Sie veröffentlichten sehr erfolgreich drei Solothurner Krimis und einen Krimi, der im solothurnischen Schwarzbubenland angesiedelt ist. Immer wieder vernimmt man in den Kritikerkreisen einen herablassenden Kommentar zu sogenannten Regionalkrimis. Wie erleben Sie das?

Christof Gasser: Erst mal möchte ich vorausschicken, dass ich glücklich bin, dass meine Romane in den Regionen, wo sie angesiedelt sind, sehr gut aufgenommen werden. «Schwarzbubenland» hat bei den Lesern dort sehr viel Anklang gefunden. Viele sind zu mir gekommen und haben mir gesagt, sie seien stolz, dass mal ein Krimi geschrieben wurde, der in ihrer Region spielt. Dies obwohl das Thema in Schwarzbubenland eher düster ist.

Ihre Krimis werden auch im Rest der deutschsprachigen Schweiz gelesen. Sie landeten sogar auf der Bestsellerliste des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes. Kommen wir zurück auf den Umgang mit Regionalkrimis in den Medien...

Die Kritiken enttäuschen mich, weil ich sie nicht nachvollziehen kann. Ich habe Mühe damit, wenn Journalisten auf Radio SRF Gemeinplätze über Regionalkrimis verbreiten, ohne sich konkret mit deren Inhalten auseinanderzusetzen. In den Literatursendungen des Radios werden Regionalkrimis regelmässig und unreflektiert als klischeebehaftete, in schlechtem Deutsch geschriebene Miststock- und Gartenzaunmordgeschichten hingestellt.

Höre ich da Frust heraus?

Damit Sie mich richtig verstehen: Man darf und man soll Regionalkrimis wie alle anderen Werke durchaus kritisieren. Aber man sollte sie dann zumindest auch lesen und sich mit der Handlung und den Personen auseinandersetzen. Ich unterstelle, dass dazu nicht einmal der Wille vorhanden ist.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Nehmen wir beispielsweise die Aussage von SRF-Buchbloggerin Annette König, dass jedes Kaff in der Schweiz meine, seinen Krimi haben zu müssen. Dabei spiele es keine Rolle, wie schlaff oder «Seich» die Handlung ist. Der Ort mache alles wett. Sie tut damit vielen Autoren und ihren Verlagen unrecht. Offenbar ist es lange her, dass sie oder ihre Kollegen von Radio SRF mehr als nur den Buchdeckel eines Regionalkrimis gelesen haben. Mir scheint, dass unser nationaler Sender nur Zürich, Basel oder Bern das Recht zuspricht, Handlungsorte für richtige Krimis zu sein. Da bedanken sich die Solothurner, Schwyzer und Schwarzbuben bei unserer, angeblich der nationalen Ausgewogenheit verpflichteten SRG. Noch bedenklicher verhält es sich mit dem SRF-Literaturclub. Ich frage mich, wie man im Schweizer Fernsehen eine Literatursendung über Krimis machen kann, ohne ein einziges Werk eines Schweizer Autors zu besprechen.

Doch sie fluten schon die Wühlkörbe der Buchhandlungen, die Regionalkrimis.

Zweifellos gibt es Qualitätsunterschiede, wie in jedem Genre. Das rechtfertigt nicht, ein ganzes Genre über einen Leisten zu schlagen. Andererseits müsste das deutschsprachige Krimischaffen vielleicht mit der unsäglichen Segregation zwischen Kriminalroman und Regionalkrimi aufhören. Jeder Krimi, ob in London, Paris, Solothurn oder auf einer abgelegenen Schäreninsel in der Ostsee, ist in einer Region angesiedelt. Das mag ein Marketing- oder Vertriebskriterium sein, darf aber nicht als Massstab für die Qualität herangezogen werden, nur damit sich die Kritiker ihre Arbeit einfach machen können.

Sie sondieren momentan auch in der französisch sprachigen Buchbranche, wie nehmen Sie dieses Thema dort wahr?

Die französischsprachige Literatur scheint die Unterteilung zwischen Krimi und Regionalkrimi nicht zu kennen. Letztes Jahr erzielte der Erstlingsroman «Le Dragon du Muveran» (Der Drache vom Muveran) des Genfers Marc Voltenauer auf Anhieb eine Auflage von 30'000 Exemplaren. Das ist bemerkenswert, wenn man davon ausgeht, dass man mit 10'000 Exemplare im etwa drei- bis viermal grösseren Markt Deutschschweiz bereits als Topseller gilt. Voltenauers Roman spielt in Gryon, einem kleinen Dorf in der Nähe von Villars in den Waadtländer Alpen. Ein Regionalkrimi, der sich offenbar auch in Frankreich und Belgien gut verkaufen lässt. Dort wissen wahrscheinlich die Wenigsten was oder wer der titelgebende Muveran ist und wo Gryon liegt.

Glauser und Dürrenmatt haben ja ihre Kriminalromane auch bewusst örtlich angesiedelt.

