckt, keine Krankenkassen, Wohnungsmieten und Kitas bezahlt. Der Lohn des Künstlers ist also nicht der Applaus. Und ich teile die Meinung einer der protestierenden Künstlerinnen, die sagte: «Wenn kein Geld fliesst, ist das ein Zeichen, dass die Arbeit der Künstler nichts wert ist.»

Zum grossen Glück kann ich mich in meinen Ferien doch noch entspannt zurücklehnen. Denn ich spreche hier vom Kanton Luzern und nicht vom Kanton Solothurn.

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