Pilotprojekt im Kanton Solothurn
Integration von Asylsuchenden: «Gemeinden haben in der ersten Phase eine besonders wichtige Bedeutung»

Derzeit läuft in acht Solothurner Gemeinden ein Pilotprojekt zur Integration von Flüchtlingen. Yvonne Schär erläutert die neuen Aufgaben der Gemeinden.

Elisabeth Seifert
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Yvonne Schär arbeitet seit 2014 bei der Fachstelle Integration. Seit 1. Juli ist die 32-jährige Religionswissenschaftlerin kantonale Integrationsdelegierte.

Yvonne Schär arbeitet seit 2014 bei der Fachstelle Integration. Seit 1. Juli ist die 32-jährige Religionswissenschaftlerin kantonale Integrationsdelegierte.

Michel Lüthi

Menschen aus verschiedenen Kulturen richten sich auf einen längeren Verbleib in der Schweiz ein. Gerade auch Männer und Frauen aus dem Asylbereich. Eine Überforderung für unsere Gesellschaft?

Yvonne Schär: Von einer Überforderung zu sprechen ist schwierig. Gefragt sind aber Anstrengungen von beiden Seiten. Gerade Asylsuchende haben einen langen Weg hinter sich und bringen ihre eigene Geschichte mit. Zudem müssen sie sich in einer völlig anders gearteten Kultur zurechtfinden. Wichtig, dass man dies als Aufnahmegesellschaft sieht und anerkennt. Man muss diesen Menschen Zeit geben, hier bei uns anzukommen. Es geht nicht darum, sie bei der Hand zu nehmen. Die Integration ist aber ein Prozess. Es geht darum, Integrationsangebote bereitzustellen, aber dann auch fordern, dass die Angebote genützt werden.

Bemühen sich Personen aus dem Asylbereich aktiv um Integration?

Wer integriert eigentlich, und wie? Viele Menschen reden über Flüchtlinge, trotzdem haben sie nie Kontakt mit diesen Menschen. Die Flüchtlinge sind aber hier und müssen in die Gesellschaft integriert werden. Wie funktioniert Integration? Wir berichten über Menschen aus der Region, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten und die Integration leisten. (uby)

Wer integriert eigentlich, und wie? Viele Menschen reden über Flüchtlinge, trotzdem haben sie nie Kontakt mit diesen Menschen. Die Flüchtlinge sind aber hier und müssen in die Gesellschaft integriert werden. Wie funktioniert Integration? Wir berichten über Menschen aus der Region, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten und die Integration leisten. (uby)

az

Für die soziale Integration sind vor allem die Gemeinden zuständig. Werden sie ihrer Aufgabe gerecht?

Die Wohngemeinden haben gerade in der ersten Phase der Integration eine besonders wichtige Bedeutung. Integration wird ja in erster Linie vor Ort geleistet, in den Schulen und Vereinen. Viele Gemeinden sind sensibilisiert und leisten aktive Unterstützung. Die hohe Aufnahmequote von Asylsuchenden stellt die Gemeinden aber zunehmend vor eine grosse Herausforderung. In der Vergangenheit ging es ja vor allem um die Integration von Neuzuzügern aus der EU oder auch aus Drittstaaten, etwa im Rahmen des Familiennachzugs.

Wie reagieren der Kanton und die Gemeinden auf diese neue Herausforderung?

Derzeit läuft in acht Gemeinden das Pilotprojekt «Erstinformation und Integrationsförderung», das der Kanton koordiniert und über den Integrationskredit finanziert. Im letzten Herbst startete das Projekt in Biberist und Zuchwil, im Frühling folgten dann Dornach, Balsthal, Oensingen und Dulliken. Und jetzt hat gerade Grenchen damit begonnen sowie die beiden Gemeinden Buchegg und Lüterkofen-Ichertswil, die das Projekt gemeinsam angehen wollen.

Im Rahmen des Pilotprojekts sollen die Gemeinden jetzt mehr Möglichkeiten für die soziale Integration schaffen?

