Kanton Solothurn
Industrie ächzt unter Corona – wenn nicht bald Lockerungen kommen, gibts «dramatische Konkurswelle»

Lockdown? Betrifft die Industrie kaum. Trotzdem bedroht das Coronavirus Produktion und Umsätze der Unternehmen.

Sébastian Lavoyer
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Die Produktion der Fraisa AG in Bellach wird durch das Virus beeinträchtigt, fast ein Drittel der Mitarbeiter muss daheim bleiben.

Die Produktion der Fraisa AG in Bellach wird durch das Virus beeinträchtigt, fast ein Drittel der Mitarbeiter muss daheim bleiben.

Hansjörg Sahli

Bis Anfang April lief es bei der Fraisa AG eigentlich gar nicht so schlecht. Trotz dem Coronavirus. Man habe sich schnell den neuen Vorschriften des Bundesrats angepasst, sagt Josef Maushart, Besitzer und Geschäftsführer des Industrieunternehmens mit Sitz in Bellach. Teamsplitting, Videokonferenzen, Schutz von Risikopersonen und so weiter. Aber das Virus hinterlässt natürlich trotzdem Spuren. Je länger, je mehr.

Der Umsatz der Fraisa AG ging im März auf Gruppenebene um rund 10 Prozent zurück. Im April wird sich dieser Rückgang verschärfen. Nicht nur wegen der nachlassenden Nachfrage, sondern auch weil die Produktion zur Herausforderung wird. «Wir haben alle Risikopersonen nach Hause geschickt», sagt Maushart. Das betrifft in der Produktion in Bellach 29 Personen von 102 insgesamt, 24 können gar nichts machen, fünf arbeiten im Homeoffice.

Anfang April erkrankte ein Lehrling an Corona

Das ist einer der Hauptgründe, warum die Fraisa ab April bis voraussichtlich Juni 2020 Kurzarbeit angemeldet hat. Zusätzlich verschärfte sich die Situation in der Produktion Anfang April. «Einer unserer Lehrlinge wurde positiv auf Corona getestet. Wir haben sofort ausfindig gemacht, wer mit ihm im Kontakt war.» Die Konsequenz: Zehn weitere Personen mussten während zehn Tagen zu Hause bleiben. Und das in einem Moment, in dem die Produktion sowieso schon ausgedünnt war. Maushart: «Wir wären dringend darauf angewiesen, dass wir diese Leute testen könnten. Dann hätte man binnen 24 Stunden ein Ergebnis und im besten Fall könnten sie wieder arbeiten.»

Am selben Tag, an dem der Lehrling positiv getestet wurde, unterhielt sich Maushart mit 18 anderen Geschäftsführern von Solothurner Industrieunternehmen. Als Präsident des Industrieverbandes Solothurn und Umgebung (Inveso) setzte er schon bei der letzten grossen Krise, dem Frankenschock 2015, auf Erfahrungsaustausch. Natürlich per Videokonferenz.

Das Resultat des Austauschs erstaunt: Nur vereinzelt hat das Coronavirus Lieferketten zerrissen. So bekundet etwa der Bellacher Busproduzent Hess Mühe, Lackierermasken zu bekommen. Oder der Desinfektionsmittelhersteller Borer Chemie aus Zuchwil kriegt keine Gebinde mit Fassungsvermögen unter fünf Litern. Mit Ausnahme von Borer kämpfen aber alle mit markanten Umsatzrückgängen. Maushart: «Da bringen Liquiditätsüberbrückungen nur bedingt etwas. Es ist wichtig, dass wir jetzt schnell wieder die Wirtschaft hochfahren können. Sind wir bis im Juni im Lockdown, würde eine dramatische Konkurswelle über das Land hereinbrechen.» Es brauche Lösungen, wie man trotz Virus arbeiten kann. Zum Beispiel mit Schutzmasken. Wie in China. Maushart erzählt: «Ein chinesischer Hartmetall-Lieferant schickt uns mit der nächsten Lieferung auch Gesichtsmasken.» Kundenpflege in Zeiten von Corona.

Die Autozulieferer erleben den «perfekten Sturm»

Auch im Osten des Kantons tönt es ähnlich. «Es gibt Unternehmen, die jetzt den perfekten Sturm erleben», sagt Urs Nussbaum. Er ist Geschäftsführer des Bauzulieferers Nussbaum AG mit Sitz in Olten und Präsident der Industrie- und Handelsvereins Olten (IHVO). Die Autozulieferer treffe die Krise besonders hart. «Der Markt war vorher schon wacklig und jetzt kommt noch Corona.»

Profiteure sieht er in der Region Olten keine. Einzig vielleicht der Hygienepapierhersteller Hakle. Aber: «Wenn die Lager mal gefüllt sind, ermattet der Konsum erst einmal. Möglicherweise müssen sie dann im Herbst Kurzarbeit beantragen.»

Auch dem Bauzulieferer selbst bereitet das Virus Sorgen. Auf Anfang April hat Nussbaum Kurzarbeit beantragt. Die schweizweit 450 Mitarbeitenden sind davon unterschiedlich betroffen. In der Romandie und im Tessin, wo fast alle Baustellen geschlossen sind, stärker, in der Deutschschweiz etwas weniger. Lieferengpässe hat man nur bezüglich gewisser Kleinteile, die sonst aus Italien kommen. Noch reichen die Lager, aber man sucht Alternativen. «Wir profitieren jetzt davon, dass wir einen Grossteil der Wertschöpfung in Trimbach haben», sagt Nussbaum.

Wie Maushart hofft er auf eine baldige Lockerung der Vorschriften. «Der Bundesrat hat bis jetzt einen guten Job gemacht. Insbesondere mit den Krediten. Aber wenn der Lockdown noch lange dauert, lasten diese Kredite schwer in den Büchern.» Die Industrie dürstet nach Perspektiven.