Brustzentrum
Horror-Diagnose Brustkrebs: «Ich habe mich damals gar nicht mehr als richtige Frau gefühlt»

Frauen mit Brustkrebs seien zwar oft über 60. Aber nur, weil das in der Statistik so stehe, bedeute dies nicht, dass bei jungen Frauen das Risiko gleich Null sei. Bei einem Publikumsanlass erzählen zwei junge, ehemalige Betroffene erzählen ihre Geschichte.

Noëlle Karpf
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Die Gesprächsrunde (von links): Thomas Egger (Onkologiezentrum Bürgerspital Solothurn), Andrea (ehemalige Betroffene), Franziska Maurer (Frauenklinik Bürgerspital), Esther (ehemalige Betroffene) und Cornelia Staub (Brustzentrum Solothurn).

Die Gesprächsrunde (von links): Thomas Egger (Onkologiezentrum Bürgerspital Solothurn), Andrea (ehemalige Betroffene), Franziska Maurer (Frauenklinik Bürgerspital), Esther (ehemalige Betroffene) und Cornelia Staub (Brustzentrum Solothurn).

Hanspeter Bärtschi

Esther war 30, als sie ihre Diagnose erhielt. «Damals dachte ich, das geht mich gar nichts an. Das trifft doch andere – aber nicht mich!» Die junge Frau sprach im Rahmen eines Publikumsanlasses, organisiert vom Solothurner Brustzentrum, am Montagabend im Alten Spital in Solothurn vor rund 250 Zuhörern über die Zeit, als sie gegen den Brustkrebs kämpfte. Die Diagnose im Sommer 2015 kam unerwartet. Einmal nach dem Duschen habe sie gespürt, dass irgendetwas mit der Brust nicht in Ordnung war. Beim Frauenarzt erfuhr sie, dass sie Krebs hatte.

Ähnliches berichtete Andrea, die ihre Diagnose ebenfalls im Sommer 2015 erhielt. Sie war damals 35, bereits Mutter von zwei Jungen. Sie habe sich nach den Sommerferien ein «Büggeli» an der Brust, welches sie so gestört habe, wegschneiden lassen und sei zwei Wochen später in die Nachkontrolle. «Ich dachte, es ginge dort um meine Narbe», erzählte die junge Frau, «dann begann diese Horrorgeschichte.» Als sie vom Arzt nach Hause ging, wusste sie: Sie muss operiert werden, Chemotherapie machen, und sie wird ihre Haare
verlieren.

Frage nach dem Kinderwunsch

«Brustkrebs bleibt oft unbemerkt», erklärte Franziska Maurer, Chefärztin der Frauenklinik am Bürgerspital Solothurn, die durch die Veranstaltung führte. Frauen mit Brustkrebs seien zwar oft über 60. Aber nur, weil das in der Statistik so stehe, bedeute dies nicht, dass bei jungen Frauen das Risiko gleich Null sei. Und bei jungen Frauen stelle sich zusätzlich die Frage nach dem Kinderwunsch. Laut Thomas Egger, Leiter des Onkologiezentrums im Bürgerspital Solothurn, beeinträchtigt eine Chemotherapie die Fruchtbarkeit. Es gebe mittlerweile aber Behandlungsmethoden, damit eine junge Betroffene trotzdem noch Kinder kriegen kann. Damit verzögere sich die Chemotherapie um rund zwei Wochen.

Esther wusste damals nicht, ob sie das wollte. «Ich hatte mich überhaupt noch nicht mit der Frage beschäftigt.» Schliesslich habe sie sich dagegen entschieden. Im Fokus sei für sie damals gestanden, gesund zu werden.

Krebs mit Perücke versteckt

Auch Sex sei in dieser Zeit gar nicht relevant gewesen, sagte Esther. Sie habe sich damals gar nicht mehr als richtige Frau gefühlt. Wegen der Nebenwirkungen der Chemotherapie: Haare, Wimpern, Augenbrauen fielen ihr aus, Nägel brachen ab. Esther trug, als sie krank war, eine Langhaarperücke. «Ich dachte, wenn ich einen Mann mit nach Hause nehme, die Perücke abziehe und mich abschminke, dann verzieht der sich gleich.» Mittlerweile sind ihre Haare nachgewachsen, die junge Frau trägt sie kurz und rot gefärbt.

Auch Andrea fielen während der Chemotherapie die Haare aus. Sie habe ihre Perücke praktisch durchgehend getragen, auch vor dem engeren Umfeld. «Das war mir wichtig, wegen meiner Kinder», erklärte die zweifache Mutter. Sie habe auch nicht gewollt, dass Schulfreunde ihrer Jungen sie auf der Strasse ohne Haare sehen, und dann nicht mehr zu ihnen nach Hause zum Spielen kommen wollen – weil ihre Mutter «komisch» aussehe.

Hohe Heilchancen

Während der Schilderungen der beiden jungen Frauen begann eine Zuschauerin im Publikum zu weinen. Sie beginne morgen ihre Therapie, erklärte Maurer dem Publikum. Auch den beiden ehemaligen Betroffenen auf der Bühne kamen mehrmals die Tränen.

Es sei eine schlimme Zeit gewesen. Aber: Sie seien stärker daraus hervorgegangen.
«Zum Glück können wir sagen, dass diese beiden jungen Frauen heute wieder gesund sind», sagte Maurer. Auch wenn man den Krebs erst dann entdecke, wenn er schon Ableger gemacht habe, sei er heute kein Todesurteil mehr, fügte Egger an. Sondern er werde zu einer chronischen Krankheit. «Und wenn man ihn früh genug entdeckt, sind die Heilchancen gross.»

Der Einfluss der Brust

Das Brustzentrum Solothurn Bern hat am Montag anlässlich des internationalen Brustkrebsmonat Oktober zu drei Vorträgen im Alten Spital eingeladen. Vor den beiden jungen Frauen, die über ihre eigene Geschichte sprachen, hielt Renzo Brun del Re, Leiter des Brustzentrums Bern, einen Vortrag zum Thema «Die Brust im Wandel der Zeit». Er zeigte anhand seiner Präsentation, welchen Einfluss die Brust auf Geschichte, Politik oder Mode hatte. Auch die Kunsthistorikerin Désirée Antonietti von Steiger hielt ein Referat. Sie zeigte verschiedene Abbildungen der Brust aus der gesamten Kunstgeschichte – von der Madonna bis zu Werbeplakaten für Unterwäsche. (NKA)

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