Korrekt. Der erste Roman von Friedrich Glauser, und somit der eigentlich erste Krimi in deutscher Sprache, «Schlumpf Erwin Mord» erschien 1935 und spielt, wie alle Romane von Glauser, in ländlichen Regionen des Kantons Bern. 1950 betrat Friedrich Dürrenmatt mit seinem Kommissär Bärlach in «Der Richter und sein Henker» die Bühne der Kriminalliteratur. Auch in dieser Geschichte erscheint die Grossstadt nur am Rande. Die Handlung ist im Berner Seeland und am Bielersee angesiedelt. Wer käme heutzutage auf die Idee, Dürrenmatts Werke als Regionalkrimi abzuqualifizieren?

Woran liegt es denn, diese Abqualifikation, wie Sie es nennen?

Ich glaube, es ist an der Zeit, dass gerade die Deutschschweizer Kritikergilde, notabene bei der SRG, ihre Scheuklappen und Standesdünkel ablegt und das Genre Schweizer Kriminalroman als Ganzes betrachtet und es dabei durchaus kritisch, dafür aber objektiv beurteilt. Ich bin überzeugt, dass Schweizer Krimis in Wettbewerb mit den anderen Europäern und den Angelsachsen bestehen können.

Anscheinend besteht ein grosses Bedürfnis seitens des Publikums, dass man sich in den beschriebenen Örtlichkeiten wiederfindet. Ein legitimes Bedürfnis oder eher eine Last?

Ich mache tatsächlich die Erfahrung, dass die Leser es mögen, wenn sie die Orte der Krimihandlung kennen und sich darin wiederfinden. Bei den «Regionalkrimis», um bei dieser Bezeichnung zu bleiben, wird der Ort oft im Titel genannt, wie beispielsweise in meinen «Solothurn»-Krimis. Das kann ein Handicap sein, wenn sich die Geschichte über die Region oder sogar über die Landesgrenze hinaus verkaufen soll. Welcher St. Galler oder welcher Berliner kann schon etwas mit «Solothurn trägt Schwarz» anfangen?

Das Problem könnte die Benennung des Ortes sein, an dem die Story spielt.

Der überregionale Erfolg eines Buches hängt nicht alleine vom Titel ab – den kann man ja ändern. Ich spreche gerne vom Gesamtpackage als Erfolgsrezept. Schlussendlich ist die Kombination aus Handlung, Figuren und Örtlichkeit, die den Erfolg eines guten Kriminalromans ausmacht. Ein wichtiges Element sind insbesondere sorgfältig ausgearbeitete Charaktere. Die Leserinnen und Leser lieben, leiden und freuen sich mit den Protagonisten, wenn man es ihnen ermöglicht. Die Figuren sind meines Erachtens die Motivatoren, ein zweites oder drittes Buch einer Serie lesen zu wollen. Mir zumindest geht es so, wenn ich Krimis lese oder sie mir im Fernsehen anschaue.

Die Nordischen Krimis sind bei uns Kult, aber auch die Geschichten von Kommissaren zum Beispiel in Venedig oder auf Sizilien. Wie wichtig ist für Sie als Leser die Kulisse?

Krimis in dramatischem oder exotischem Setting sind ein Erfolgsrezept. Gerade das geheimnisvolle Venedig bietet sich als dramatische Krimikulisse an und tat es auch immer wieder in der Vergangenheit. Doch auch da müssen die anderen Elemente, nämlich Figuren und Örtlichkeit aufeinander abgestimmt sein. Ein Kommissar Wallander passt nicht nach Venedig, so wenig wie Dottore Brunetti sich in Ystad wohlfühlen würde. Apropos, das schwedische Ystad zählt nur rund 2000 Einwohner mehr als Solothurn. Ich habe nie gehört, dass Henning Mankells Bücher als Regionalkrimis gelten.

Wie sieht Ihre weitere Planung fürs Schreiben aus, auch wieder zuerst die Recherche an Orten oder doch zuerst die Geschichte?

2018 erscheint die dritte Folge der Solothurn-Krimis mit Chefermittler Dominik Dornach und seinen Leuten. Weiter arbeite ich an meinem Konzept für die nächste Folge in der Reihe mit der Journalistin Cora Johannis. Nach dem Schwarzbubenland wird sie ihr nächster Fall woanders hinführen, sehr wahrscheinlich ausserhalb des Kantons Solothurn.

Wie müssen wir uns die ersten Schritte vorstellen?

Was Vorbereitung und Recherche anbetrifft, arbeite ich eher chaotisch. Ich habe zunächst eine Idee oder mehrere, die ich zu einer Handlung zusammenfüge. Parallel oder etwas zeitversetzt überlege ich mir, wo ich die Geschichte hinpflanze. Das ist bei den Solothurn-Krimis weniger ein Problem als bei Cora Johannis. In der Regel betreibe ich erste Recherchen vor Ort und bespreche mich mit den Experten wie Polizei, Staatsanwaltschaft und Rechtsmedizin. Detailrecherche mache ich oft erst, wenn die Rohfassung niedergeschrieben ist. Erst dann weiss ich, welche Details ich prüfen oder nachrecherchieren muss. Das birgt das Risiko, dass ich unter Umständen die eine oder andere Passage anpassen muss.