Die Gemeinden haben bis jetzt nicht einfach Däumchen gedreht. Der Kanton hat aber den Gemeinden im Bereich der Erstinformation eine wichtige Aufgabe weggenommen. Während rund zehn Jahren haben wir vom Kanton aus mit allen fremdsprachigen Neuzuzügern aus dem Ausland Erstgespräche geführt. Solothurn leistete in diesem Bereich schweizweit Pionierarbeit. Neu führen die Gemeinden diese Gespräche, das haben sie selbst so gewünscht. Und zudem werden sie diese, ebenfalls auf ihren Wunsch hin, nicht nur wie bis jetzt mit Personen führen, die über eine Aufenthaltsbewilligung B oder C verfügen. Sondern auch mit vorläufig Aufgenommenen und Asylsuchenden, die einer Gemeinde zugeteilt worden sind.

Was erhoffen Sie sich von dieser Verlagerung der Erstgespräche auf die Gemeinden?

Wir haben festgestellt, dass es viel mehr Sinn macht, wenn die Gemeinden selbst diese Erstinformationsgespräche machen. Die Menschen leben ja in der Gemeinde, sie haben nur selten mit dem Kanton zu tun. Dem Kanton fehlt oft das Wissen zu Fragen, die die Leute beschäftigen, etwa zur Schule oder zur Teilnahme in Vereinen. Mit diesen Gesprächen kommen die Gemeinden sehr rasch in Kontakt mit der spezifischen Lebenssituation der Migranten und Asylsuchenden. Es entstehen Beziehungen. Sollten Probleme auftauchen, können die Gemeinden dann sofort auf die Bedürfnisse der Betroffenen reagieren. Aufgrund einer solchen frühen Sensibilisierung sollen Aufwand und Kosten reduziert werden.

Dennoch: Bedeutet dies alles nicht einen grossen Aufwand für die Gemeinden?

Wenn jemand neu in eine Gemeinde zieht, muss er sich ohnedies bei der Gemeindeverwaltung melden. Wir haben festgestellt, dass die Mitarbeitenden der Einwohnerkontrolle sehr gut einschätzen können, ob jemand ein Erstinformationsgespräch braucht oder ein schriftliches Informationspaket genügt. Vom Kanton aus machen wir Vorgaben. Die Gespräche selber bedeuten einen gewissen Aufwand. Im Beisein eines interkulturellen Dolmetschers wird abgeklärt, welche Sprachkurse jemand besuchen muss oder welche weiteren Integrationsmassnahmen es braucht.

Muss dafür nicht eine Verwaltungsstruktur geschaffen werden, eine Art Fachstelle Integration?

Das ist nicht die Idee. Es geht vielmehr darum, das Thema Integration in die bestehenden Verwaltungsbereiche zu integrieren. Kantonsweit gehen wir von jährlich 1000 Gesprächen aus. Für eine Gemeinde mit 5000 Einwohnern beutet das ca. 25 Gespräche pro Jahr. Im Rahmen des Pilotprojekts hat jede Gemeinde oder auch eine Region einen Integrationsbeauftragten. Dieser ist Ansprechperson für die Gemeinde und den Kanton. Es handelt es sich dabei um eine Aufgabe, die ein Gemeindeangestellter zusätzlich übernehmen kann. In einzelnen Pilotgemeinden führen nur die Integrationsbeauftragten die Erstinformationsgespräche durch, in anderen Gemeinden sind verschiedene Angestellte damit beschäftigt.

Es genügt ja wahrscheinlich nicht, sich auf solche Erstinformationsgespräche zu beschränken?

Die Pilotgemeinden haben die Aufgabe, im Rahmen einer Situationsanalyse Lücken bei ihrem Integrationsangebot festzustellen. Verschiedene Gemeinden haben zum Beispiel gute Erfahrungen damit gemacht, in den Vereinen Schlüsselpersonen als Ansprechpartner für Migranten und Asylsuchende zu bezeichnen. Zudem geht es darum, die Arbeit von Freiwilligen zu koordinieren. Es gibt viele Freiwillige, die sich gerade auf Gemeindeebene engagieren wollen. In einzelnen Pilotgemeinden sind auch Kontakte zu Arbeitgebern zustande gekommen.

Wo steht Solothurn mit seinen Bemühungen im interkantonalen Vergleich?

Vor gut zehn Jahren haben viele Kantone und Gemeinden mit der Schaffung von Integrationsangeboten begonnen. In Solothurn haben wir vor allem mit den Erstinformationsgesprächen Pionierarbeit geleistet. Im Rahmen der Kantonalen Integrationsprogramme findet derzeit schweizweit eine Vereinheitlichung der Integrationsbemühungen statt. Der Bund ist eng in diesen Prozess miteingebunden und ist auch massgeblich an der Finanzierung beteiligt.

