Obergericht
Ist Karl 17 Jahre nach dem Mord an einem Nachbarn noch gefährlich?

Als 19-jähriger Kantischüler tötete Karl seinen Nachbarn. Er wurde damals wegen Mordes verurteilt, es wurde eine stationäre Massnahme angeordnet. Ist der Mann 17 Jahre nach dem Mord noch gefährlich? Dieser Frage musste das Obergericht nun nachgehen.

Christoph Neuenschwander
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Das Obergericht prüft, ob Karl* frei bleiben darf.Anne REgula Keller

Das Obergericht prüft, ob Karl* frei bleiben darf.Anne REgula Keller

Anne Regula Keller

Ein ruhiger, redegewandter Mann sitzt im Obergerichtssaal und erzählt von seinem neuen Leben. Vom Temporärjob, den er bereits kurz nach seiner Entlassung aus dem Vollzug antreten konnte. Von seinen Plänen, im kaufmännischen Bereich Fuss zu fassen. Von der Wohngemeinschaft mit einem Arbeitskollegen. Er sagt, er könne die Befürchtungen nachvollziehen, die in diversen psychiatrischen Gutachten geäussert wurden: dass er wieder eine Straftat begehen könnte. Er habe genügend Anhaltspunkte geliefert. «Trotzdem bin ich überzeugt, dass ich es schaffe», sagte er gestern vor der Strafkammer des Solothurner Obergerichts.

«Wieso sind Sie denn überzeugt?» hakte Referent Daniel Kiefer nach. Der Mann brauchte nicht lange nachzudenken: «Ich bin in einer anderen Lebenssituation, in einem anderen Umfeld, in dem Drogen keine Rolle spielen.» Es ist schwer vorstellbar, dass dieser Mann, Karl*, als 19-jähriger Oltner Kantischüler im März 1996 seinen ehemaligen Nachbarn mit einer Schrotflinte «kaltblütig exekutierte», wie das Gericht es damals nannte. Mit fünf Schüssen streckte er den 45-Jährigen nieder, weil er diesen für das jähe Ende seiner ersten Wohngemeinschaft, die er einst als «Paradies» beschrieb, verantwortlich machte.

Karl wurde 1999 wegen Mordes verurteilt. Weil man ihm eine Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und schizoiden Elementen attestierte, wurde eine stationäre Therapie angeordnet. Die Massnahme wurde vom Amtsgericht Olten-Gösgen mehrmals verlängert – bis zur letzten Verhandlung 2012, als das Gericht eine weitere Verlängerung ablehnte, obwohl eine Fachkommission den Täter weiterhin als gemeingefährlich eingestuft hatte (wir berichteten). Vor fast zwei Monaten wurde Karl entlassen.

Umstrittenes sechstes Gutachten

Es gebe ab und zu Meinungsverschiedenheiten mit dem neuen Mitbewohner, erzählte Karl vor dem Berufungsgericht. Aber nichts, weswegen man sich Sorgen machen müsste. Sein letzter Drogentest fiel negativ aus – anders als etliche Tests während des Vollzugs. Gewaltbereitschaft habe man bei Karl ohnehin während des gesamten Vollzugs nicht feststellen können, so der Verteidiger Michel Meier.

Der Entscheid, Karl eine bedingte Entlassung zu gewähren, sei richtig gewesen. Nun, nach 14 Jahren, könne er sich in der wirklichen Welt beweisen. Meier stützte sich auf ein kürzlich erstelltes psychiatrisches Gutachten – das insgesamt sechste über Karls Psyche. Gemäss diesem liege keine Gefährdung von Drittpersonen vor. Es stellt auch die Diagnose der Persönlichkeitsstörung infrage und hält fest, die Adoleszenzkrise, die damals massgeblich für Karls Verhalten verantwortlich gewesen sei, habe er überwunden.

Die Staatsanwaltschaft, die den Entscheid des Amtsgerichts Olten-Gösgen weitergezogen hatte, kritisierte das Gutachten. Es widerspreche teilweise anderen Gutachten und begründe seine Diagnose mangelhaft, so die stellvertretende Oberstaatsanwältin Sabine Husi. Es erkenne nicht, dass die Therapiebereitschaft von Karl vordergründig und unecht sei, und der Täter selbst manipulativ. Tatsächlich sei der Therapieverlauf von Karl unbefriedigend und seine Frustrationstoleranz niedrig. Man müsse von der Gefahr eines Rückfalls ausgehen.

Drogen-, aber kein Gewaltrisiko

Husi beantragte, die stationäre Massnahme um mindestens vier Jahre zu verlängern. Sinnvoller als die plötzliche Entlassung wäre, Karl zu einem späteren Zeitpunkt eine schrittweise Vollzugslockerung zu ermöglichen. Falls man seiner Entwicklung weiterhin schlechte Prognosen stelle, wäre aber auch eine Verwahrung des Täters denkbar.

Alain Hofer vom Amt für Justizvollzug stellte sich hinter den Entscheid der Vorinstanz und relativierte die aktuelle Prognose des psychiatrischen Gutachtens. Es bestehe zwar ein erhöhtes Rückfallrisiko, was Drogendelikte anbelange, doch die Rückfallgefahr für Gewaltdelikte sei gering.

Verteidiger Meier machte zudem deutlich, dass Karl nicht einfach so in die Gesellschaft entlassen werde, wie dies die Staatsanwaltschaft fälschlicherweise darstelle. «Die Schranken der Vollzugsanstalt werden durch eine feinmaschige Kontrolle ersetzt», so der Rechtsanwalt. Karl gehe weiterhin in therapeutische Behandlung und werde von der Bewährungshilfe beobachtet. Das Urteil des Gerichts wird in den kommenden Tagen mitgeteilt.

Name von der Redaktion geändert.

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