Wie sehen Sie künftig die Aufgabenteilung zwischen Kanton und Gemeinden?

Schweizweit setzt sich die Praxis durch, dass der Kanton unter anderem für die Beratung und Unterstützung der Gemeinden zuständig ist und hier auch Projekte mitfinanziert. Zudem finanzieren die Kantone Integrationsangebote, die zentral von einer Stelle aus organisiert werden. Dazu zählen in erster Linie die Sprachkurse oder auch der Dolmetscherdienst. Die Gemeinden indes übernehmen Verantwortung für die Beratung der einzelnen Menschen und stellen die Integrationsangebote mit einer lokalen Ausrichtung sicher.

Auf welche zusätzlichen Kosten müssen sich die Gemeinden längerfristig einstellen?

Wie ich bereits erwähnt habe, erhalten die Pilotgemeinden eine Abgeltung aus dem Integrationskredit. Im Jahr 2017, wenn das Projekt flächendeckend umgesetzt wird, profitieren sämtliche Gemeinden von diesen Pauschalen. Diese Gelder dienen dem Aufbau der entsprechenden Strukturen. Für die Zeit ab dem Jahr 2018 muss die Finanzierung zwischen Bund, Kanton und Gemeinden noch ausgehandelt werden.

Erste Erfahrungen aus den Pilotgemeinden Zuchwil und Biberist

Das Thema Integration beschäftigt die Gemeinden nicht erst seit gestern. In den beiden Wasserämter Gemeinden Biberist und Zuchwil etwa ist das verstärkte Bemühen in diesem Bereich in den Legislaturzielen 2013–2017 verankert. Sowohl Biberist als auch Zuchwil waren deshalb sofort bereit, sich als Pilotgemeinden am kantonalen Projekt «Erstinformation und Integrationsförderung» zu beteiligen (siehe dazu das Interview oben). Biberist ist seit letztem November mit dabei, Zuchwil seit Dezember. «Wir möchten die Menschen aus den unterschiedlichen Kulturen noch besser ins Dorfleben integrieren,» betont der Zuchwiler Gemeindepräsident Stefan Hug. Ganz ähnlich begründet Martin Blaser, Gemeindepräsident von Biberist, die Teilnahme am Pilotprojekt. Sehr willkommen sind für sie die Beratung und auch die finanzielle Unterstützung durch den Kanton.

In beiden Gemeinden sind Integrationsbeauftragte mit einem Pensum von 15 bis 20 Prozent für die Koordination der Integrationsarbeit und und die Durchführung der Erstinformationsgespräche zuständig. In Biberist hat Martin Blaser diese Aufgabe bis Ende April selbst übernommen. «Die Leute sind angenehm überrascht, dass sich die Gemeinde solche Mühe macht», bilanziert Blaser die Erfahrungen der ersten Monate. «Mit den Erstinformationsgesprächen pflegen wir eine Willkommenskultur und sagen aber auch klar, welche Erwartungen wir haben.»

Dazu gehöre etwa das Erlernen der deutschen Sprache oder dass die Kinder in der Schule das machen, was die Lehrerin sagt. Neben den Erstinformationsgesprächen gehe es darum, in der Gemeinde Möglichkeiten zu schaffen, «um die Menschen zusammenzuführen und so zu einem besseren Verständnis untereinander beizutragen». Blaser beobachtet zudem, dass es viele Freiwillige gibt, die sich an der Integrationsarbeit beteiligen möchten. «Im Rahmen einer Bedarfsanalyse klären wir ab, wie wir all diese Freiwilligen einsetzen können.» Auch in Zuchwil ist man derzeit damit beschäftigt, das Engagement der Freiwilligen zu koordinieren. Erste Projekte sind hier bereits aufgegleist worden. So starten in Zuchwil demnächst – zusätzlich zum Angebot des Kantons – Deutschkurse für Migranten und Asylsuchende, die von Freiwilligen durchgeführt werden. Zudem werden Freiwillige eingesetzt, um für Asylsuchende Tagesstrukturen bereitzustellen, etwa im Rahmen von «Urban Gardening»-Projekten.

Neben Biberist und Zuchwil beteiligen sich am Pilotprojekt auch die Gemeinden Oensingen, Balsthal, Dulliken, Grenchen sowie – im Verbund – Buchegg und Lüterswil-Ichertswil. Für 2017 ist dann die flächendeckende Einführung geplant. (esf)

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